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Donnerstag, 1. März 2012

Die Geschichte - Teil 57

1994
Mit Abgabe der Masterbänder "Schwarz" und "Weiß" war der Vertrag mit Bellaphon erfüllt und ab dem 01.01.1994 waren die Onkelz erneut ohne Partner. Seit einer fetten Nachzahlung, die Stephan der Firma abverlangt hatte, war die Stimmung zwischen den Onkelz und Bellaphon gespannt. Durch den Verkauf der letzten vier Veröffentlichungen hatte sich Bellaphon saniert. Die Böhsen Onkelz waren ihr meistverkaufter Act gewesen. Grund genug für die Firma schnell noch ein "Best of . . ." Album herauszubringen, das Anfang 94 als regulärer Sampler erscheinen sollte. Obwohl die Böhsen Onkelz dagegen waren, hatten sie keine rechtliche Handhabe. Das einzige, was sie in diesem Fall tun konnten, war darauf zu achten, dass die Gestaltung des Covers ihren Wünschen entsprach und dass die Aufnahmen von guter Qualität waren.
"Gehasst, verdammt, vergöttert . . . die letzten Jahre". Im Booklet brachte die Band, über der Figur einer "Justitia" mit Wage und verbundenen Augen, eine Nachricht unter :
"Die Wahrheit erschließt sich einem nicht auf den ersten Blick . . ."



93 bis 96 waren die Jahre, in denen sich die Anwälte der Band ausgiebig mit den Vertragsverletzungen der Firmen Rock `o ` Rama, Metal Enterprices und Bellaphon befassten. Mit Nowotny fingen sie an. Nowotny hatte keine Gelegenheit ausgelassen, die Böhsen Onkelz in den Schmutz zu ziehen, ihre Distanzierungsversuche zunichte zu machen und auf jede nur erdenkliche Art Profit aus dem Namen der Band zu pressen. Am 21.03.1994 veröffentlichte er die "Best of" - CD "Könige für einen Tag", die besonders durch eine Covergestaltung unangenehm auffiel, die aus Sicht der Band einen nationalistischen Eindruck vermittelte. Das Booklet war braun mit Goldrand, in der Mitte war ein schwarzer Adler und darüber in altdeutscher Schrift "Böhse Onkelz Könige für einen Tag". Nowotny wurde wegen dieser Covergestaltung von den Anwälten der Onkelz abgemahnt. Er sollte eine Unterlassungserklärung abgeben. Als er sich weigerte, verbot ihm das Landgericht Hamburg den Tonträger weiterhin zu vertreiben.
Bellaphon verdiente auch an allen Nowotny - Veröffentlichungen mit. Also auch an "Könige für einen Tag". Die Tatsache, dass Bellaphon die Covergestaltung in Kauf nahm, brachte den endgültigen Vertrauensbruch zwischen den Onkelz und der Plattenfirma. Auch Bellaphon wurde von den Anwälten der Onkelz abgemahnt, den Vertrieb des Tonträgers "Könige für einen Tag" zu unterlassen. Bellaphon gab ebenfalls keine strafbewehrte Unterlassungserklärung ab und musste, genau wie Nowotny, über ein Gerichtsverfahren dazu gezwungen werden.



1994 standen die Onkelz auf Platz 3 der gefragtesten Bands und galten als die unterbewerteste Gruppe überhaupt. Stephan Weidner wurde mit großem Abstand zur Persönlichkeit des Jahres 93 gewählt. Die größte Hoffnung für 94 im Metal Hammer war : Böhse Onkelz live - Platz 2.

Samstag, 27. August 2011

Die Geschichte Teil 39


"Es ist soweit" war im Kasten. Sie schleuderten Nowotny die Masterbänder vor die Füße und ließen ihn stehen. Der Mord an Trimmi zögerte das Veröffentlichungsdatum der neuen LP um einige Tage hinaus, weil sie die Platte unbedingt ihrem toten Freund widmen wollten und die Druckvorlagen dementsprechend geändert werden mussten. Trimmi wurde vier Tage später auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Die kleine Kapelle konnte die Menschenmengen nicht fassen. Viele mussten draußen warten. Während das Lied "Erinnerungen" von den Böhsen Onkelz durch die Kapelle dröhnte, gab es wohl niemanden, der nicht weinte.

Das Leben ging weiter, gnadenlos, ohne Pause. Seit Juni 1990 und mit Abgabe der Masterbänder für die "Es ist soweit", waren die Onkelz ohne Vertragspartner. Die Platte verkaufte sich in nur zwei Wochen 30 000 mal und kletterte im August 90 bis auf die Position 37 in den Albumcharts der "Nordparade".
Mehrere Ereignisse, von denen Trimmis Tod nur eines unter vielen war, beeinflussten die Laufbahn der Böhsen Onkelz massiv. Gonzo arbeitete noch immer als Maschineneinrichter. Er war oft auf Nachtschicht, und falls es mit den Böhsen Onkelz jetzt noch professioneller werden sollte, dann müsste er sich überlegen, ob er seinen Job nicht besser kündigte. Bisher verdiente keiner der vier Bandmitglieder soviel Geld mit der Musik, dass er es sich hätte leisten können, nicht zu arbeiten. Kevin hatte sich mehrfach mit Alf Diamond zerstritten. Alf galt als Abzocker, als einer der davon lebte, Menschen über den Tisch zu ziehen, wo er nur konnte. Lange würde Kevin sein Können nicht mehr an Alf verscherbeln, der sich mit dessen Kunst allmählich eine goldene Nase verdiente. Auch Pe hatte die Schnauze voll von seinem Job. Sein Chef war ein schwerer Choleriker, geldgierig und kalt. Pe würde lieber heute als morgen kündigen. Was Stephan anging, war auch er an einen Punkt gekommen, an dem er sich neu orientieren musste. Er war jetzt der alleinige Chef und Manager der Cadillac Ranch. Der Skate- und Snowboardboom hielt zwar noch an, aber in Frankfurt und Umgebung gab es zu viele Läden. Bis zum Herbst 90 rutschten die Konten der Ranch weit in den roten Bereich. Wenn sie von ihrer Musik leben und wenn sie ihre Jobs an den Nagel hängen wollten, dann war jetzt die Zeit gekommen. Jetzt mussten Entscheidungen getroffen werden, die die öffentliche Zukunft der Band und die private Zukunft der vier Musiker, absichern konnte.

Manchmal passieren die richtigen Dinge zur richtigen Zeit. Nachdem der Nowotnyvertrag erfüllt und ausgelaufen war, meldete sich prompt der nächste Interessent bei den Onkelz. Die alteingesessene Frankfurter Plattenfirma Bellaphon Records, war auch die Firma, über die der Vertrieb von Metal Enterprises lief. Das bedeutete, dass man im Hause Bellaphon stets einen genauen Überblick über die Verkäufe der Onkelz gehabt haben muss. Selbstverständlich war eine Band, die in zwei Wochen ohne Werbung und fast ohne Livekonzerte, ohne Medienpräsenz und ohne Radioairplay 30 000 Einheiten verkaufte, nicht lange allein. Der Chef der Bellaphon rief im Herbst bei Stephan an und bat ihn zu einem zwanglosen Gespräch in sein Büro. Das war nun eine ganz andere Verhandlungsbasis, als die Onkelz sie bisher kennengelernt hatten. Auch wenn sie viele schlechte Volksmusikanten unter Vertrag hatten, waren die Böhsen Onkelz hier gut aufgehoben, dachte Stephan. Kein alberner Ein-Mann-Betrieb, sondern eine Firma mit Rechtsabteilung und mit einem richtigen Chef, der ganz beiläufig so lässige Wörter wie "Vorschuss", "monatliche Auszahlung" und "Künstlerbetreuung" fallen lies. Bellaphon bot den Onkelz einen Künstlerexklusivvertrag über drei Studioalben, plus einer Option an. Bei einer prozentualen Beteiligung, die weit höher lag, als was sie bisher bekommen hatten. Sollten sich die Böhsen Onkelz zu diesem Schritt entscheiden, dann hieße das, dass sie ihre Jobs aufgeben und sich nur noch ihrer Musik widmen würden. Lange mussten sie nicht diskutieren, jeder in der Band war dazu bereit. Im Oktober 90 feierten die Onkelz mit der Bellaphonbelegschaft ihren Einstand in der neuen Firma. Der Vertrag startete am 01.01.1991. Dass Nowotny bereits seit längerer Zeit illegale Tonträger der Band herzustellen und sie über Bellaphon zu vertreiben schien, wusste außerhalb der Firma wohl niemand.

Sonntag, 21. August 2011

Die Geschichte Teil 37

1990
Trimmi, Pe und Kevin waren Profis im "Herbeilabern", das hatte schon damals in Hösbach angefangen. Immer mussten sie sich in ihren psychotischen Stories übertrumpfen. Immer musste jemand noch einen draufsetzen und wenn sich Trimmi mit seiner lispelnden Stimme erst einmal ereiferte, war alles zu spät, dann lachten sie Tränen.
Genauso laberten sie den Tod herbei. Das viele "Rauschen" in der 28, der Horror und die Pornos, all das Koks und die H-Schnupferei, das konnte nicht ungestraft bleiben. Anfangs war der Tod ein flüchtiger Besucher, der sich selten sehen ließ. Er nahm hier und dort eine Person aus dem Spiel und lauerte ansonsten geduldig auf eine Möglichkeit zum Zugriff. Als sie die Lieder für ihr neues Album komponierten, hatten sie heftig an seiner Sphäre gesogen und ab 1990 strich er durch die Weberstraße wie ein Triebtäter, der darauf wartete, dass Kevin nach Hause kam. Dann schlüpfte er mit ihm in die 28 und setzte sich ungesehen auf eine der Sofalehnen.
Die Lieder waren zu keiner Zeit schwermütiger als 1990. Das neue Album "Es ist soweit" sollte mit Abstand das Düsterste werden, was die Böhsen Onkelz jemals geschrieben hatten. Genau, wie sie es in einigen Interviews bereits angekündigt hatten. Bestimmt gab es in der klassischen Literatur einige Spezialisten, die ausführlich und bildhaft über den Sex mit Toten geschrieben hatten, eine zweite deutsche Rockband, die wie die Onkelz darüber singen konnte, gab es nicht. Nichts war näher an der Wahrheit als diese Songs. Kevin sang über seine eigene Heroinsucht, über den Wahnsinn, den die Onkelz erlebten und über seinen ganz persönlichen Wunsch nach Schmerz, über seine eigenen teuflischen Leiden-schaften. Jeder, der dieses Album hörte, sollte so leiden, wie er litt. Er war zwar nicht nekrophil und er tötete gewiss keine Kinder, aber er war in der Lage, die schizophrenen Menschen, die das taten, erschreckend echt darzustellen. Kevins Wut war zu keiner Zeit gespielt.

Der Streit mit Nowotny war soweit fortgeschritten, dass sie ihn jetzt unbedingt loswerden wollten. Jedesmal, wenn er Gonzo oder Pe alleine erwischte, riet er ihnen, dass sie sich um ihre eigene Karriere kümmern sollten, dass sie Stephan rausschmeißen sollten, weil er ein Querulant sei und weil man nicht mit ihm zusammenarbeiten könne. Am Ende waren Gonzo und Pe an einem Punkt angekommen, an dem sie es fast glauben wollten. Stephan war schließlich derjenige gewesen, der die Jungs zusammentrommelte und eine Aussprache vorschlug. Immerhin waren sie seit fast 10 Jahren eine Band, und niemals vorher hatte es solch massive Krisen gegeben wie zu dieser Zeit. Es gab Tage, da schlugen sie sich fast gegenseitig den Schädel ein. Sobald sie aber alle vier beieinander saßen, Bier tranken und ernsthaft über ihr Problem nachdachten, da wurde ihnen ganz schnell klar, wer hier der Querulant war und wer hier versuchte, einen Keil zwischen die Bandmitglieder zu treiben. Sie seien eine gute Band, sagte Stephan, schon bevor sie Nowotny getroffen hatten und sie würden es auch nach dieser Zeit sein. Nowotny sollte ihnen auf gar keinen Fall diktieren dürfen, wie sie ihre Laufbahn als Rockband zu planen hatten. Wenn es nach ihm gegangen wäre, so schien es, dann hätten sie jetzt noch Glatzen. Dieses Album noch, dann würden sie etwas anderes finden.


Neben den tiefschwarzen Songs gab es auch einige Stücke auf der "Es ist soweit", die sich bestens zum Mitsingen eigneten. Ein Song richtete sich gegen die Presse und ihre Unwahrheiten und darüber, dass es die Band trotz der Ignoranz der Medien bis hierher geschafft hatte. Gleichzeitig war es ein Jubiläumslied über ihr 10jähriges Bestehen als Böhse Onkelz, bei dem Trimmi lautstark den Refrain unterstützte.

Zu jeder Onkelz LP gehörte dieser Pathos, diese Selbstbeweihräucherung. Die Band war definitiv ihr größter Fan, und Stephan trieb es immer wieder dazu, Songs zu schreiben, die allen beweisen sollten, wie genial "seine" Band sei. Was er woanders nicht bekam, holte er sich hier. Er "laberte" den Ruhm der Böhsen Onkelz einfach herbei. Er betonte immer wieder, dass sie die beste Rockband des Universums seien. solange bis es tatsächlich jeder glaubte. Wie gerne spielte er jedem seiner Freunde seine Musik vor, solange bis sichergestellt war, dass auch jeder darauf abfuhr, solange, bis jeder begriffen hatte, worum es ihm wirklich ging. Die Leute um ihn herum waren verblüfft von der Einfachheit und der Wirksamkeit seiner Technik. 

Mittwoch, 17. August 2011

Die Geschichte Teil 36

Stephan schrieb ständig neue Lieder. Es gingen ihm so viele Songs durch den Kopf, er hätte drei Alben herausbringen können. Ab Oktober 89 komponierten Gonzo und Stephan die Musik für ihre neue Platte, die 1990 erscheinen sollte. Auf der nächsten LP sollte es ein Lied über die 10 Jahre ihrer Bandgeschichte geben. Einen Jubiläumskracher sozusagen. Dazu einen Schocker über Sex mit Toten und natürlich viel Schmerz und noch mehr Leid. Zusätzlich fühlte sich Stephan aufgefordert, ein Lied über einen Heroinsüchtigen zu machen, dass er auf jeden Fall in der zweiten Person Singular schreiben würde.

Nowotny wollte nicht bis zum nächsten Jahr warten. Die Fans gierten nach etwas neuem von den Onkelz, und Nowotny gierte nach dem Geld. Um einen weiteren Umsatzträger zu schaffen, veröffentlichte er im Sommer 89 die "Lügenmarsch" Picturedisc. Außer dem simplen Kaufanreiz, den diese Veröffentlichung als Fotovinyl zu bieten hatte, wobei nur eine Seite mit einem Bild der Band bedruckt war, gab es auf der "Lügenmarsch" gerade mal zwei unbekannte Stücke und die waren nicht neu, sondern bei den Aufnahmen von "Kneipenterroristen" übriggeblieben. "Könige für einen Tag" war der typisch dekadente und ausschweifende Onkelz-Saufsong, der auf keiner Veröffentlichung fehlen durfte. Dazu kam das Lied "Lügenmarsch", als weiterer Hinweis der Musiker an ihre Kritiker und um ihre Ausrichtung als Metallband glaubwürdig zu machen.

Den Böhsen Onkelz war es scheißegal, was über sie geschrieben wurde. Wenn sich nur die Heavy-Metal Magazine ein richtiges Bild machten. Was in der Tagespresse stand, wenn überhaupt mal etwas geschrieben wurde, interessierte sie nicht. Stephan war zu dieser Zeit schon meilenweit von der Skinheadszene entfernt. Er legte jedoch großen Wert darauf, alle neuen Bekanntschaften mit dem Onkelzvirus zu infizieren. Seit dem Bestehen der Cadillac-Ranch hatten sich diese Kontakte noch vertieft. Im Juli 89 warf Stephan seinen Job als eigener Herr in seinem kleinen Transportunternehmen auf den Müll. Er hatte seine Firma während der letzten Jahre in die schwarzen Zahlen gebracht und war nun auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung. Einen Monat später stieg er in die laufenden Geschäfte Der Ranch mit ein. Pe schaute während seiner Mittagspausen vorbei, Gonzo und Kevin besuchten den Laden regelmäßig und sorgten alleine durch ihre Anwesenheit für Umsatz. Im Ranchbüro wurde jetzt auch die meiste Büroarbeit der Böhsen Onkelz erledigt. Wenn jemand etwas über die Band wissen oder Konzerttickets kaufen wollte, dann brauchte er nur in der Ranch anzurufen.
Freitagsnachmittags und samstagsmorgens war der Laden grundsätzlich rappelvoll. Stephan brachte seinen ehrgeizigen, titanischen Weidnerelan in die Geschäfte voll mit ein. Er, der Mann ohne Hauptschulabschluß, der Junge, den man von allen hessischen Schulen verwiesen hatte, stürzte sich umgehend auf das Management und die Buchführung und sorgte dafür, dass der Laden für eine kurze Zeit aufblühte. Dazu kam sein privater Umzug nach Kelkheim, wo er ein Haus am Waldrand mietete. Wo er hinwollte, wusste er zu dieser Zeit noch nicht, aber er war auf dem richtigen Weg, dass konnte er fühlen.

Montag, 15. August 2011

Die Geschichte Teil 34


Am 6. Mai war das nächste Onkelz-Konzert im Bootshaus des Offenbacher Ruderclubs "Wiking". Ein Management vor Ort, geschweige denn ein Management überhaupt, gab es nicht. Nowotny kümmerte sich weder um die Band, noch um die Konzerte, und eine professionelle Security konnte er auch nicht besorgen. Stephan wurde immer wütender auf ihn. Wenn die Band irgendwo auftreten wollte, dann musste sie alles selbst organisieren. Vom Ticketverkauf, über die Ordner bis zum Bierstand. Um die Buchungen mussten sie sich selber kümmern, was sich meistens als größte Hürde herausstellte, weil niemand die Band irgendwo auftreten lassen wollte. Eine Plakatierung oder eine Ankündigung der Konzerte gab es nur selten. Die Sicherheit während der Gigs wurde ab 89 durch Auge, Trimmi, Bomber und ein paar Rüsselsheimer gewährleistet, durch Freunde und Rocker.
In Offenbach war die Stimmung schon um 18:00, als sich die Türen öffneten, gewaltgeladen. Das Bootshaus füllte sich schnell mit großen Teilen der härteren Rocker- und Metallerfraktion, die sich an einem Binding-Stand aufhielten, während vor der Bühne bis zu 50 Glatzen auszumachen waren. Nach dem 4. Lied ertönten lautstarke "Deutschland den Deutschen - Ausländer raus" Rufe, die sich von einem kleinen Zentrum in der Mitte des Saales ausbreiteten und ca. 40-50 Leute erfassten. Diese Parolen griffen zwar nicht weiter um sich, ertönten aber nach einigen Sekunden erschreckend synchron. Ein Pfeifkonzert von einigen hundert anderen Fans, hielt augenblicklich dagegen. Nur 50 von ca. 400 Zuschauern, aber für die Onkelz waren es 50 zuviel. Überall dort, wo gebrüllt wurde, reckten sich auch die rechten Arme zum Hitlergruß. Man konnte wohl von einer kompakten, geschlossenen Minderheit sprechen, nicht aber von 100% aller Fans, die an diesem Abend kamen. Stephan unterbrach das Konzert sofort. Auge und seine Leute zogen ihre Stabtaschenlampen und bauten sich vor der Bühne auf. Ein Eingreifen war nicht nötig. Nach fünf Minuten war der Spuk zu Ende. Stephan hatte den kurzhaarigsten unter seinen Zuschauern durch das Mikro unmissverständlich klar gemacht, dass sie hier nicht erwünscht waren und sich verpissen sollten, und er hatte es so ernst und so deutlich gesagt, dass sofort Ruhe einkehrte. Nach der Ansage war Ruhe. Die Onkelz spielten ihr Set mehr oder weniger lustlos runter und verließen den Saal ohne Zugabe. Die Glatzen verzogen sich nach dem Konzert mitsamt ihren Deutschlandfahnen friedlich. Auch vor der Halle brach keine Gewalt aus.

Freitag, 12. August 2011

Die Geschichte Teil 32

Was trieb eigentlich Egoldt zu dieser Zeit ?
Zunächst einmal war er sauer über den Verlust der Böhsen Onkelz auf seinem Label. die Onkelz verkauften sich mittlerweile ganz beachtlich, und gerne würde er daran noch ein bisschen mitverdienen. "Der nette Mann" wurde seit der Indizierung 86 nur noch unter dem Ladentisch verkauft und lief seitdem noch besser. "Böse Menschen, böse Lieder" und "Mexico" verkauften sich ebenso gut, allerdings sah die Band von dem Geld keine müde Mark. 1988 brachte Egoldt zwei illegale Tonträger auf den Markt und pries sie als reguläre Alben der Onkelz in seinem Rock´O´Rama Katalog an. "Hässlich" und "Freitag Nacht" waren solche Pressungen. Nur der Track "Hässlich" war noch unbekannt, ein Abfallprodukt aus den ersten ROR-Tagen. Diese Veröffentlichungen waren von miserabler Qualität und entstanden hinter dem Rücken der Band. Die Böhsen Onkelz hatten jeden Kontakt zu Egoldt verloren. Weder hatten sie Einfluss auf seine Machenschaften, noch hatten sie einen Überblick über das, was er tat. Egoldt war abgetaucht. Nowotny, man konnte es noch nicht mit Bestimmtheit sagen, machte den Eindruck, als würde er die Band ebenso betrügen wie Egoldt. Eigentlich hätte die Band zu dieser Zeit schon mehr Geld mit ihrer Musik verdienen müssen, dennoch waren seine Auszahlungen schmal und selten.

Was tat sich in der Skinheadszene ?
Böhse Onkelz : Oh Gott ! Dieser verdammte Verrat ! Jeder aufrichtige Skin dieser Welt muss sich spätestens seit 2 Jahren klar sein, dass Böhse Onkelz die totalen Motherfucker sind! Als deutscher Skin hat man politisch zu sein. National bis zum letzten. Kein wenn und aber. Ohne Kompromiss ! Wir wollen das Reich . . ."
(Leserbrief aus Skinfanzine "Brot und Spiele")

Die in den Vorjahren unternommenen Versuche rechtsextremistischer Organisationen, Angehörige der Skinheadszene zur Mitarbeit zu bewegen, blieben auch 87 überwiegend erfolglos. Grund dafür dürften die Disziplinlosigkeit und die Suche der Skins nach "Randale" sein . . .
. . . Dennoch hat sich die Zahl der in und am Rande von neonazistischen Gruppen agierenden Skinheads im Jahre 1987 von etwa 200 auf 250 erhöht . . ."
(Aus dem Bericht des Bundesverfassungsschutzes von 1989)

Die Zahl der rechtsradikalen Exemplare innerhalb der Skinheadszene war also von 1986 bis 1988 auf die "bedrohliche" Anzahl von 250 angestiegen.

"Ja, was soll ich denn dann schreiben ?" . . .
. . . war die Frage einer Journalistin der Bildzeitung, Frankfurt, nachdem Stephan ihr erklärt hatte, dass seine Band keine "Skinband" und schon gar keine "Nazi-Skin-Band" mehr sei.
Außer Klüsener vom Metal Hammer und einigen Skin und Metal-Fanzine-Schreibern hatte sich niemand die Mühe gemacht, die Band einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Im Oktober 88 meldete sich die Spiegel TV-Redaktion bei den Onkelz und fragte nach einem Interview. Die Band willigte ein und traf sich mit dem zuständigen Redakteur und seinem Kameramann im Proberaum der Onkelz. Auszüge :

Reporter : Ja, aber, ähäm, wenn ihr euch heute davon distanziert, war das damals wirklich Massage oder ging es da um Kohle ?
Pe : Auf keinen Fall, das war halt damals so . . .
Kevin : Um Kohle ging es eigentlich noch nie.
Pe : Das war ein Gefühl, damals gab´s ja noch gar keine Skins, wir waren ja so ziemlich mit die ersten. Die erste Reihe sozusagen. Ich war völlig begeistert davon.
Stephan : Also damals, ich stehe auch heut noch zu den Sachen. Aus dem einfachen Grund, weil ich es damals so empfunden hab. Ich hab nie irgendetwas für Kohle geschrieben, sondern einfach nur, ich hab das damals so gedacht, und deswegen hab ich das so geschrieben. Heute denke ich ein bisschen anders darüber, und deswegen würdeich heute sowas nicht mehr schreiben. Weil es eben auch zuviel mißverstanden wurde. Das war nicht in meinem Sinne oder nicht im Sinne der Band.
Reporter : Man wirft euch das äh von den Fans so ein bisschen vor. Seid ihr dabei, euch äh jetzt auch politisch davon ganz zu distanzieren, oder äh, ist es so, dass ihr vielleicht sogar die Skinbewegung so ein bisschen damit verrate ?
Gonzo : Moment, was wirft man uns denn von den Fans vor ? Was man uns vorwirft, ist, dass wir keine Skinheads mehr sind.
Kevin : Die Leute, die jetzt noch Skins sind, das sind meistens, also zu 98% sind das Rechtsradikale. Oder, die sich auch politisch organisieren, weil es immer so heißt, dass man sich politisch, ohne sich nicht zu organisieren, ist man kein Skinhead . . .
Stephan : Das ist nicht mehr die gleiche Bewegung, wie sie früher war . . .
Kevin : Die Skinbewegung heute, die ist also nicht mehr unsere Bewegung. Von der distanzieren wir uns ganz weit.
Reporter : Politik ?
Stephan : Ich mach bestimmt noch mal Lieder über Politik, über Politiker oder so, aber halt, ich werd die dann nicht mit Namen ansprechen, sondern allgemein, die Situation, die hier herrscht, das werde ich bestimmt schon mal machen, aber . . .weil . . .
Reporter :  . . . die Scheinheiligkeit.
Stephan : Richtig, das ist für mich ein ganz wichtiger Punkt, weil eben diese ganze Unehrlichkeit . . .
. . . das stinkt mir halt doch ganz gewaltig. weil die Leute machen sich irgendwie alle was vor und sind irgendwie alle schizophren, das ist halt ´ne Sache, die mir dann doch immer übel aufstößt.
Reporter : Wenn der Michael Kühnen z.B. sagen würde, äh, die Böhsen Onkelz hätte ich gerne zu meinem Kameradschaftstreffen.
Stephan : Würden wir ablehnen, sofort. Würden wir lachen.
Reporter : Würdet ihr nicht machen ?
Stephan : Ne
Gonzo : Ich meine, die Republikaner haben uns ja auch schon gefragt.
Stephan : Ich meine zu Skinzeiten, hätten wir das nicht gemacht und das hätten wir auch heute nicht gemacht.
Reporter : Ihr lasst euch nicht vor den Karren spannen ?
Stephan : Vor keinen Karren. Wir spannen uns nur vor unseren eigenen Karren. Die einzige Sache, für die ich vielleicht mal benefizmäßig was machen würde, das wären so Sachen wie Greenpeace oder so was, wo ich mich wirklich persönlich inditifizieren kann, wo ich auch 100% dahinterstehen kann, aber das ist eben auch keine politische Bewegung, für mich jedenfalls nicht.
Reporter : Ja, ok. Dankeschön.
Kevin : Wann wird das ungefähr gesendet ?

Gesendet wurde dieser Beitrag nie. Die Spiegel TV-Redaktion hielt es für besser, dieses Dokument nicht zu veröffentlichen. Mehrere Gründe mögen dafür gesprochen haben. Die Kameraführung und das Licht waren miserabel und der Reporter war noch schlechter. Er stotterte und stocherte, fand nichts und stocherte weiter. Die Onkelz saßen in ihrem Proberaum und gaben Antworten, die durchaus von Interesse hätten sein können. Vorausgesetzt, jemand hätte geahnt, was ihnen noch bevorstand. In der Redaktion musste man die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben. Nicht nur, weil die Qualität des Rohmaterials so schlecht war, sondern auch, weil die vorgestellte Band alles andere, als eine "unglaubwürdige Nazi-Skin-Band" zu sein schien. Das Gegenteil war der Fall. Die Glaubwürdigkeit ihrer Aussagen war offensichtlich, entsprach jedoch nicht dem, was gewünscht wurde. Bei der Diffamierung der Band hätte der Spiegel womöglich geholfen, an einer Beihilfe zur Rehabilitation schien er sich nicht beteiligen zu wollen.