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Dienstag, 30. August 2011

Die Geschichte Teil 41

23. Januar 1991. Landgericht Frankfurt. Die Verhandlung war ein Skandal. Kruse blieb bei seiner Notwehrgeschichte und niemand konnte ihm das Gegenteil beweisen. Trimmi wurde als aggressiv und gefährlich dargestellt, und als jemand, gegen den man sich nur mit dem Messer zur Wehr setzen konnte. "Körperverletzung mit Todesfolge", so hieß es auf einmal. Dazu kamen ein paar weitere Ungereimtheiten. Warum war die Staatsanwältin von einer anderen Strafkammer ? Warum hatte sie bis jetzt nur Wirtschaftsdelikte bearbeitet und wie kam es, dass dies ihr erster Fall von Todschlag war ? Und warum ging sie danach wieder zu ihren Wirtschaftsdelikten zurück ? Warum ging Frau Trimborns Anwalt nach dem Freispruch nicht in Revision ? Vielmehr warum zog er die Revision zurück und benachrichtigte Frau Trimborn nicht davon. Was zur Folge hatte, dass wichtige Einspruchsfristen nicht eingehalten werden konnten. Kruses Eltern betrieben ein privates Altenheim im Taunus und lebten in einer geräumigen 2,5 Millionen Immobilie. Konnte es eine Rolle gespielt haben, dass Scheuer (Anwalt von Kruse) ein bekannter Anwalt war und Kruses Familie über ungeheure finanzielle Mittel verfügte ?
Als Kruse schließlich mit den Worten "im Zweifel für den Angeklagten" freigesprochen wurde, brachen im Gerichtssaal Tumulte aus. Alle schrien durcheinander, Trimmis Vater brach zusammen und den grinsenden Kruse musste man durch einen Geheimgang in Sicherheit bringen. Sieben Monate hatte er in U-Haft gesessen, und für diese sieben Monate bekam er nun eine Entschädigung von 7000 Mark. Der Tumult im Gerichtssaal ging von allen Anwesenden aus, die sich über das Urteil lautstark empörten. Allen voran Trimmis ehemalige Kollegen und sein Chef. Interessant war die Tatsache, dass die Medien gerne solche Zwischenfälle an einem Namen festmachten. Außer Stephan war niemand von der Band bei der Abschlußverhandlung dabei gewesen. Natürlich hatte er sich aufgeregt, als das Urteil verkündet wurde. Für ihn und den Rest der Band war der Fall klar. Lieder mussten her und zwar dringend.
Eins für Trimmi

und eins für Kruse.

Einen Marathon von Schmerzen wollten sie ihm schicken, und das taten sie in Form eines Liedes. Nie wieder sollte Kruse ruhig schlafen können. Dieses Lied sollte ihn immer an das erinnern, was er getan hatte, sollte ihm nie endende Qualen bereiten. Mit Kruse waren sie noch lange nicht fertig.


Die Böhsen Onkelz waren entschlossener denn je, ihren Weg als Rockband fortzusetzen und alle Hürden zu nehmen, die man vor ihnen aufbauen würde. Dazu gehörte auch, dass sie über einen Indizierungsantrag des Kreisjugendamtes Saarlouis, der vorschlug, die "Es ist soweit" wegen Jugendgefährdung verbieten zu lassen, einfach nur lachten. Vor diesem Hintergrund, aus Schmerz, Trauer und Wut, in dieser Zeit, als Kevin anfing das H zu drücken, als der beste Freund tot und der Täter freigesprochen war, schrieb Stephan die Texte zum neuen Album. "Wir ham noch lange nicht genug" war die kompakte Antwort auf das erlittene Unrecht.
"Vom Himmel in die Hölle und von der Hölle ganz hinauf - Ein tiefer Fall nach unten und die Treppe wieder rauf." Solange, bis auch der Dämlichste begriffen hatte, dass die Böhsen Onkelz niemals aufgaben, bevor sie nicht alles gesagt hatten, was es zu sagen gab.
"Wir ham noch lange nicht genug . . ." war so nah an der Wahrheit der Onkelz, wie keines der vorherigen Alben. Jedes Lied hatte einen ganz persönlichen Hintergrund. So persönlich, dass die Band für jeden, der sie genau kannte, förmlich nackt da stand. Auch dieses Album wurde dem toten Trimmi gewidmet.
In "Zeig mir den Weg" versuchte Stephan seine Meinung über die Presse noch einmal genau zu umreißen. Dazu kam der typische "Wir sind die Geilsten"-Pathos, verpackt in eine Melodie, die so eingängig und treibend war, dass Bellaphon sich nicht weiter um die Werbung kümmern musste. Alles, was nach der "Es ist soweit" kam, waren Selbstläufer, die sofort nach der Veröffentlichung begeistert gekauft wurden.

". . . Licht und Schatten steh´n gemeinsam vor der Tür . . ." mit diesen Worten hatte Stephan unbewusst seine Psyche konkret charakterisiert. Stephan war Zwilling, wie er zweifacher nicht sein konnte. Seine Texte waren, je nach Betrachtungsweise und Ausgangspunkt, extrem verlogen oder extrem ehrlich, und genau das machte die Bewertung der Lieder durch die Öffentlichkeit so schwierig. Mit diesem Spielraum konnten die meisten Onkelzkritiker nichts anfangen. Sie projizierten ihre unbestätigten Vermutungen in diese Lieder hinein, bevor sie sie gehört hatten.
Die Böhsen Onkelz waren jetzt eine gefestigte Einheit. Unzertrennlich zusammengeschweißt durch gemeinsame Erlebnisse. Stephan war der Kopf und das Gehirn, der Antrieb und die Idee. Gonzo war Gliedmaßen und Virtuosität. Er stand unter einem Aufopferungszwang, der von ihm verlangte, sein ganzes Können zur Verfügung zu stellen, damit der Kopf sich ausdrücken konnte. Kevin war der Bauch, das Gedärm und die Eier. Er holte das Tier und die tief verborgenen Ängste herauf. Seine brutale Stimme und sein autoritäres Auftreten gaben dem Kopf Wirkung und Gestalt. Pe war das Herzstück und der Rhythmus, Auge des Orkans, Takt und Balance. Besonnen, verlässlich und souverän. So und nicht anders, setzte sich die Chemie der Onkelz zusammen.
Die Reaktionen der Fans und der Medien auf das neue Album waren gespalten. Begeisterung auf der einen Seite, Empörung und Verachtung auf der anderen. Nach wie vor gab es die Onkelzplatten nur in wenigen Läden zu kaufen. Der unausgesprochene Boykott der Musikindustrie gegenüber der Band sollte sich von nun an noch verschärfen.

Samstag, 27. August 2011

Die Geschichte Teil 39


"Es ist soweit" war im Kasten. Sie schleuderten Nowotny die Masterbänder vor die Füße und ließen ihn stehen. Der Mord an Trimmi zögerte das Veröffentlichungsdatum der neuen LP um einige Tage hinaus, weil sie die Platte unbedingt ihrem toten Freund widmen wollten und die Druckvorlagen dementsprechend geändert werden mussten. Trimmi wurde vier Tage später auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Die kleine Kapelle konnte die Menschenmengen nicht fassen. Viele mussten draußen warten. Während das Lied "Erinnerungen" von den Böhsen Onkelz durch die Kapelle dröhnte, gab es wohl niemanden, der nicht weinte.

Das Leben ging weiter, gnadenlos, ohne Pause. Seit Juni 1990 und mit Abgabe der Masterbänder für die "Es ist soweit", waren die Onkelz ohne Vertragspartner. Die Platte verkaufte sich in nur zwei Wochen 30 000 mal und kletterte im August 90 bis auf die Position 37 in den Albumcharts der "Nordparade".
Mehrere Ereignisse, von denen Trimmis Tod nur eines unter vielen war, beeinflussten die Laufbahn der Böhsen Onkelz massiv. Gonzo arbeitete noch immer als Maschineneinrichter. Er war oft auf Nachtschicht, und falls es mit den Böhsen Onkelz jetzt noch professioneller werden sollte, dann müsste er sich überlegen, ob er seinen Job nicht besser kündigte. Bisher verdiente keiner der vier Bandmitglieder soviel Geld mit der Musik, dass er es sich hätte leisten können, nicht zu arbeiten. Kevin hatte sich mehrfach mit Alf Diamond zerstritten. Alf galt als Abzocker, als einer der davon lebte, Menschen über den Tisch zu ziehen, wo er nur konnte. Lange würde Kevin sein Können nicht mehr an Alf verscherbeln, der sich mit dessen Kunst allmählich eine goldene Nase verdiente. Auch Pe hatte die Schnauze voll von seinem Job. Sein Chef war ein schwerer Choleriker, geldgierig und kalt. Pe würde lieber heute als morgen kündigen. Was Stephan anging, war auch er an einen Punkt gekommen, an dem er sich neu orientieren musste. Er war jetzt der alleinige Chef und Manager der Cadillac Ranch. Der Skate- und Snowboardboom hielt zwar noch an, aber in Frankfurt und Umgebung gab es zu viele Läden. Bis zum Herbst 90 rutschten die Konten der Ranch weit in den roten Bereich. Wenn sie von ihrer Musik leben und wenn sie ihre Jobs an den Nagel hängen wollten, dann war jetzt die Zeit gekommen. Jetzt mussten Entscheidungen getroffen werden, die die öffentliche Zukunft der Band und die private Zukunft der vier Musiker, absichern konnte.

Manchmal passieren die richtigen Dinge zur richtigen Zeit. Nachdem der Nowotnyvertrag erfüllt und ausgelaufen war, meldete sich prompt der nächste Interessent bei den Onkelz. Die alteingesessene Frankfurter Plattenfirma Bellaphon Records, war auch die Firma, über die der Vertrieb von Metal Enterprises lief. Das bedeutete, dass man im Hause Bellaphon stets einen genauen Überblick über die Verkäufe der Onkelz gehabt haben muss. Selbstverständlich war eine Band, die in zwei Wochen ohne Werbung und fast ohne Livekonzerte, ohne Medienpräsenz und ohne Radioairplay 30 000 Einheiten verkaufte, nicht lange allein. Der Chef der Bellaphon rief im Herbst bei Stephan an und bat ihn zu einem zwanglosen Gespräch in sein Büro. Das war nun eine ganz andere Verhandlungsbasis, als die Onkelz sie bisher kennengelernt hatten. Auch wenn sie viele schlechte Volksmusikanten unter Vertrag hatten, waren die Böhsen Onkelz hier gut aufgehoben, dachte Stephan. Kein alberner Ein-Mann-Betrieb, sondern eine Firma mit Rechtsabteilung und mit einem richtigen Chef, der ganz beiläufig so lässige Wörter wie "Vorschuss", "monatliche Auszahlung" und "Künstlerbetreuung" fallen lies. Bellaphon bot den Onkelz einen Künstlerexklusivvertrag über drei Studioalben, plus einer Option an. Bei einer prozentualen Beteiligung, die weit höher lag, als was sie bisher bekommen hatten. Sollten sich die Böhsen Onkelz zu diesem Schritt entscheiden, dann hieße das, dass sie ihre Jobs aufgeben und sich nur noch ihrer Musik widmen würden. Lange mussten sie nicht diskutieren, jeder in der Band war dazu bereit. Im Oktober 90 feierten die Onkelz mit der Bellaphonbelegschaft ihren Einstand in der neuen Firma. Der Vertrag startete am 01.01.1991. Dass Nowotny bereits seit längerer Zeit illegale Tonträger der Band herzustellen und sie über Bellaphon zu vertreiben schien, wusste außerhalb der Firma wohl niemand.

Dienstag, 23. August 2011

Die Geschichte Teil 38 - Trimmi wird ermordet

Trotz aller Probleme lief es eigentlich ganz gut. Am 15. Juni 1990 lief es ganz besonders gut. Jedenfalls für die Deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Italien. Es war Pe´s 26ster Geburtstag. Stephan und Pia luden ihn zu sich nach Kelkheim ein. Dort wollten sie für ihn kochen und das Spiel der Deutschen gegen die Arabischen Emirate anschauen. Später wollten sie nach Frankfurt fahren, um sich mit Kevin und Trimmi in Sachsenhausen zu treffen. Doch gegen 11:00 rief Stephan in der 28 an und sagte ab. Pe fuhr kurz darauf nach Hause und legte sich schlafen. Die 28 war während des überlegenen Spiels der Deutschen Mannschaft gut ins Brüllen geraten. Nach Stephans Anruf hielt es sie nicht länger in der Wohnung. Auge, Trimmi und Kevin bestellten einen der verängstigten Taxifahrer vor die Haustür und ließen sich geradewegs nach Sachsenhausen ins "Speak Easy" chauffieren. Schon nach kurzer Zeit stand Trimmi im offenen Hemd da, und war bereit den ganzen Laden einzuladen. Das tat er oft, wenn er etwas Geld in der Tasche hatte und guter Laune war. An diesem Abend war er besonders guter Laune. Zwischen all dem Gejohle, Gesaufe und Geschiebe musste Trimmi irgendwann die Toilette aufsuchen. Auf dem Klo traf er Auge. Nebeneinander standen sie vor der Rinne und lachten über Witze, die sie sich kurz zuvor an der Theke erzählt hatten. Aus einer der Toilettenkabinen kamen Geräusche, die sich verdächtig danach anhörten, als wenn sich dort zwei Typen gerade eine Nase Koka reinziehen würden. Auge war als erster mit dem Pinkeln fertig und verließ auch als erster das Klo. Nicht ohne sich auf halbem Wege zur Bar noch einmal umzudrehen. Durch die offene Toilettentür musste er eine Szene beobachten, die so kurz und so irreal war, dass die ganze Welt um ihn herum zu gefrieren schien. Die zwei Typen, die aus dem Klo gekommen waren, hatten Trimmi in ihrer Mitte stehen. Trimmi, mit einem Bierglas in der Hand,sah aus, als wenn er dringend Hilfe benötigte. Die Situation schrie nach einem Eingriff, aber Auge konnte sich nicht bewegen. Einer der zwei Männer hatte ein Messer in der Hand und stach es Trimmi in die Brust. Einfach so. Trimmi stürzte daraufhin panisch aus der Toilette, durch den Flur und genau in Auges Arme. Er stammelte etwas davon, dass er gestochen worden war, und er schrie Auge an, dass der etwas unternehmen sollte. Dann riß er sich los und flog auf Kevin zu, der ungläubig auf Trimmis blutende Brust starrte. Auge hatte endlich seine Fassung wiedergefunden und brach krachend durch die Klotür. Der Täter stach sofort mit seine Messer auf Auge ein. Auge hatte ein paar Schwinger landen können, blutete aber stark aus mehreren Wunden. Keine 5 Sekunden später lag Auge am Boden und fürchtete um sein Leben.
Kevin hockte draußen auf der Straße und hielt den schwer blutenden Trimmi in seinen Armen. Trimmi war kreidebleich und keuchte. Die nackte Panik sprach aus seinen Augen. Mit einer Hand hielt er sich an Kevins Kragen fest, die andere hielt er auf die Wunde gepresst. Sprechen konnten sie beide nicht.
Auge wehrte sich mit Händen und Füßen, während der Typ mit dem Messer immer noch auf ihn einhackte. Stefan Winter, das Tier, das damals Kevin im Klapperkahn beinahe totgeschlagen hatte, war mit einem Garderobenständer in die Herrentoilette eingefallen und schlug nun den Messerstecher damit nieder. Gott im Himmel, wie haben Winter und Auge diese zwei Typen zusammengetreten. Dem einen haben sie ein Ohr abgeschlagen, dass später wieder angenäht werden musste. In all dem Blut und dem Gekreische sind Auge und Winter dann nach draußen gelaufen. Sie mussten unbedingt heraus finden, was mit Trimmi passiert war. Auf der Straße hatte sich eine große Menschenmasse versammelt. Ein Notarztwagen stand dort i der schmalen Gasse, und von überall waren Polizeisirenen zu hören, die sich dem Tatort näherten. Das Messer lag noch auf dem Boden, die Täter aber waren geflüchtet. Im Notarztwagen sah Auge seinen Freund Trimmi liegen, dessen Körper sich unter den Stromstößen noch einmal aufbäumte und dann liegen blieb. Trimmi, zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt, war schon nach 3 Minuten, noch bevor der Krankenwagen in die Gasse eingebogen war, in Kevins Armen verblutet. Der Tod verließ die Szene gegen 00:40.
Kevin stand blutverschmiert hinter dem offenen Notarztwagen und sah blicklos auf die Instrumente. Dort lag Trimmi unter einem weißen Tuch und bewegte sich nicht mehr. Kevin wusste nichts über den Tod, nichts über diese Art von Tod. Seine Welt, weit weg wie sie ohnehin schon war, verschwand nun vollends hinter einer dicken Milchglasscheibe.

Um 3:30 klingelte das Telefon bei Stephan : "Komm sofort in die 28. Es ist etwas passiert. Beeil dich !" Als Stephan in der 28 eintraf, bot sich ihm ein Bild der Verzweiflung. Ein paar zerstörte Rocker fand er vor und einen schluchzenden Russell, der schäumend vor Wut und Schmerz seinen Kopf gegen die Wand schlug. Stephan wollte es nicht glauben. Er wurde nervöser und nervöser und kämpfte mit den Tränen.Niemals wieder erlebte die 28 eine dunklere Nacht. Zu Hause schloss Stephan sich in sein Schlafzimmer ein und weinte 48 Stunden lang. Stephans Gefühle waren fast immer echt, klar und sauber. Er konnte krass und brutal sein, das schon, und er ließ die Leute immer wissen, was er von ihnen hielt, besonders gerne, wenn er sie nicht mochte. Aber das galt genau so für die Menschen, die er liebte. Er war in seinen Emotionen extrem geradlinig. Niemals hegte er für jemanden ungenaue Sympathien. Wenn er jemanden kennenlernte, dann war es schwer für diese Person, sein Vertrauen zu gewinnen. Gelang es ihr jedoch und Stephan akzeptierte einen Menschen, dann konnte dieser sich gewiss sein, dass Stephan ihn niemals belügen würde, dass er immer zu ihm Stehen würde. Ein Arschloch war ein Arschloch und ein Freund war ein Freund. Trimmi war der beste Freund der Böhsen Onkelz. Nicht einer der Besten, sondern der Beste.
Roland Kruse hieß der Mensch, der für Trimmis Tod verantwortlich war. Er hatte sich nach der Tat gestellt und saß bereits in U-Haft. Er war der zweite Sohn einer reichen Familie aus Bad Vilbel und war mehrfach wegen Körperverletzung und Raubüberfall vorbestraft. Laut eigenen Angaben trug Kruse (21) immer ein Messer zur Selbstverteidigung bei sich. Er sei von Trimmi mit einem Bierglas bedroht worden. Er habe in Notwehr gehandelt, gab er zu Protokoll. Mit dieser Aussage wollte sich die Band nicht zufrieden geben. Alle dachten an Rache. Aber für´s erste sollte Kruse seine Tage in unerträglicher Angst verbringen. Er sollte wissen, wessen Zorn er geweckt hatte, und diese Erkenntnis sollte ihn langsam aber sicher um den Verstand bringen.

Dienstag, 9. August 2011

Die Geschichte Teil 31


Kevin hatte mehrere Versuche unternommen, Moni Weidner zurückzugewinnen, und mehr als einmal hatte sie ihn wieder zu sich in die Wohnung gelassen. Sie hasste sich für ihre mangelnde Konsequenz und dafür, dass sie immer wieder darauf hereinfiel, wenn Kevin ihr sagte, dass er ohne sie nicht leben konnte. Wahrscheinlich sagte er sogar die Wahrheit, aber das Problem war sein fehlender Lebenswille insgesamt, seine chronische Negativität und sein egoistischer Drang, andere Menschen mit hinabzureißen, nur um sie dann ihrer Triebhaftigkeit zu überlassen. Kevin wusste wie er Moni´s Mitleid erregte, und sie war nicht selbstsicher genug, ihm mit Entschlossenheit entgegenzutreten. Schon bald kam Kevin regelmäßig in den Sandweg, um bei Moni zu übernachten, und schon bald zog sich auch Moni an den Wochenenden das Koks in die Nase.
In der "28" schepperte es wie eh und jeh. Ab Mitte der Achtziger war in Frankfurt eine neue Droge im Umlauf, die sich Extacy nannte und nun auch in der "28" ausprobiert wurde. Extacy oder XTC war ein Antidepressiva auf MDMA-Basis, das, je nach Dosis, euphorische Glücksgefühle auslöste, die etwa 3-4 Stunden andauerten. XTC war ein Riesenspaß, Happy-Pillen, die sie zwar höllisch wegkickten, die aber nicht so paranoid und rappelig machten wie Acid. Das schöne daran war, dass eigentlich nichts schief gehen konnte. Die ausgeschütteten Endorphine und Adrenaline sorgten für glühende Glückseligkeit. Das Fatale an den Pillen war jedoch, dass man sie über die Monate hinweg in immer größeren Dosen zu sich nahm und dass das Aufwachen in der Realität oft Depressionen auslöste, die sich 1-2 Tage hinziehen konnten. "Viertel", "Drittel" und "Halbe" E´s wurden in der "28" geschluckt wie Drops. Von Freitagabend bis Montagmorgen versank die 28 in zotenreißendem Wahnsinn. Immer und immer wieder wurde nachgelegt, bis ihnen fast die Augen aus den Höhlen quollen und ihre Gesichtszüge sich derangierten. Koks und Speed wurden zusätzlich noch oben drüber geschnuppt, was natürlich Blödsinn war, aber das interessierte sowieso niemanden. Wenn es einmal soweit fortgeschritten war, dass alle nur noch da lagen und extatisch zuckten, dann ließ Trimmi meistens seine Vogelspinnen frei.
Ein ebenso groteskes, wie surreales Bild war Trimmis Zusammenbruch auf Extacy, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Trimmi hatte ein schwaches Herz, als Folge eines Stromschlags während seiner Elektrikerlehre. MDMA, Kokain, Speed und all das Zeug brachten sein Herz grundsätzlich an den Rand des Fliehkraftkollaps. Manchmal dachte er, dass es ihm vor lauter Rotation gleich aus der Brust springen würde. Als er sich schließlich überdosiert hatte und kalkweiß in die Knie ging, sah man den ganzen zugeknallten und verstrahlten Haufen, wie er hektisch durch die 28 stolperte. Alarmsirenen kreischten in ihren Köpfen, Warnleuchten drehten sich, Handfeste Panik brach aus. Wo war das Telefon ?
Trimmi überlebte, aber eines Tages, das zeichnete sich ab, würde ein Opfer gefordert werden. 

Mittwoch, 27. Juli 2011

Die Geschichte Teil 22 - Trimmi wird der beste Freund der Onkelz

Anfangs, als Kevin sich Farbe und Nadeln besorgt hatte und damit in Frankfurt herumdokterte, war Alf Diamond zu ihm gekommen und wollte ihm sein Werkzeug abnehmen. Alf wurde hysterisch, wenn er hörte, dass irgend jemand auf eigene Faust zu tätowieren begann. Die Onkelz waren gute Kunden. Stephan hatte sich von Alf im letzten Jahr eine Ratte mit Totenschädel auf den linken Oberarm stechen lassen, und eine Seeschlange umspült von tosender Brandung auf den rechten Oberarm war in Arbeit. Kevin trug unter dem gekreuzigten Skinhead auf seiner Brust einen verschnörkelten Böhse Onkelz Schriftzug, den Alf gestochen hatte und der sich über seinen ganzen Bauch spannte.
Alf erkannte sofort, welches Talent in Kevin schlummerte, und dass sich Kevin vermutlich schnell als gefragter Tattooartist etablieren würde. Nichts lag näher, als der Gedanke daran, ihm einen Job zu geben. Alf zog mit seinem Laden nach Sachsenhausen und schon sehr bald war Kevin eine feste Frankfurter Tattoogröße geworden. Kevin war jetzt streckenweise glücklich. Nicht nur war er einer der Härtesten, nicht nur war er der Sänger der Böhsen Onkelz, der geilsten Band des Universums, er war auch Tätowierer in einem angesagten Frankfurter Studio. derjenige, der all den anderen Härtnern die Bilder auf den Körper piekste. Männern und Frauen, Hooligans, Asis, Normalos, Skins und manchem beinharten Rocker. Von allen erntete er Akzeptanz und Respekt. Ein Tätowierer, wenn er einen guten Ruf genoss, war jemand mit dem man nicht dumm rummachte. Tätowieren war eine ernste Sache, eine Kunst, und ein Tätowierer war ein Künstler. Jetzt konnte er sich zusammen mit Moni eine Wohnung suchen. Die Weberstr. 28 im Frankfurter Nordend wurde das neue zu Hause von Kevin und Moni. Keiner ihrer Freunde hätte sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen können, was für Tragödien sich noch in dieser Wohnung abspielen sollten.

Gonzo und Stephan prügelten sich weniger. Sie hörten allmählich damit auf, in jedem Menschen einen potentiellen Feind zu sehen. Ihre sozialen Kontakte verschoben sich ebenfalls. Kuchen und die anderen Skins verschwanden aus dem Bekanntenkreis und die Kneipen änderten ihre Namen. Hanim´s Pinte hatte als Treffpunkt ausgedient. An seine Stelle traten Kneipen in Sachsenhausen, das "Schöppchen" und das "Speak Easy".
In einer dieser Kneipen traf Kevin auf Andreas Trimborn. Dieser Typ war der witzigste Mensch, dem Kevin je begegnet war. 19 Jahre alt, langhaarig und gut gelaunt. Seine Freunde, von denen er unzählige zu haben schien, nannten ihn entweder Andi oder Trimmi. Er arbeitete bei Elektro-Fuchs und sogar sein Chef und seine Kollegen liebten ihn. Trimmi war so unbeschreiblich komisch, dass Kevin ihn gern haben musste. Wenn Trimmi loslegte, dann lispelte er irgendetwas total Trockenes in tiefstem hessisch daher und war dabei so liebenswürdig und freundlich, dass er grundsätzlich eine kleine Gruppe von Lachern und Fans um sich herum stehen hatte. Als Trimmi schließlich auf Stephan und Gonzo traf, waren die schon vorgewarnt gewesen. Kevin hatte ihnen mehr als einmal von ihm erzählt. Die persönliche Begegnung übertraf ihre Erwartungen jedoch bei weitem. Stundenlang hatten sie mit Trimmi im Park gesessen, Bier getrunken und sich vor Lachen fast übergeben. Trimmi war einer von den Menschen, die man sofort in sein Herz schloß. Trimmi wurde schnell zum besten Freund der Onkelz, und war ab 1986 Kevins ständiger Begleiter.