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Mittwoch, 25. April 2012

Die Geschichte - Teil 64

In die ausverkaufte Hamburger Sporthalle am 23.10.96 kamen sichtbar viele Fans aus verschiedenen Lagern. Härteste Punks standen neben krassesten Skins. Dazwischen zappelten Teenies mit bunten Haaren, Leute mit Dreadlocks, Härtner, Langhaarige, Normalos, Baseballkappen, Wollmützen und auch ausländische Jugendliche. 8000 Leute sangen "Wieder mal nen Tag verschenkt", keine Gewalt, keine Schlägereien, nicht ein einziger Hitlergruß. Auch wenn sich nach dem Konzert, vereinzelte Grüppchen von Punks und Skins gegenseitig in den Arsch getreten haben sollen, gab es hier die ersten Anzeichen einer friedlichen Annäherung. Hamburg war keine Ausnahme, aber dort fiel es auf. So wie in Bremen, Hannover, München, Ulm, Frankfurt, Düsseldorf. Konzerte, die es in solcher Form in Deutschland noch nie gegeben hatte.

Ende September erschien das neue Album "E.I.N.S.". Zwei Tage nach der Veröffentlichung stand die CD auf Platz 4 der deutschen Longplay-Charts. E.I.N.S. war die Versiegelung der Freundschaft wischen der Band und ihren Fans.
Die Menschen, die sich die Onkelzscheiben kauften, waren die Menschen, die die Onkelz unterstützt hatten, und das war etwas, was die Band ihren Fans niemals vergessen würde.

"Freundschaft gibt uns Kraft, die uns stark macht in der Not. Einigkeit heißt die Devise, wir sitzen alle im selben Boot!"

Eine Einsicht,die Stephan während seiner Skinheadphase gehabt hatte und die er durchaus auf die heutige Zeit übertragen konnte. Sie hatte auch heute noch Gültigkeit, wobei die Band in langjähriger Kleinarbeit ihr eigenes Weltbild und das der Fans entscheidend geprägt und erweitert hat. Die gemeinsame Verarbeitung des Lebens sollte mit E.I.N.S. zementiert werden. ". . . mit dieser Band hast du nicht viele Freunde, doch die die du hast, teilen alles mit dir . . ."
Jugendliche aus allen Lagern, wohlgemerkt. Wer konnte denn wissen, wieviele dieser Leute ihre Hoffnung an die Onkelz hingen oder wieviele durch die Lieder inspiriert wurden, wieviele daraus lernten oder Kraft schöpften ?
E.I.N.S. hatte etwas mit Glauben zu tun. Nicht mit Glaube, wie ihn die Kirche predigte, sondern mit einer Kraft, die von innen kam.
Für alle die 1996 immer noch keinen Plan hatten :

Was man den Onkelz in Wirklichkeit übelnahm, war, dass sie sich niemals irgendwo angebiedert hatten. Weder bei den Redaktionen, noch bei irgendwelchen Plattenfirmen, weder bei Viva noch bei MTV.
Für lange Zeit hatte es so ausgesehen, als wenn sich die Jugend nie wieder vereinigen würde. Weder in Deutschland noch sonst wo. In Osteuropa blühte der Skinheadkult. Glatzenexperten schätzten ihre Zahl auf 300 - 350 000, mit eigenen Konzerten und eigenen Bands. Wie konnte es sein, dass zu den Onkelzkonzerten seit dem Frühjahr 86 nie mehr als 50 - 80 Skins gekommen waren ? Und wie konnte es sein, dass die Hitlergrüße seit 89 weitgehend ausblieben ? Einer hier, zwei dort, und immer war das Konzert unterbrochen worden oder der Übeltäter war unter dem Jubel der anderen Zuschauer hinausgeworfen worden. Solche Sachen sprachen sich herum. Vielleicht waren die wenigen Glatzen, die noch zu den Onkelzkonzerten kamen, auch die, die sich weiterentwickelten und sich nicht vor den Karren einer rechten Partei spannen ließen. Das gleiche galt vielleicht auch für die Hardcore-Punks, die nun wieder öfter bei Onkelzkonzerten auftauchten.
Nicht die Onkelz haben die Gewalt in die Herzen der Jugendlichen gepflanzt und auch nicht nur die "netten Männer", die Väter, Pfarrer, Politiker oder Nachbarn. Gewalt war in uns. Sie brach hervor oder wurde unterdrückt. Bei den Konzerten konnten die Fans, wer auch immer diese Leute waren, die Gewalt heraussingen. Das, und nichts anderes, machte das Faszinosum "Böhse Onkelz" aus.
Immer, wenn sich die Böhsen Onkelz trafen entfaltete sich augenblicklich diese typische Magie. Jeder, der die Band auf der 96er Tour gesehen hatte, konnte das bestätigen.
Die Seele der Band, das war klar, und das hatte sich auf der 96er Tour deutlich sichtbar bestätigt, war Kevin. Seit 96 genoss er wieder großen Respekt in der Band. Kevin war clean und hochmotiviert, das konnte man sehen.

Nichts ist für die Ewigkeit,
nichts bleibt wie es war
nur vier Jungs aus Frankfurt sind schon lange, lange da.
Die Welt hat uns verlangt, sie hat nichts besseres verdient,
habt ihr noch nicht erkannt . . . warum es Böhse Onkelz gibt.

Montag, 2. April 2012

Die Geschichte - Teil 61

Seit März 95 waren die Onkelz bei Virgin unter Vertrag. Drei Studioalben plus eine Live-Option, bei vier Jahren Laufzeit. Udo Lange sorgte für Aufregung auf dem Markt. Im Wochenrhythmus musste der Virgin Chef Stellung beziehen, gegenüber der Presse oder im Radio, oft auch im Streitgespräch mit Onkelzgegnern aus den Reihen des Handels. Die 95er Veröffentlichung "Hier sind die Onkelz" war nach nur acht Tagen auf Platz 6 der deutschen Top Ten geklettert.

Die Fachpresse war auf Onkelzkurs. Der deutsche Musikhandel war zunehmend verwirrt.
"Die Böhsen Onkelz spalten den Handel !" schrieb der Musikmarkt im Oktober. Als die großen Ketten von WOM und Karstadt eine Umfrage in ihren Filialen durchführten, demnach sich die große Mehrheit angeblich gegen die Band aussprach, war der Kleinhandel unschlüssig. Sie hatten die Chance, sich eine Band zu schnappen, die von den großen Läden nicht geführt wurde und konnten somit Kunden in ihren Laden ziehen, setzten sich allerdings der Gefahr der Rufschädigung und der Repression durch Autonome aus. Die, die gegen die Onkelz waren, stellten sich meistens als schlecht informiert heraus. Diese Händler, die oft zu Wort kamen, im Radio oder im Fernsehen, brachten die Dinge schwer durcheinander. Jahreszahlen, Lieder, Texte und Hintergründe, alles war verschwommen, wurde mal so und mal so dargestellt. Von Fakten keine Spur.
"Die Böhsen Onkelz spalten den Handel" und da gab es Leute, die behaupteten, dass die neue Alben der Onkelz zu angepasst wären. Wenn eine Band den Handel spaltete, dann bedeutete das nichts anderes, als das sich tatsächlich etwas bewegte. Weidner, Gonzo und Udo Lange hatten die Händler zu einem Pressetermin eingeladen, wo sie auf jede Frage bereitwillig antworteten. Wie die Kamele mussten Gonzo und Stephan ihre Skinheadzeit, 3 Jahre von 15 Jahren Bandgeschichte, immer wieder durchkauen. Am Ende waren alle verwirrter als zuvor. Was die beiden sagten, stand in krassem Gegensatz zu dem, was die Händler aus der Zeitung wussten. Zudem nahmen sie kein Blatt vor den Mund und sagten ihre Meinung, gegen Politik von rechts und links, klar, laut und deutlich.

Mit der neuen LP war die Band hart an der Grenze zur breiten Akzeptanz.  "Hier sind die Onkelz" war nur sauberer, nicht weicher. "Danke für Nichts" war kein weiches Lied und "H" war das Stück, das Kevin beim Verarbeiten helfen sollte.

Kevin lebte und freute sich, wenn die Sonne schien. Mit dem Lied "H" sollte er sich verzeihen und sich selber alles Gute für die Zukunft wünschen. Was sollte daran weich oder angepasst sein ? Kevin hatte sein Leben im Griff und sah von Tag zu Tag besser aus.

Dienstag, 20. März 2012

Die Geschichte - Teil 59

Moses Pelham, schwarzer Rapper aus Frankfurt, wollte mit dem Rödelheim-Hartheim Projekt seine bittere Vergangenheit aufarbeiten. Den Frust und den Hass über die Musikindustrie brachte er in seiner ersten eigenen Produktion "Direkt aus Rödelheim" zum Ausdruck. Moses war schwarz, auf seinem CD-Cover klebte ein Sticker mit seinem RHP-Logo, das ein Hakenkreuz zerschmetterte und darüber das Böhse Onkelz - Zitat : "Für die Blinden und die Tauben." Um seine Loyalität zu Frankfurt und zu den Onkelz zu demonstrieren, trug er bei allen denkbaren Anlässen, sogar bei der Vorstellung seiner eigenen LP, ein Böhse Onkelz-Shirt. Heinz Cannibol von MCA, Pelhams Plattenfirma, war entsetzt. Nicht nur lief er als Farbiger  mit Glatze und Onkelz-Shirt rum, er machte auch klare Aussagen gegen Rassismus, und er sprach für die Böhsen Onkelz. Die Presse war so verwirrt, dass man überall über ihn sprach, ihn diffamierte, beschuldigte, beschimpfte und verehrte. Das RHP wuchs zu einer Formation heran, die sogar den Respekt der Onkelz genoss.

Das Konzert in München am 24.11.94 fand nicht ohne größere Probleme statt. Niemand unter 18 durfte in die Halle. Das hieß, dass bei einer ausverkauften 4000er Halle, plötzlich nur 1500 Fans eingelassen wurden. Ein strenges Alkoholverbot wurde von 500 Polizisten in Demo-Ausrüstung kontrolliert.
Die Konzerte der 94er Herbsttour verliefen fast störungsfrei, dennoch endete sie am 10.12.94 in Vilsbiburg mit einem Eklat. Thomas Hess, Chef der IH-Security, war mit seiner Böhse Onkelz Tour fast am Ende. Die Stadt Vilsbiburg machte ihm einen Auflagenkatalog, der noch vor dem Konzert zu erfüllen war. Unter anderem forderte die Stadt 40 zusätzliche Ordner an Eingang und Bühne, die sie zwar selber stellte, die aber von Thomas bezahlt werden sollten. Am Abend weigerten sich die zusätzlichen Ordner, bei der Personenkontrolle am Eingang mitzuhelfen und standen nur im Weg herum. Als der Veranstalter nach einem guten Konzert im Produktionsbüro auftauchte und die "Restgage" auszahlen wollte, die um 50 000.- DM geringer ausfiel, als vertraglich zugesichert, da flippte Thomas völlig aus. Innerhalb von Sekunden legte er dem Mann Handschellen an, kettete ihn an das Waschbecken und stellte zwei seiner breitesten Jungs als Wachen vor die Tür. Danach kassierte er die Bierstände ab und verteilte Quittungen an die aufgeregten Bierausschenker, solange bis er seine 50 000,- DM zusammen hatte. Nachdem er den Veranstalter laufen gelassen hatte, wurde er in einer filmreifen Szene vom "Riot Squad" des Vilsbiburger Police-Departments festgenommen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sich die Bullen beim Stürmen des Büros auf dem Boden abgerollt hätten. Die Presse stand am folgenden Tag ganz im Zeichen des großen Böhse Onkelz Skandals : "Veranstalter ans Waschbecken gekettet !" Der Fall wurde aufgeklärt, der Mann musste zahlen und Thomas wurde freigesprochen.

Kevin war auf dem Weg der Besserung. Seit dem Sommer hatte er eine Wohnung im Osten der Stadt. Er stellte seine Gewohnheiten von Grund auf um. Er lebte zurückgezogen und bescheiden. Zwar war die Zeit der harten Drogen jetzt vorbei, aber an eine Integration in das normale Leben war noch lange nicht zu denken. Kevin hielt sich immer noch fern von allem und jedem. Seine Isolation war etwas, was man nicht so leicht zerschlagen konnte.

Donnerstag, 8. März 2012

Die Geschichte - Teil 58 - Kevin wird endlich clean

Die Situation um Kevin war 94 unerträglich geworden. Dänemark war schön gewesen, geholfen hatte es nicht. Sobald Kevin wieder zu Hause war, wurde er rückfällig. Moni versuchte vergeblich Kevin`s Vater einzuschalten. Wenigstens vorbeikommen sollte er und sich seinen Sohn anschauen, und ein paar Unterschriften leisten, damit sie ihn in ein Krankenhaus bringen konnten. Mitte 94 hatte sie Herrn Russell endlich soweit, dass er nach Frankfurt kam. "Der stirbt mir hier . . ." hatte sie ihm ins Ohr gebrüllt, und ". . . es geht um ihren Sohn, sie werden jetzt vorbeikommen und diese Unterschriften leisten, damit wir ihn einweisen können." Sie einigten sich auf eine Einweisung ins Elisabethenkrankenhaus, und Herr Russell leistete den Beistand, den ein Angehöriger juristisch zu leisten hatte. Die 3000,- DM, die als Kaution hinterlegt werden mussten, hatte er nicht. Von Geld war ja auch nie die Rede gewesen. Her Russell lies sich nach diesem Besuch nie wieder bei seinem Sohn blicken. Moni lieh sich das Geld schließlich von Thomas Hess aus der B.O. Management-Kasse und unternahm die Einweisung im Alleingang. Der Aufenthalt im Krankenhaus zeigte Wirkung. Frisch gebadet, rasiert und auf Methadon machte Kevin fast einen "cleanen" Eindruck. Eine Ersatzdroge war vielleicht nicht die intelligenteste aller Lösungen, aber dennoch half sie, Kevin aus dem asozialen Teufelskreis herauszuholen.

Am 21.06.1994 fanden in der Music Hall in Frankfurt drei Onkelz-Konzerte statt. Es war das erste Mal nach 14 Jahren, dass die Band in ihrer Heimatstadt auftrat. Kevin war clean und gab alles was er hatte. Er hatte seine Texte fehlerfrei drauf und sang sie wie zu den besten Zeiten. Man konnte ihm ansehen, dass er etwas gutmachen wollte. Die Fans dankten es ihm mit ausgelassener Partystimmung.

Neben all der regulären Managementarbeit hatten die Böhsen Onkelz einen eigenen Fanclub gegründet. Der "B.O.S.C.", der "Böhse Onkelz Supporters Club" war der offizielle Fanclub, der den Jugendlichen, die sich für die Band interessierten, die Infos aus erster Hand geben sollte. Ein nicht-profitorientierter Verein, der sich durch die Beiträge der Fans selber tragen sollte. Mit eigenem Fanzine, Videomaterial, T-Shirts und einer Hotline. Dani, Onkelzfreundin aus den ersten Punktagen, übernahm alle Arbeiten, die in Verbindung mit diesem Fanclub anfielen. Das hieß, dass sie in erster Linie hunderte von Briefen und tausende von Fragen zu beantworten hatte. Da schrieben hartgesottene Fans, verwirrte Eltern, begeisterte Lehrer, suizidgefährdete Teenies und auch Zwölfjährige, die gehört hatten, dass die Onkelz eine Naziband seien, und die wissen wollten, was das bedeutete. Dani leistete viel Aufklärungsarbeit, ohne dass sie den Status einer Jugend- oder Sozialarbeiterin gehabt hätte.
Die Music-Hall-Gigs, zwei Auftritte in Augsburg und Bremen verliefen friedlich. Fünf weitere Konzerte in Österreich festigten das Bild der Onkelz als Rock`n`Rollband erster Güteklasse. Größtenteils positive Resonanz aller Tageszeitungen war die Belohnung.
1994 war die Presse schon klar in zwei Lager gespalten. Alle, die tiefergehend recherchierten, kamen früher oder später zu dem Schluß, dass die Vorwürfe gegen die Band unbegründet waren.

Donnerstag, 23. Februar 2012

Die Geschichte - Teil 56

Kevins Zustand hatte sich bis Ende 93 noch verschlimmert. Er war jetzt ein Fixer im Endstadium. An eine Tournee war nicht zu denken. Manchmal trank er kurz vor einem Auftritt eine halbe Flasche Jack Daniels auf ex und verschwand Blut kotzend auf dem Klo. Auf der Bühne lief er während dieser Zeit immer im Kreis. Stephan, Moni und Kevins Schwester brachten ihn schließlich in eine Asi-Klinik nach Köppern. Das war die letzte Station für alle Härtefälle. Hierher kamen alle Fixer, die soweit unten waren, dass man ständig mit ihrem Tod rechnen musste. Als Kevin auch hier nicht klar kam, nahm Stephan ihn mit zu sich nach Kelkheim und sperrte ihn in ein Zimmer im Keller ein. Eigentlich hatte niemand mehr Bock auf Kevin. Stephan tat es, weil er es tun musste, er konnte ihn nicht einfach verrecken lassen. Es ging hier um Kevin Russell, um seinen "besten" Freund. Durchgeknalltester Tätowierer Frankfurts und Vorzeigerüpel der Nation. Stephan sprang über seinen Schatten, während Gonzo und Pe sich ihrem ganz persönlichen Privatleben widmeten. Seit Trimmis Tod und seit Kevins Absturz hatte sich die private Situation zwischen Gonzo, Pe und Kevin immer mehr verschlechtert. Von wirklicher Freundschaft konnte man kaum noch sprechen.
In Weidners Keller wurde sich Kevin schon nach ein paar Stunden über einige Dinge klar. Bei Stephan zu entziehen, hieß Entzug ohne Gnade. Stephan würde ihn nicht wieder raus lassen, ehe er nicht clean wäre. Jeden Tag brachte Stephan ihm Essen und wechselte die Bettwäsche. Ein Mensch, der noch nie einen Fixer beim Entzug gesehen hatte, konnte sich nicht vorstellen, was der alles ausschwitzte und ausschied. Die inneren Organe waren stark in Mitleidenschaft gezogen und weder der Magen, noch der Verdauungstrakt arbeiteten so, wie sie es sollten. Auf stundenlanges Zittern und Zähneklappern unter Schreien und Wahnvorstellungen, folgten Schmerzkrämpfe, Brechreiz und Durchfall. Dieser Zustand zog sich über Tage hin. Es gab Stunden, in denen schrie er sich die Seele aus dem Leib und es gab solche, in denen er still vor sich hin wimmerte. Der Weg aus der Hölle zurück ins Licht war lang. Nach diesem letzten Entzug raufte sich die Band noch einmal zusammen. Sie schnappten sich ihren Sänger und fuhren mit ihm nach Dänemark an den Strand. Für eine Woche war es wieder so, wie es vor Trimmis Tod gewesen war. Onkelz unter sich, ein Kreis, den niemand sprengen konnte. Geschichten, die nur sie kannten, Witze, die nur sie verstanden. Eine Woche lang war alles bestens. Um Kevin den Ernst der Situation verständlich zu machen, setzten sie ihre Forderungen schriftlich auf und drückten sie ihm in die Hand. Die Kernaussage dieses Memos war : "Ein Ding noch und du bist endgültig draußen." Auch hatte er den Fans gegenüber eine Verantwortung, auf die ihn die Band mehrfach hinwies. Alle Onkelzfans, ob alt oder jung, waren mit ihnen ein Stück durch die Kloake gegangen, all diese Leute durfte er nicht hängen lassen. Die Böhsen Onkelz, so sagte Stephan immer wieder, hätten das Potential, eine ganz große Band zu werden. Sie hatten schon jetzt soviel erreicht und bewegt, warum sollte ma den Weg nicht bis zum Ende gehen ? Kevin war die Stimme der Onkelz, seit der ersten Session im Hösbacher Keller, als er in das Tischmikro gebrüllt und Pe wie besessen auf den alten Kunstledersessel eingeprügelt hatte. Ohne Kevin gäbe es keine Böhsen Onkelz. Und auch nicht ohne Pe, Gonzo oder Stephan. Onkelz waren Onkelz, die fantastischen Vier, die Bruderschaft des Schmerzes, Geheimbund des Widerstandes, gnadenlos dagegen. Kevin musste leben.

Freitag, 20. Januar 2012

Die Geschichte Teil 53

1993
Kevin wollte nicht mehr leben. Sein Gesicht war mit frischen Schnittwunden übersät. Links und rechts trug er zahlreiche Pflaster, Rasiermesserschnitte, die ihm irgendwelche Dealer zugefügt hatten. Manche Wunden gingen sicherlich auch auf sein eigenes Konto. Er konnte seine Schuhe nicht mehr anziehen. Kein Muskel tat mehr das, was er sollte. Barfuß, vollbärtig und ein Bein nachziehend schleppte er sich zur Trinkhalle Ost und ließ den Jägermeister anschreiben. Im Januar 93, als er halb erfroren und halb tot war und das H alle war, zog er den Jägermeister auf die Pumpe und jagte ihn sich in die Vene.
Moni hatte sich bei verschiedenen Ärzten erkundigt. Sie war in Krankenhäusern gewesen, bei der Drogenberatung und in mehreren Therapiezentren, oft mit Stephans Hilfe. Ohne Geld ging schon mal gar nichts. Eine Bekannte, die als Nachtschwester arbeitete, klaute Pillen und Medikamente, die die Schmerzen des Entzugs lindern sollten. Es half nichts. Tätowieren konnte Kevin schon lange nicht mehr. Die letzten Bilder, die er gestochen hatte, waren grauenhaft verwackelt. Viel Geld hatte er verdient mit dem "piken", geblieben war ihm nichts. Immer wenn ein wenig Onkelzkohle reinkam, brach Kevin alle Entzugsversuche ab und ging "was Braunes" kaufen.

Ein neues Jahr bedeutete neue Angriffe, neue Feinde und neue Erfahrungen. Das wiederum führte zwangsläufig zu neuen Liedern. 1993 würde Stephan einige der Forderungen erfüllen, die andere Kritiker ihm und der Band auferlegt hatten. Jedoch nicht, um diesen Leuten zu zeigen, dass sie sich fügten, sondern einzig und allein, weil die Onkelz selber das Gefühl hatten, sich noch eindeutiger distanzieren zu müssen, von dem was passierte. Und um der Presse zu zeigen, dass sie sich nicht davor scheuten, unter ihrem eigenen Namen weiterhin gegen alles und jeden vorzugehen. Warum also nicht auch gegen Rechts ? Sie hatten nichts zu verlieren, und Nazis waren ihnen sowieso verhasst. Wenn jeder Journalist, der zu faul zum Recherchieren war, es schwarz auf weiß brauchte, dann sollte er es kriegen. Und zwar als Doppelschlag, als Links/Rechts-Kombination, mitten ins Gesicht.
Viele neue Lieder gingen 1993 auf Stephans Eindrücke während seiner Reisen zurück - er war im Frühjahr mit Sven Väth in Indien und Nepal gewesen - viele Verse entstanden durch Inspiration, die er sich durch das Lesen von Büchern geholt hatte, und alle spiegelten sie die Erfahrungen der Band wieder, die die Zeit seit der Heiligen Lieder bis jetzt geprägt hatten.
"Schwarz/Weiß", die 93er Doppelveröffentlichung war ein großer Sprung in Text und Aussage. Stephan war in der Lage, seine Drogen- und seine Lebenserfahrungen intellektuell und kreativ umzusetzen. Die Band Riss er dabei einfach mit.

"Nächtelang gezecht, mich ins Koma gesoffen . . ." . Kevin hatte weder Kindheits- noch Jugendtrauma jemals richtig verarbeitet. Ihm fehlte jegliches Vertrauen in das eigene Handeln. Er kannte gar keinen anderen Antrieb als den Hass. Selbst wenn er einmal Glück haben würde, so würde er es sich nicht gefallen lassen. Dann würde er das Glück nehmen und drauf rumtrampeln, bis es sich in Leid verwandelte. Er konnte nicht anders. Kevin suchte das Misslingen mehr als jeder andere. Der Pluto, der Planet, der die dichteste Masse besaß und die Menschen an die dunklen Seiten der Seele kettete, das war Kevins Stern. Seine ganze Konstellation war auf Krieg ausgerichtet. Saturn, Mars, Uranus. Ob Kevin wollte oder nicht, er musste wirken am Webstuhl der Gewalt. Im Grunde bewunderte er Stephan für dessen Stärke, und ohne ihn wäre er sicherlich schon längst tot, aber die Tatsache, dass Stephan so ultrakrass zu sich und seinen Mitmenschen sein konnte, machte ihn fertig. Stephans Kritik konnte vernichtend sein. Weidner konnte Dinge sagen und Menschen dabei in die Augen gucken, dass ihnen die Beine wegknickten. Er riss die Verantwortung an sich, wo immer er auftauchte, und immer, wenn jemand ihm zu misstrauen begann, sagte er etwas Besonnenes, so dass ihm jeder wieder gern vertrauen wollte. Stephan besaß eine psychische Kraft, die so stark und skrupellos sein konnte, dass er Leute in seinem Umfeld regelrecht entmündigte. Wenn Kevin sich ihm anvertraute, blieb ein bleierner Geschmack zurück.

Freitag, 16. Dezember 2011

Die Geschichte Teil 51

Die Fortsetzung der Herbsttour war unmöglich geworden. Überall wurden Onkelzkonzerte verboten, Hallenpächter unter Druck gesetzt, Veranstalter bedroht und Ticketverkäufer angegriffen. Ein Angestellter einer Plakatierungsfirma, der die Heilige Lieder - Tourposter an die Werbefläche klebte, wurde von Autonomen mit dem Messer bedroht.
Dazu kam der Vorstoß der Musikindustrie beim Bundesverband Phono, alle rechtsradikale Musik schleunigst verbieten und die Onkelz aus den Charts ausschließen zu lassen.
Axel Merting, Platten- und CD-Ladenbesitzer in Darmstadt, der die Onkelz CD´s in seinem Laden verkaufte, bekam Drohungen per Telefon : "Haste ne gescheite Glasversicherung, weil es kann ja mal sein, dass ne Scheibe einfliegt." "Liegt dir was an deiner Gesundheit, dann hör auf mit dem Verkauf."
Auch der Vermieter der Eishalle in Darmstadt, war telefonisch schwer unter Druck gesetzt worden. Der Ticketverkauf wurde einestellt, der Erlös ging an den Ausländerbeirat der Stadt Darmstadt. Eine Entschädigung für die Fans gab es nicht.


Kevin hatte schlimme Paranoia und spülte sie mit 3 - 4 Litern Jägermeister pro Tag herunter. Russell war fast tot. Auge und Stephan holten ihn gegen Ende des Jahres aus dem Loch, in dem er lag. Kevin drückte. Jeden  Tag und jede Stunde. Dauernd musste er sich selbst verbinden, weil er sich ständig etwas aufschnitt. Füße, Arme oder Bauch. Dazu kam ein weiterer Überfall eines Dealers, der ihm das halbe Ohr abgerissen hatte. Kevin sah aus, als wenn ihn ein Panzer überfahren hätte. 60 Stiche am Kopf, strähnige, lange Haare, Vollbart bis zur Brust, die Pumpe im Arm, den Gürtel im Maul, barfuß im Winter, blutig von oben bis unten. Die totale Verwahrlosung. So sah er aus, wenn er drauf war. Wenn die Schmerzen kamen, dann wurde es schlimmer. Dann bekam er Wahnvorstellungen, brüllte und schrie. Wenn es soweit war, dann lief man am besten vor ihm davon. Dann wurde er rasend vor Hass auf sich selbst, auf die Böhsen Onkelz, auf Stephan, auf seine Mutter, die Politiker, die Rechten, die Linken, die Ausländer, auf alles. Kevin hasste das Leben mehr als jeder andere Mensch auf Gottes verfluchtem Planeten. Seit er zu drücken begonnen hatte richtete sich dieser geballte Hass nur noch gegen eine Person, und die war er selbst. Für Schlägereien war er längst zu schwach. Kevin wollte Schluss machen. Es reichte ihm so dermaßen, dass er hoffte, eines Tages nicht mehr aufzuwachen. Im Golden Sword hatte er drei Wochen im Koma gelegen und niemanden an sich herangelassen. Nicht einmal Stephan hatte noch mit ihm reden können. Zwischen jeder Flasche Jägermeister setzte er sich einen Schuß und wenn nichts mehr ging, dann kotzte er alles an die Wand. Niemand außer Stephan und Auge hatte schließlich den Mut aufbringen können, ihn aus diesem Elend herauszuholen. Der Anblick, der sich ihnen bot, war mehr, als ein normaler Mensch ertragen konnte. Das Heroin hatte ihn zu etwas gemacht, dass nichts mehr mit dem Mann zu tun hatte, der er einmal gewesen war. Er hatte eine Fixermentalität angenommen, die sich in wirrem Gerede und in wirren Gesten ausdrückte und die seine ganze Persönlichkeit verschluckt hatte. In der Obermainstrasse hatten die Onkelz eine Wohnung angemietet, wo Kevin entziehen sollte. Dort brachten sie ihn hin, aber sobald er nicht mehr unter Beobachtung stand, schälte er sich aus seinem Matratzenlager und besorgte sich neues "H". Das war auch das Ende von "Golden Sword Tattoos".


In Rendsburg, am 2. 12., wurde das Konzert eine Stunde vor dem geplanten Beginn abgesagt. Die Stadt hatte Antifa und Onkelzfans im Vorfeld gegeneinander ausgespielt, solange bis sie eine Handhabe hatte, die Show wegen "Tumultgefahr" absagen zu können. Wären die Fans gekommen, die man der Band nachsagte, so hätte es Gewalt geben müssen. Dass alles friedlich blieb, kann also nur daran gelegen haben, dass diese Fans nicht da waren. Der Fernsehbericht auf Sat 1 am selben Abend sprach für sich.
". . . vor der Diskothek empörten sich rund 200 Konzertbesucher und die sahen ganz anders aus, als man es ursprünglich erwartet hatte. Nicht die erwarteten Skins standen vor der gut gesicherten Diskothek "Walhalla", sondern normale Teenager aus Rendsburg und Umgebung. Für sie war das Verbot nicht verständlich. Sie machten ihrem Ärger Luft.
Langhaariger Metalfan : ". . . wir wollen alle nur Heavy Metal hör´n, und wir woll´n die Onkelz hör´n. Wir sind nicht rechts und wir sind nicht links . . ."
Fazit der Sendung :
Sprecher : Wären die Fans gekommen, die man der Band nachsagt, hätte Rendsburg sicherlich keinen ruhigen Abend erlebt, zumal gewalltbereite Linke auf eine Konfrontation mit rechtsradikalen Skins nur zu warten schienen. Die Stadtväter müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, durch ihr zögerliches Verhalten eine Eskalation provoziert zu haben."

Dienstag, 27. September 2011

Die Geschichte Teil 45

Als die Böhsen Onkelz im Juni 92 nach Hennef bei Bonn reisten, um die Songs für ihr 8. Studioalbum aufzunehmen, wusste niemand außerhalb der Band, wie schlimm es wirklich um ihren Sänger stand. Kevins Eskapaden und Exzesse waren nicht mehr zu überbieten gewesen. Ständig hatten ihm Tod oder Kollaps gedroht. Allmächtiger, was hatte dieser Mensch einen Bock auf seinen Tod gehabt. Als Sänger der Onkelz trug er für gewöhnlich den Mantel des Härtesten und er trug ihn gerne, aber das war seit Trimmis Tod vorbei. Er war am Boden zerstört, im Keller. Auf dem Weg ins schlimmste, asozialste Elend, in das ein Mensch nur abrutschen konnte. Seit zwei Jahren war Kevin Fixer und schwerer Alkoholiker. Die Aura des Härtesten war von ihm gewichen und darunter kam die Nacktheit des Traurigsten zum Vorschein. Wann immer im Zusammenhang mit den Böhsen Onkelz von der Hölle die Rede gewesen war, dann war es Kevin gewesen, der am weitesten in diese Hölle vorgedrungen war. So weit, dass er nicht ohne fremde Hilfe und nicht ohne schwere Verstümmelungen an Leib und Seele zurückkehren konnte. "Golden Sword" war schnell zur Kloake verkommen. Kevin war aus der 28 ausgezogen und hauste nun im Hinterzimmer seiner Tattoobude. Seine Kunden brüllte er an und warf sie aus dem Laden, oder er ließ sich von ihnen das Geld im voraus zahlen, lief damit zum Dealer, setzte sich einen Schuss und fing dann erst an zu stechen.Zweimal hatte er bereits versucht zu entziehen. Als er anfing durchzudrehen und die Schmerzen unerträglich wurden, gab es keinen Menschen auf der Welt, der ihn davon hätte abhalten können, sich erneut Heroin zu besorgen. Er hatte schon lange die Kontrolle über sein Leben verloren. Im Sommer 92 traten die junkieüblichen Verletzungen auf. "Druff" wie der krasseste Bahnhofspenner flog er durch die Glastür vom Golden Sword und schnitt sich den Ellenbogen auf. Genauso druff lief er dann in die Bullenwache nach nebenan und flatschte seinen triefenden Arm auf die Theke. Da hingen Fleischstücke heraus, Sehnen waren durchtrennt. Das war nur der Anfang. Kevin zahlte seine Rechnungen nicht mehr und schnell waren Strom und Wasser abgestellt. Bald wusste er auch nicht mehr, wieviel Kohle er welchem Dealer schuldete. H-Dealer waren ja keine harmlosen Männer, schon gar nicht in Frankfurt. Das waren Leute, die überhaupt keinen Spaß verstanden, bei denen Knarre und Messer locker saßen. Extrem verspannte Typen. Irgendwann war die Tür vom Golden Sword aufgebrochen und irgendwann standen zwei von diesen Dealern auf der Matte. Kevin konnte gar nicht so schnell gucken, wie sie ihm eine Metallstange ins Genick schlugen und seinen Laden zerlegten.



Was außerdem niemand wusste, der Bassist und Songschreiber der Band war kurz vor dem Überkochen. Stephan war außer sich vor Wut und Enttäuschung über die Ereignisse der letzten Jahre. Der Tod Trimmis, das Drama um Kevin und all das, was über ihn in der Presse zu lesen war, hatte ihn an den Rand der Belastbarkeit gebracht. Seine Telefonnummer hatte sich unter den Fans herumgesprochen und sein AB hätte auch der einer Telefonseelsorge sein können. Da gab es reihenweise Fans, die ihre Nöte und Ängste auf sein Tape schluchzten. Junge Mädchen, die sich das Leben nehmen wollten, und Mütter, die um einen Rat baten, der ihnen vielleicht die Kontrolle über ihre missratenen Söhne zurückgeben könnte. ". . . ich dachte, vielleicht könnten sie ja einmal mit ihm reden . . ."

Freitag, 2. September 2011

Die Geschichte Teil 42


Kevin knallte das "Aitsch". Er war jetzt bei 2 Gramm pro Tag, das hieß, er gab ungefähr 5500 Mark im Monat für Heroin aus. Dazu kamen noch ein paat Tausender für Koks. Mit Alf hatte er sich endgültig zerstritten und schließlich ein Ladenlokal in der Albusstraße, unmittelbar neben der Cadillac Ranch, angemietet. Hier eröffnete er im Sommer 91 zusammen mit Auge seinen ersten eigenen Tattooladen, den sie "Golden Sword" nannten. Alle wussten von Kevins Heroinsucht und jeder sah wie haltlos er nach Trimmis Tod geworden war. Die Feiereien in der 28 hatten schlagartig aufgehört. Wenn Kevin alleine zu Hause war und sich zuballerte, passierte es manchmal, dass er sich etwas antat, dass er sich mit Messern malträtierte oder seine Möbel kurz und klein schlug. Kevin isolierte sich mehr und mehr von den Menschen, die nicht wie er an der Nadel hingen. Weidner war der einzige Mensch in Russells Umfeld, der ihm jedesmal die Meinung sagte. Stephan hielt Kevin gnadenlos den Spiegel vor. Ob er nicht merken würde, dass er sich den Herausforderungen des Lebens nicht wirklich stellte, dass er eigentlich nur davonlief und den Kopf in den Sand steckte ? Von Stephan bekam es Kevin knüppeldick. Oft waren sie kurz davor aufeinander loszugehen. Kevin zerbrach förmlich unter der Last, die auf ihm lag. Stephans Kritik und der bevorstehende Einstieg ins große Rockgeschäft, in Verbindung mit seiner Heroinsucht und dem Verlust des besten Freundes, die Probleme mit Moni und seiner Mutter, all das war mehr, als Kevin ertragen konnte.
Alle Lieder hatten einen konkreten Bezug zum gelebten Leben der vier Musiker, aber einige Stücke auf der neuen Platte hatte Stephan so geschrieben, dass sie aus Kevins Mund wie das Geständnis einer gewonnenen Erkenntnis klangen, so als wenn er manche Lieder nur für sich sang.


Zu einem großen Aufeinandertreffen von Onkelzfans und Onkelzgegnern kam es in der Nacht zum 25. Juli in Berlin-Neuköln. Ein Auftritt war für den 24.7. gebucht und gut 1000 Tickets waren verkauft worden. Der örtliche Veranstalter Ernie Loos wurde in den Tagen vor dem Konzert von der Presse als Nazi-Sympathisant diffamiert und abgestempelt. Überall konnte man Artikel lesen, in denen sich lokale Journalisten über den Fehltritt des Veranstalters ausließen. Vier Konzertagenturen sagten ihre künftigen Termine bei Loos ab, als sie von dem geplanten Gig der Böhsen Onkelz erfuhren. Bad Religion dürfte nicht auf der gleichen Bühne stehen wie eine "Nazi-Skin-Band". Und das obwohl Stephan einer der größten Bad Religion Fans überhaupt war und schwer auf die hochintelligenten Texte von Greg Graffin abfuhr.
Als die autonome Szene in Kreuzberg und Neuköln den Namen "Böhse Onkelz" hörte, drehte sie durch. Per Megaphon rief man den Widerstand zusammen. Etwa 100 Demonstranten machten sich schließlich auf den Weg, es den "Nazis" zu zeigen. Die Stadt Berlin hatte Ernie Loos und den Onkelz noch am selben Nachmittag eine einstweilige Verfügung reingereicht und ihnen gesagt, sie sollten das Equipment wieder einpacken, eine "Naziband" wollte man in Berlin nicht auftreten lassen. Loos verlegte den Beginn der Show einfach auf 24:00. Auf den nächsten Tag also, an dem die Verfügung nicht mehr griff und eine neue Verfügung während des Wochenendes nicht rechtzeitig beizubringen war. Was an diesem Abend passierte, war das, was später als das klassische Krawallklischee in Verbindung mit Onkelzkonzerten immer wieder Erwähnung fand. 400 Polizisten sicherten den Veranstaltungsort, während sie angegriffen wurden von Autonomen, die das Konzert verhindern wollten, von türkischen Kids, die sich hundsgemein provoziert fühlten und von Onkelzfans und Metal-Teenies, die mit ihren Tickets in die Halle drängten. Immer wieder gab es keilförmige Attacken von Jugendlichen gegen die Polizei. Die Onkelzfans bekamen reihenweise auf die Fresse. Von Autonomen und von Bullen gleichermaßen. In der Halle wurde durchgesagt, dass das Konzert es um 24:00 Uhr beginnen könnte, was den 200-300 Leuten, die schon drinnen waren, genug Zeit ließ, sich übel zuzurichten. Alle paar Minuten öffneten sich die Türen und jubelnde Fans kamen herein, die froh waren, dass sie es endlich geschafft hatten. Über Stacheldrahtzäune, durch Hintertüren, von allen Seiten, drängten versprengte Trupps vor die Bühne. Kaum einer, der nicht humpelte oder zerrissene Klamotten trug. Viele bluteten aus Nase oder Lippe. Irgendwann zog Auge sein Onkelz-T-Shirt aus und ging mit der Kamera vor die Tür. Unglaubliche Szenen spielten sich dort ab. Demonstranten rüttelten an Bullenwagen. Überall flogen Steine und brüllten Leute. Bullen prügelten auf Jugendliche ein, auch auf Mädchen. Brutal waren auch die Reaktionen der Presse. Die TAZ wusste am nächsten Morgen sofort den Schuldigen :
Die Böhsen Onkelz spielten rechte Lieder
. . . nach Polizeiangaben griffen rund 100 Demonstranten gegen 20:00 Uhr Polizeibeamte an, die zum Schutz der etwa 400 rechten Besucher aufgezogen waren . . .
. . . ein Polizist soll leichte Verletzungen erlitten haben . . .
. . . ein Skinhead soll mit einer Machete bewaffnet gewesen sein . . .
. . . die Rockgruppe Böhse Onkelz war vor Jahren durch neonazistische Texte bekannt geworden, von denen sie sich inzwischen angeblich distanziert haben. Axel Schulz : "Für mich ist eine Band solange eine Neonazi-Band, solange sie für Neonazis spielt . . ."
Skinheads waren dort gewesen, von denen einige vorläufig festgenommen wurden und nur wenige bis in die Halle gelangt waren. Von einem Nazipublikum und einer Naziband zu sprechen, erfüllte den Tatbestand von Rufmord.


"Wir ham noch lange nicht genug" erschien im August 91 und enthielt im Booklet folgende Nachricht an die Fans :
"Da uns die Öffentlichkeit und die Medien nicht die Möglichkeit geben, nur Teilwahrheiten verbreiten oder uns das Wort im Mund rumdrehen, wollen wir die Gelegenheit wahrnehmen, um Euch einiges über uns und den Verlauf unserer Karriere zu erzählen.
Waisenknaben sind wir bestimmt nicht, und wir sind uns bewusst, Dinge gesagt und getan zu haben, die starke Kontroversen hervorgerufen haben. Darunter auch Äußerungen, die wir so nicht mehr nachvollziehen können. Die Reaktion der Medien steht aber in keinem Verhältnis zu dem, was wirklich war. Wir haben uns zu keinem Zeitpunkt als faschistische Band gefühlt, obwohl uns dies bis heute unterstellt wird. Der einzig positive Aspekt an dem Widerstand, der uns bis heute entgegen gebracht wird, ist der, dass unsere Freundschaft und der Zusammenhalt in der Band verstärkt wurde. Genauso gefestigt hat sich, in unseren Augen auch der Zusammenhalt zwischen Euch und uns. Wir wissen von den Schwierigkeiten, die ihr habt, wenn ihr Euch zu uns bekennt. Wir sind uns aber sicher, dass wir eines Tages diesen vorgefertigten Meinungen und Lügen über uns die Kraft nehmen.
Danke für Eure Unterstützung." - August 91
Stephan - Pe - Gonzo - Kevin

Dienstag, 23. August 2011

Die Geschichte Teil 38 - Trimmi wird ermordet

Trotz aller Probleme lief es eigentlich ganz gut. Am 15. Juni 1990 lief es ganz besonders gut. Jedenfalls für die Deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Italien. Es war Pe´s 26ster Geburtstag. Stephan und Pia luden ihn zu sich nach Kelkheim ein. Dort wollten sie für ihn kochen und das Spiel der Deutschen gegen die Arabischen Emirate anschauen. Später wollten sie nach Frankfurt fahren, um sich mit Kevin und Trimmi in Sachsenhausen zu treffen. Doch gegen 11:00 rief Stephan in der 28 an und sagte ab. Pe fuhr kurz darauf nach Hause und legte sich schlafen. Die 28 war während des überlegenen Spiels der Deutschen Mannschaft gut ins Brüllen geraten. Nach Stephans Anruf hielt es sie nicht länger in der Wohnung. Auge, Trimmi und Kevin bestellten einen der verängstigten Taxifahrer vor die Haustür und ließen sich geradewegs nach Sachsenhausen ins "Speak Easy" chauffieren. Schon nach kurzer Zeit stand Trimmi im offenen Hemd da, und war bereit den ganzen Laden einzuladen. Das tat er oft, wenn er etwas Geld in der Tasche hatte und guter Laune war. An diesem Abend war er besonders guter Laune. Zwischen all dem Gejohle, Gesaufe und Geschiebe musste Trimmi irgendwann die Toilette aufsuchen. Auf dem Klo traf er Auge. Nebeneinander standen sie vor der Rinne und lachten über Witze, die sie sich kurz zuvor an der Theke erzählt hatten. Aus einer der Toilettenkabinen kamen Geräusche, die sich verdächtig danach anhörten, als wenn sich dort zwei Typen gerade eine Nase Koka reinziehen würden. Auge war als erster mit dem Pinkeln fertig und verließ auch als erster das Klo. Nicht ohne sich auf halbem Wege zur Bar noch einmal umzudrehen. Durch die offene Toilettentür musste er eine Szene beobachten, die so kurz und so irreal war, dass die ganze Welt um ihn herum zu gefrieren schien. Die zwei Typen, die aus dem Klo gekommen waren, hatten Trimmi in ihrer Mitte stehen. Trimmi, mit einem Bierglas in der Hand,sah aus, als wenn er dringend Hilfe benötigte. Die Situation schrie nach einem Eingriff, aber Auge konnte sich nicht bewegen. Einer der zwei Männer hatte ein Messer in der Hand und stach es Trimmi in die Brust. Einfach so. Trimmi stürzte daraufhin panisch aus der Toilette, durch den Flur und genau in Auges Arme. Er stammelte etwas davon, dass er gestochen worden war, und er schrie Auge an, dass der etwas unternehmen sollte. Dann riß er sich los und flog auf Kevin zu, der ungläubig auf Trimmis blutende Brust starrte. Auge hatte endlich seine Fassung wiedergefunden und brach krachend durch die Klotür. Der Täter stach sofort mit seine Messer auf Auge ein. Auge hatte ein paar Schwinger landen können, blutete aber stark aus mehreren Wunden. Keine 5 Sekunden später lag Auge am Boden und fürchtete um sein Leben.
Kevin hockte draußen auf der Straße und hielt den schwer blutenden Trimmi in seinen Armen. Trimmi war kreidebleich und keuchte. Die nackte Panik sprach aus seinen Augen. Mit einer Hand hielt er sich an Kevins Kragen fest, die andere hielt er auf die Wunde gepresst. Sprechen konnten sie beide nicht.
Auge wehrte sich mit Händen und Füßen, während der Typ mit dem Messer immer noch auf ihn einhackte. Stefan Winter, das Tier, das damals Kevin im Klapperkahn beinahe totgeschlagen hatte, war mit einem Garderobenständer in die Herrentoilette eingefallen und schlug nun den Messerstecher damit nieder. Gott im Himmel, wie haben Winter und Auge diese zwei Typen zusammengetreten. Dem einen haben sie ein Ohr abgeschlagen, dass später wieder angenäht werden musste. In all dem Blut und dem Gekreische sind Auge und Winter dann nach draußen gelaufen. Sie mussten unbedingt heraus finden, was mit Trimmi passiert war. Auf der Straße hatte sich eine große Menschenmasse versammelt. Ein Notarztwagen stand dort i der schmalen Gasse, und von überall waren Polizeisirenen zu hören, die sich dem Tatort näherten. Das Messer lag noch auf dem Boden, die Täter aber waren geflüchtet. Im Notarztwagen sah Auge seinen Freund Trimmi liegen, dessen Körper sich unter den Stromstößen noch einmal aufbäumte und dann liegen blieb. Trimmi, zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt, war schon nach 3 Minuten, noch bevor der Krankenwagen in die Gasse eingebogen war, in Kevins Armen verblutet. Der Tod verließ die Szene gegen 00:40.
Kevin stand blutverschmiert hinter dem offenen Notarztwagen und sah blicklos auf die Instrumente. Dort lag Trimmi unter einem weißen Tuch und bewegte sich nicht mehr. Kevin wusste nichts über den Tod, nichts über diese Art von Tod. Seine Welt, weit weg wie sie ohnehin schon war, verschwand nun vollends hinter einer dicken Milchglasscheibe.

Um 3:30 klingelte das Telefon bei Stephan : "Komm sofort in die 28. Es ist etwas passiert. Beeil dich !" Als Stephan in der 28 eintraf, bot sich ihm ein Bild der Verzweiflung. Ein paar zerstörte Rocker fand er vor und einen schluchzenden Russell, der schäumend vor Wut und Schmerz seinen Kopf gegen die Wand schlug. Stephan wollte es nicht glauben. Er wurde nervöser und nervöser und kämpfte mit den Tränen.Niemals wieder erlebte die 28 eine dunklere Nacht. Zu Hause schloss Stephan sich in sein Schlafzimmer ein und weinte 48 Stunden lang. Stephans Gefühle waren fast immer echt, klar und sauber. Er konnte krass und brutal sein, das schon, und er ließ die Leute immer wissen, was er von ihnen hielt, besonders gerne, wenn er sie nicht mochte. Aber das galt genau so für die Menschen, die er liebte. Er war in seinen Emotionen extrem geradlinig. Niemals hegte er für jemanden ungenaue Sympathien. Wenn er jemanden kennenlernte, dann war es schwer für diese Person, sein Vertrauen zu gewinnen. Gelang es ihr jedoch und Stephan akzeptierte einen Menschen, dann konnte dieser sich gewiss sein, dass Stephan ihn niemals belügen würde, dass er immer zu ihm Stehen würde. Ein Arschloch war ein Arschloch und ein Freund war ein Freund. Trimmi war der beste Freund der Böhsen Onkelz. Nicht einer der Besten, sondern der Beste.
Roland Kruse hieß der Mensch, der für Trimmis Tod verantwortlich war. Er hatte sich nach der Tat gestellt und saß bereits in U-Haft. Er war der zweite Sohn einer reichen Familie aus Bad Vilbel und war mehrfach wegen Körperverletzung und Raubüberfall vorbestraft. Laut eigenen Angaben trug Kruse (21) immer ein Messer zur Selbstverteidigung bei sich. Er sei von Trimmi mit einem Bierglas bedroht worden. Er habe in Notwehr gehandelt, gab er zu Protokoll. Mit dieser Aussage wollte sich die Band nicht zufrieden geben. Alle dachten an Rache. Aber für´s erste sollte Kruse seine Tage in unerträglicher Angst verbringen. Er sollte wissen, wessen Zorn er geweckt hatte, und diese Erkenntnis sollte ihn langsam aber sicher um den Verstand bringen.

Montag, 15. August 2011

Die Geschichte Teil 35 - Kevins Drogensucht beginnt

Wann genau und wer genau und warum plötzlich nichts mehr reichte und nichts mehr genug war, und wieso eines Tages Heroin auf dem Tisch lag, konnte sich niemand richtig erklären. "Solln wa mal was Braunes schnuppen ?" Ganz schnell wurde es gesagt, so dass man´s kaum verstand. Wie hart war eigentlich hart genug ?
Krankfurt am Main. Unübersehbare blutleere Generationen von Pushern vor dem Hauptbahnhof, als unmittelbarer Beweis dafür, dass die Drogenpolitik in Deutschland das allerletzte war. Wie oft hatte Kevin schon die Junkies auf der Kaiserstrasse gesehen ? Wenn sie sich auf der Treppe zur U-Bahn einen Druck setzten und anschließend dort rumsaßen oder -lagen, mit halbgeschlossenen Augen und eiternden Wunden an den entblößten Waden, während die Pumpe noch im Knöchel steckte. Irgendwie musste er es wohl auch "geil" gefunden haben. Weil es so dicht am Tod war wahrscheinlich. Weil es so tief am Boden war und so hart. Genau, weil es so hart war. Aber hart war Kevin nur zu Anfang, später wurde er immer weicher.

Einer der krasseren Besucher der "28" hatte also H angeschleppt und sprach darüber, als sei es nichts Besonderes. Logischerweise taten auch alle anderen so, als sei es nichts Besonderes. Die Zähne kriegten sie in der "28" sowieso nicht mehr auseinander, wegen all dem Koks und der Kieferknirrscherei danach. Also was "Braunes" lag auf dem Tisch, und, zugeknallt bis an die Schuppen, dachte keiner mehr an die Junkies vor dem Hauptbahnhof. Kevin zögerte nicht eine Sekunde. Er nahm, was ihm unter die Nase kam, und er nahm meistens doppelt. Während er einen Joint rollte, zog er eine Schiene Koks weg, die Auge ihm reichte und schluckte danach zur Sicherheit noch eine halbe Extacy. Nebenbei kippte er 5-6 Tequilla, 8 Bier und 11 Jägermeister und spätestens dann, war es auch schon wieder Zeit für die nächste Schiene. Dann schrie er die Geldscheine an, damit sie sich vor Schreck von alleine aufrollten. Und wo er gerade davon sprach, wo waren eigentlich die Pillen, und von dem Speed würde er auch noch etwas wollen, wenn noch was da war, und . . ."mach mal die Musik lauter" . . . Jede Platte volle Lautstärke und die Lieder immer nur kurz angespielt, weil sie zu "druff" waren, um sie ganz zu hören und das im Sommer, alle Fenster auf, draußen 25°, mitten in der Nacht, und ein Terrarium nach dem anderen wurde geöffnet, und Vogelspinnen, die sich auf dem Tisch bekämpften und dabei vorsichtig die Jägermeisterlachen umgingen, als handele es sich um Tümpel voller Giftmüll. Über leere zerbeulte Bierdosen und Kokaspiegel kletterten die Viecher und dazu die übelgelaunten Sandvipern, Susi die Schlange und der nervöse Riesentausendfüssler, den Kevin aus Kenia eingeschmuggelt hatte. Spätestens jetzt sagten auch die anderen : "O.K., Klar Alder" zu Heroin. Nicht alle, Gonzo und Pe waren nur noch selten in der 28 und hatten sich aus den harten Drogenexzessen rausgehalten. Als die Pillen immer mehr in den Vordergrund traten, als es nur noch darum ging, sich zuzuballern und man noch nicht einmal mehr lachen konnte, weil das Koks alle Gefühle eingefroren hatte, da klinkten sich Gonzo und Pe ganz lässig aus. Auch Auge und Trimmi waren vorsichtig. Sie lehnten es ab, das H überhaupt nur anzufassen. Weidner wäre nicht Weidner, wenn er es nicht wenigstens probieren würde. Schließlich würde Kevin es auch nehmen und zwischen Stephan und Kevin lief schon immer so etwas wie ein heimliches Härtner-Duell. Dreimal, im Verlauf zweier Monate, zog sich Stephan eine Nase H und beim dritten Mal spürte er bereits, wie sich jemand an seinem Verstand zu schaffen machte und jetzt drauf und dran war, ihm alle Entscheidungen aus der Hand zu nehmen. Der Körper reagierte bei allen gleich. Jeder, der zum ersten Mal Heroin nahm, musste sich übergeben. Beim zweiten und dritten Mal wurde es langsam besser. Sobald sich der Körper an das Heroin gewöhnt hatte, fing es an schön zu werden, und spätestens dann war es zu spät, um aufzuhören. Stephan war zu abgeschreckt, um weiter zu machen. Er sagte Kevin seine Meinung, auf eine Art, wie er es immer tat. Er habe es probiert, er habe gemerkt, dass es scheiße war und er würde sofort damit aufhören. Keine Diskussionen, kein Gerede, jetzt und hier würde er aufhören, und wenn Kevin weiter machen würde, täte er das auf eigene Verantwortung. Kevin war ein loses Bündel Chaos, ohne das geringste Vertrauen in das eigene Handeln und ohne jedes Gefühl für "genug". Kevin war falsch abgebogen und schon außer Sichtweite. Er war so schnell, dass ihn keiner mehr erreichen konnte, und wenn sie ihn riefen, dann hörte er nur noch ein Raunen, das von so weit weg zu kommen schien, dass es sich nicht einmal mehr lohnte, die Augen zu öffnen. Was den Rausch anging, war Heroin anders, als alles, was er bis jetzt genommen hatte.
H war ein fester Griff, eine starke Hand, die von ganz unten kam und die ihn hinabzog in einen Strudel aus lauwarmer Gleichgültigkeit und flauschiger Lethargie. Heftig angezogen, von einem Magneten aus schwarzem Samt, sank er tiefer und tiefer in seinen Kuschelsarg Nr. 28. Als er sich schließlich aufgelöst hatte und willenlos davontrieb, verlor er alles, was er jemals besaß, einschließlich der Fähigkeit, sich die Schuhe zuzubinden.
Zunächst hielt sich Kevins Konsum in Grenzen. Das Tätowieren brachte ihm viel Kohle ein, und das Gramm kostete 80 Mark. Kein Grund zur Aufregung also, wenn man ihm glauben konnte. Moni wusste am Anfang nichts davon. Kevin war bemüht, seine beginnende Sucht vor ihr und vor der Band zu verheimlichen, aber lange konnte ihm das nicht gelingen. Moni bemerkte eine positive Veränderung in Kevins Verhalten. Seit kurzer Zeit wirkte er ruhig und friedlich, fast ausgeglichen. Sein paranoides Gequatsche hatte aufgehört, und er schien auch nicht mehr auf jeden Menschen loszugehen, um ihm den Schädel einzuschlagen. Dass dieser Wandel mit seiner Heroinsucht zu tun haben könnte, daran wollte Moni lieber nicht denken.

Sonntag, 14. August 2011

Die Geschichte Teil 33

Wiesbaden, April 89.
Drei Jahre und zwei Monate lang hatten sie kein Konzert mehr gegeben. In der Presse wurden die Böhsen Onkelz und ihr Austritt aus der Glatzenszene nicht etwa nur totgeschwiegen, sondern man musste davon ausgehen, dass die Presse überhaupt nichts von den Onkelz wusste. Obwohl es interessant gewesen wäre, zu erfahren, wie es einer Skinheadband ergangen war, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolges die Szene verlassen hatte, wurde über dieses erste Konzert nach der Neuorientierung nirgendwo berichtet.
Am 3. und 4. April 89 gab die Band zwei Konzerte im "ZickZack", einer Wiesbadener Disco. Für die meisten der neueren Onkelzfans war dies ihre erste Chance, die Band live spielen zu sehen. Das ZickZack war an beiden Abenden mit gut 800 Leuten ausverkauft. Was das Publikum anging, konnte man von einer Mischung sprechen, die sich sowohl am Freitag, als auch am Samstag aus folgenden Gruppen zusammensetzte. Glatzen waren mit einem kleinen Aufgebot von 20-30 Mann erschienen, von denen die meisten älter als 20 waren und sich friedlich verhielten. Punks waren mit einer noch kleineren Delegation von etwa 10-20 Exemplaren vertreten. Den größten Anteil an Zuschauern machte ein unentwirrbarer Haufen von Langhaarigen, Fußballasis, Metal-Schüttlern und Crossover-Rockern aus. Von einem Nazi-Skin-Aufmarsch konnte keine Rede sein.

Versteckt unter einer Glocke aus Hass und Ablehnung, bewaffnet mit einer Aura höchster Explosivität und mit Augen, die beseelt waren von bedingungsloser Provokation, stellte Kevin mehr den je die große magnetische Figur des Schreckens dar. Es war deutlich spürbar an diesem Abend, dass von ihm die größte Anziehungskraft ausging und dass er derjenige war, der diese Kraft auf die Zuschauer übertrug und sie zu binden verstand. Als Gonzo die Noten von "28" anschlug, wurde diese Kraft entfesselt. Stephan hackte auf seinen Bass ein und wurde sich im selben Moment darüber klar, dass es ganz genau das war, was er schon lange wieder einmal tun wollte. Auf der Bühne stehen und Musik machen. Stephan drehte durch. Selbstgeschriebene Songs durch die Verstärker zu jagen, das war so großartig und ein so merkwürdiges Gefühl von Stolz, Bestätigung und Euphorie, dass es ihm kalt den Rücken runterlief. Hier zog der Geist der "28" deutlich sichtbar in rauchigen Schwaden über die Bühne. um Ende des Stückes betrat Kevin den Raum.. Er stellte sich vor die Fans, riss die Arme hoch und ließ sich ein paar Sekunden feiern. Seine schulterlangen Haare waren glatt nach hinten gekämmt. Er lächelte. Dass dieser freundliche Eindruck täuschte, wusste jeder Konzertbesucher spätestens in dem Moment als Kevin sich das Mikro schnappte und "Guten Abend" rief.Wer so "Guten Abend" sagen konnte, der machte sich auch nicht de Mühe, Türen mit der Hand zu öffnen. Tief, heiser und nicht den geringsten Widerspruch duldend, fing Kevin an zu singen. "Guten Tag, erkennt ihr mich, wisst ihr nicht wer ich bin ? Seht ihr den Hass in meinem Gesicht, ich nehm dem Leben jeden Sinn . . ." Kevin wuchs über sich hinaus. die Bühne war der einzige Ort, wo er mit der Außenwelt in Kontakt trat.Die Gefühle anderer Menschen waren in ihrer Vereinnahmung für Kevin eine Bedrohung, von der er sich im täglichen Leben zu isolieren versuchte. Er selbst stellte sich unter sein eigenes Leitbild, und dieses Bild verkaufte er den anderen als "Kevin Russell". Das war das Idol oder die Vorstellung des "Härtesten". Wie ein Priester im Indianerstamm missionierte er seine Fans, um sich wenigstens auf eine Quasi-Art am äußeren Leben zu beteiligen. Diese seelischen Blockaden waren tragisch und trieben ihn oft bis an den rand des Wahnsinns. Jeder seiner Freunde wusste von Kevins schlimmen Alpträumen, die ihn schon seit seiner Kindheit plagten und die sich in seinen Horrorgeschichten ausdrückten, die er permanent zum besten gab. Diese traurigen Blockaden waren aber gleichzeitig auch der Quell seiner Kreativität und seiner Begabung. Kevins Tattookunst war zweifelsfrei professionell und trug seine ganz persönliche Handschrift. Genau so waren seine Qualitäten als Sänger beim Publikum hoch geschätzt. Wer konnte besser über Hass singen, als jemand, der so zu hassen in der Lage war wie Kevin ? Russell war sicher keine Nachtigall, aber er wusste genau, was seine Fans wollten und er konnte es ihnen geben. So wie es Stephan mit seinen derben Texten darauf anlegte, die Fans mitten ins Herz zu treffen und die Öffentlichkeit bis aufs Äußerste zu reizen, so sorgte Kevin mit seiner magischen Autorität und seiner brutalen Stimme dafür, dass um die Band herum ein Auffangbecken entstand, in dem sich bald viele orientierungslose Gleichgesinnte tummelten. Meistens waren es Jugendliche, die vom Leben nicht mehr viel zu erwarten hatten. Jungs mit schlecht bezahlten Jobs oder abgebrochener Lehre. Hauptschüler, Sonderschüler und Freaks, denen ihre Erfahrungen des Scheiterns und der Resignation auf der Stirn geschrieben standen. Dass rechte Parteien unter diesen Leuten gerne den Hass schürten und mitunter erfolgreich neuen Nachwuchs rekrutierten, traf zu. Es traf aber auch zu, dass diese Jugendlichen nicht den geringsten Plan von irgendetwas hatten und gerne nach jedem Strohhalm griffen, den man ihnen hinhielt. So wie die betrogenen Jugendlichen nach dem Strohhalm griffen, genauso griffen die Fans nach den Liedern der Onkelz.Die Identifikation mit der Band spielte bei ihren Anhängern von Anfang an eine große Rolle. Dass es hier und dort Schnittmengen gab, war nur logisch. Bereits in Wiesbaden im Frühjahr 89 wurden alle Lieder mitgesungenund somit ein Zusammenhalt zementiert, der weit bis in die 90er Jahre hineinreichen sollte. Das hatte viel mit Widerstand und Auflehnung zu tun, mit Provokation und auch mit Trotz, nicht aber mit Politik. Onkelzkonzerte, dass wurde jetzt immer deutlicher, waren eher so etwas wie eine gemeinsame, interne Verarbeitung von Aggressionen. Unzugänglich und undurchsichtig für Beobachter aus einem anderen Milieu.
In Wiesbaden hielten sich die Onkelz nicht zurück, und Kevin, wenn er einmal dort oben stand, drehte am Rad, bis seine Tattoos glühten. Am Ende konnte er nur noch röcheln. Seinen ganzen Hass und sein ganzes Chaos spuckte er ihnen vor die Füße. De Fans schluckten diesen Schmodder begierig und brüllten ihn aus 800 Kehlen synchron zurück, so dass sich alle Aggros gemeinsam entluden. Das Singen und die erleichterte Stimmung, die dabei aufkam, war das, was ein Onkelzkonzert ausmachte.

Dienstag, 9. August 2011

Die Geschichte Teil 31


Kevin hatte mehrere Versuche unternommen, Moni Weidner zurückzugewinnen, und mehr als einmal hatte sie ihn wieder zu sich in die Wohnung gelassen. Sie hasste sich für ihre mangelnde Konsequenz und dafür, dass sie immer wieder darauf hereinfiel, wenn Kevin ihr sagte, dass er ohne sie nicht leben konnte. Wahrscheinlich sagte er sogar die Wahrheit, aber das Problem war sein fehlender Lebenswille insgesamt, seine chronische Negativität und sein egoistischer Drang, andere Menschen mit hinabzureißen, nur um sie dann ihrer Triebhaftigkeit zu überlassen. Kevin wusste wie er Moni´s Mitleid erregte, und sie war nicht selbstsicher genug, ihm mit Entschlossenheit entgegenzutreten. Schon bald kam Kevin regelmäßig in den Sandweg, um bei Moni zu übernachten, und schon bald zog sich auch Moni an den Wochenenden das Koks in die Nase.
In der "28" schepperte es wie eh und jeh. Ab Mitte der Achtziger war in Frankfurt eine neue Droge im Umlauf, die sich Extacy nannte und nun auch in der "28" ausprobiert wurde. Extacy oder XTC war ein Antidepressiva auf MDMA-Basis, das, je nach Dosis, euphorische Glücksgefühle auslöste, die etwa 3-4 Stunden andauerten. XTC war ein Riesenspaß, Happy-Pillen, die sie zwar höllisch wegkickten, die aber nicht so paranoid und rappelig machten wie Acid. Das schöne daran war, dass eigentlich nichts schief gehen konnte. Die ausgeschütteten Endorphine und Adrenaline sorgten für glühende Glückseligkeit. Das Fatale an den Pillen war jedoch, dass man sie über die Monate hinweg in immer größeren Dosen zu sich nahm und dass das Aufwachen in der Realität oft Depressionen auslöste, die sich 1-2 Tage hinziehen konnten. "Viertel", "Drittel" und "Halbe" E´s wurden in der "28" geschluckt wie Drops. Von Freitagabend bis Montagmorgen versank die 28 in zotenreißendem Wahnsinn. Immer und immer wieder wurde nachgelegt, bis ihnen fast die Augen aus den Höhlen quollen und ihre Gesichtszüge sich derangierten. Koks und Speed wurden zusätzlich noch oben drüber geschnuppt, was natürlich Blödsinn war, aber das interessierte sowieso niemanden. Wenn es einmal soweit fortgeschritten war, dass alle nur noch da lagen und extatisch zuckten, dann ließ Trimmi meistens seine Vogelspinnen frei.
Ein ebenso groteskes, wie surreales Bild war Trimmis Zusammenbruch auf Extacy, der ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Trimmi hatte ein schwaches Herz, als Folge eines Stromschlags während seiner Elektrikerlehre. MDMA, Kokain, Speed und all das Zeug brachten sein Herz grundsätzlich an den Rand des Fliehkraftkollaps. Manchmal dachte er, dass es ihm vor lauter Rotation gleich aus der Brust springen würde. Als er sich schließlich überdosiert hatte und kalkweiß in die Knie ging, sah man den ganzen zugeknallten und verstrahlten Haufen, wie er hektisch durch die 28 stolperte. Alarmsirenen kreischten in ihren Köpfen, Warnleuchten drehten sich, Handfeste Panik brach aus. Wo war das Telefon ?
Trimmi überlebte, aber eines Tages, das zeichnete sich ab, würde ein Opfer gefordert werden. 

Donnerstag, 4. August 2011

Die Geschichte Teil 27

1988
Die Band war der wichtigste Inhalt im Leben der Musiker. Hier fanden sie den Zusammenhalt und den Antrieb, den sie sonst wahrscheinlich nach dem ausstieg aus der Skinheadszene verloren hätten. "Böhse Onkelz" war etwas, was ihnen Verantwortung brachte, die jeder der Vier gewillt war zu tragen. Eine Existens außerhalb der langweiligen Norm, unabhängig von Regeln, Uniformierungen und Routinen. Ihre Rebellion hatte sich auf einen Kern von vier Personen verdichtet. Stephan hatte fast alle Texte geschrieben und zum größten Teil die Musik komponiert. Außerdem kassierte er Onkelzgeld und investierte es in Merchandising-Produkte der Band. T-Shirts, Poster und Autogrammkarten, die per Nachnahme an die Fans verschickt wurden. Solche Arbeiten erledigte Stephan nebenbei, neben seinem regulären Job als Fahrer und neben seiner kreativen Arbeit für die Band. Obwohl jeder einzelne Onkel seinen festen Platz hatte und als absolut unersetzbar galt, war Stephan der Anfang und das Ende. Die Böhsen Onkelz stiegen und fielen mit ihm und seinem Engagement. Stephan liebte diese Verantwortung. Er war auch derjenige, der alles abcheckte. Er hatte die Verbindungen zu Egoldt, zu Lotzi und schließlich zu Nowotny geknüpft. Er hatte die Vertragsverhandlungen mit Lotzi und Nowotny geführt und die Bedingungen gestellt. Auf einen einfachen Künstlervertrag über drei Studioalben hatte man sich schließlich geeinigt. Die Rechte an den Songs würden, wie üblich, bis auf Lebzeiten bei der Plattenfirma, in diesem Falle bei Metal Enterprise bleiben. Dieser Vertrag war am 24.12.1987 unterzeichnet worden.
Stephan Weidner, der große Priester des Profanen. Er wuchs mit der Band. Das war eine Entwicklung, die die Fans mitmachen konnten. Vorausgesetzt, sie verfügten über ein Mindestmaß an ähnlichen Erfahrungen. Die Texte waren meistens in der ersten Person Singular geschrieben und beliebig interpretierbar, so dass jeder, der die Songs hörte, sich unweigerlich seinen eigenen Reim darauf machte oder die Inhalte mit persönlichen Erfahrungen verknüpfte. Wie alle anderen Alben der Böhsen Onkelz, setzte sich auch das 88er Album "Kneipenterroristen" aus Erlebtem und Erfahrenem zusammen.

Die 28 war der Ort, an dem die Onkelz am lautesten lachten. Ihre Verbundenheit und ihre verschworene Gemeinschaft, die für Außenstehende kaum zu begreifen war, ging soweit, das sich Trimmi und Stephan die Zahl 28 auf die Innenseite ihrer Unterlippen tätowierten. Ironischerweise war die 28 aber auch der traurigste Ort, den sie jemals aufgesucht hatten. Der Ort, wo sie den Rausch suchten, nur um größtes Leid zu erfahren. Stephan und Gonzo komponierten eine instrumentale Vision, ein musikalisches Foto der klassischen 28-Situation, das genau die erlebte Stimmung wiedergeben sollte. Worte waren in diesem Fall nicht wichtig, dieses Gefühl war nur in ihren Köpfen, und niemand, der nicht in der 28 dabei gewesen war, würde es jemals verstehen. Webersrtaße 28, die Kapelle der Gefahren. "28" das Lied, eine bittere Pille.
Gonzos hoffnungsvolle, aber schwermütige Gibson klagte die Tonleitern rauf und runter, während Mysto-Schwaden und astrales Geschnatter den Raum zwischen den Noten mit Paranoia anfüllten, und nur langsam, dort, wo das peitschende Schlagzeug und der böse Bass einsetzten, wurde es klar, dass die 28 der Einstieg in die Hölle war, die glitschige Treppe in den Keller. Dort, wo Kevin in den Alptraum abglitt, dort, wo er das Scheitern und den Schmerz suchte, dort stand Stephan im Gegenwind und schwang seinen Bass gegen die Fluten eines blutigen Horrortrips. Auf Stephan Weidner war Verlass. Wenn es um Freunde oder Familie ging, war er die Loyalität in Person, mit einem Rückgrat aus Stahl. Er würde niemals weichen, komme was da wolle. Wenn sie "drauf" waren, führten Kevin und Stephan ihre Freunde gerne bis an die Pforte einer dunkleren Welt, und dort, wo Kevin sich weit hinauslehnte und darauf hoffte, dass ihn endlich jemand über die Schwelle schubste, dort sprach Stephan unbeschwert von Hoffnung, dort wuchsen ihm Hörner des Trotzes und dort lachte er, als wäre er auf einem Kindergeburtstag. Die 28, das Lied und der Rausch.
 Von den Mysto-Schwaden geführt, blindlings durch den Keller stolpernd, strebten sie am Ende des Stückes einem strahlenden Furioso entgegen. Gonzo und sein klagendes Thema überschlugen sich in rasendem Aufstieg und in taumelnder Euphorie, so wie ein Rabe, der fliegend dem Waldbrand entkam. Mit dem Stück "28" wurde der Ort zu einem Bild, einem kurzen Moment, der Zeit ließ für die erschrockene Betrachtung . . .

Mittwoch, 3. August 2011

Die Geschichte Teil 26

Kevin war zu einem der angesagttesten Frankfurter Tätowierer aufgestiegen, und in Alf Diamond´s Tattoostudio war ein Betrieb wie vor Weihnachten. Vom stahlharten Rocker der Frankfurter "Bones" über DJs und Szenetypen bis zum gescheitelten Frankfurter Äbbelwoi-Hengst und seiner gebürsteten Prollstute - alle ließen sich von Kevin Russell, dem Sänger der Onkelz, stechen.
Kevin wohnte mit Stephans Schwester Moni zusammen in der "28", dem Zwei-Zimmer-Loch auf der Weberstrasse. Er verdiente inzwischen viel Geld und seine privaten Kontakte reichten tief in die Frankfurter Metal- und Rockerszene hinein. Auch Kevin hatte sich endlich zu einem Wechsel entschieden und die meisten seiner Drähte und Verbindungen zur Skinheadszene gekappt. Seine Haare ließ er wachsen. Von einem Tag auf den nächsten. Nicht als ein Zugeständnis, sondern als eine neue Herausforderung zu neuem Protest und zu neuer Rebellion.
Im "Klapperkahn", einer Rockerkneipe in Frankfurt-Sachsenhausen, geriet Kevin zu Beginn des Jahres 88 wieder einmal in eine seiner heftigen Schlägereien. Es verging keine Woche, in der er nicht an einer brutalen Hauerei beteiligt war, die er entweder selber angezettelt hatte oder in die er begeistert hineinsprang.
An diesem Abend standen einige breitschultrige Krassmänner an der Theke und im Handumdrehen hatte Kevin zwei Köpfe zusammengeknallt. Tierisches Gebrüll und fliegende Gläser setzten augenblicklich die Energie frei, die es brauchte, um eine Kneipe zu zerlegen. Schnell wurde Russell zu Fall gebracht und genauso schnell saß Stefan Winter, ein gewalttätiges Rockerraubtier auf Kevins Brust, brach ihm drei Rippen und prügelte mit einem Barhocker auf seinen Schädel ein. Jeder, der einmal eine richtige Schlägerei miterlebt hat, kannte diese Leute, die solche Situationen dominierten. Diejenigen, die die gesamte Energie an sich rissen und abgingen wie ein Orkan. Die nie vom Gas gingen, nicht einmal, wenn der Typ auf dem Boden schon halbtot war und keinen Laut mehr von sich gab. Stefan Winter war so einer. Schultern von unglaublichem Format, äußerst schnell und hart, wenn es einmal losging und nur schwer zu stoppen. Dass Kevin überlebte, hatte er Auge, einem Freund Winters zu verdanken. Auge war ein vollbärtiger, langhaariger Rocker. Einer von der scheinbar harmlosen Sorte, dem man nicht sofort ansah, was er drauf hatte, bis es zu spät war und er sich als ebenso gefährlich, wenn nicht noch gefährlicher herausstellte. Auge hatte Winter von Kevin heruntergezogen, ihn abgebremst und aus der Kneipe geschoben. Erstaunlicherweise war Kevin nicht einmal bewusstlos. Er blutete zwar stark an Ellenbogen und Knien, dennoch stand er sofort wieder auf, lief aus der Tür und brüllte Auge und dessen Freunden Beleidigungen hinterher. Keine drei Wochen später waren sie die besten Kumpels.
Kevin kam gerne spät nachts nach Hause, auch wenn er wusste, dass Moni am nächsten Morgen um 5:30 aufstehen und arbeiten musste. Grundsätzlich brachte er 2/3 seiner unsensiblen Kollegen mit, die, wenn sie reinkamen, sogleich die Anlage aufdrehten und die auf den Teppich spuckten. "Die 28", diese Bezeichnung war inzwischen zum feststehenden Begriff für Kevins Wohnung geworden, verkam mehr und mehr zu einem übelriechenden Tempel des Exzesses. Kevin vorne, Kevin am härtesten, Kevin am schlimmsten. Moni war mit ihren Kräften schnell am Ende. Im Herbst 87 fand sie eine neue Wohnung auf dem Sandweg und verließ die 28 unter Tränen. Als Moni fort war, wurde es noch schlimmer. Hier war nicht von Ruhestörung die Rede. Was in der 28 abging, konnte nur noch als blanker Terror bezeichnet werden. Tätowiererfeten und Rockertreffen, einen unmenschlichen Lärm und asozialstes betrunkenes Gesindel beklagten die Nachbarn. Dort habe sich der Abschaum getroffen, sagten sie, dort liefen Lack- und Lederpornos und Horror-Videos in voller Lautstärke. Die 28 war schnell zu einem Ort der Besessenheit geworden. Die Polizei machte einen großen Bogen um die 28. Taxifahrern war die Adresse auf unangenehme Weise bekannt. Wenn sie Schnaps lieferten und danach ohne Bezahlung wieder vor die Tür gesetzt wurden, hatten sie großes Glück gehabt. Weniger Vorsichtige wurden in die Wohnung gezerrt und unter lautem Jubel und schlimmen Drohungen zum Mittrinken gezwungen. Die Tür war zu und wenn die Tür zu war, war drin, wer drin war, und die Tür blieb zu, manchmal von Freitag bis Dienstag, und sie wurde höchstens einmal geöffnet, um jemandem die Nase zu brechen oder den Dealer reinzulassen. Drinnen wurde unter infernalischem Krach gesoffen und gezecht, gelacht und gebrüllt. Mittendrin Helmut W., gewalttätigster Alt-Skin Deutschlands, der die erste Nase Koka seines Lebens schnupfen wollte und besoffen wie er war, den ganzen Haufen vom Tisch blies. 4 Gramm, 650 Mark, ab in den Flokati, egal. Kevin verfügte über viel Geld. Ab 87 sorgte er dafür, dass immer reichlich Drogen da waren. Trimmi zog mitsamt seinen 18 Vogelspinnen bei Kevin ein.

Mittwoch, 27. Juli 2011

Die Geschichte Teil 22 - Trimmi wird der beste Freund der Onkelz

Anfangs, als Kevin sich Farbe und Nadeln besorgt hatte und damit in Frankfurt herumdokterte, war Alf Diamond zu ihm gekommen und wollte ihm sein Werkzeug abnehmen. Alf wurde hysterisch, wenn er hörte, dass irgend jemand auf eigene Faust zu tätowieren begann. Die Onkelz waren gute Kunden. Stephan hatte sich von Alf im letzten Jahr eine Ratte mit Totenschädel auf den linken Oberarm stechen lassen, und eine Seeschlange umspült von tosender Brandung auf den rechten Oberarm war in Arbeit. Kevin trug unter dem gekreuzigten Skinhead auf seiner Brust einen verschnörkelten Böhse Onkelz Schriftzug, den Alf gestochen hatte und der sich über seinen ganzen Bauch spannte.
Alf erkannte sofort, welches Talent in Kevin schlummerte, und dass sich Kevin vermutlich schnell als gefragter Tattooartist etablieren würde. Nichts lag näher, als der Gedanke daran, ihm einen Job zu geben. Alf zog mit seinem Laden nach Sachsenhausen und schon sehr bald war Kevin eine feste Frankfurter Tattoogröße geworden. Kevin war jetzt streckenweise glücklich. Nicht nur war er einer der Härtesten, nicht nur war er der Sänger der Böhsen Onkelz, der geilsten Band des Universums, er war auch Tätowierer in einem angesagten Frankfurter Studio. derjenige, der all den anderen Härtnern die Bilder auf den Körper piekste. Männern und Frauen, Hooligans, Asis, Normalos, Skins und manchem beinharten Rocker. Von allen erntete er Akzeptanz und Respekt. Ein Tätowierer, wenn er einen guten Ruf genoss, war jemand mit dem man nicht dumm rummachte. Tätowieren war eine ernste Sache, eine Kunst, und ein Tätowierer war ein Künstler. Jetzt konnte er sich zusammen mit Moni eine Wohnung suchen. Die Weberstr. 28 im Frankfurter Nordend wurde das neue zu Hause von Kevin und Moni. Keiner ihrer Freunde hätte sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen können, was für Tragödien sich noch in dieser Wohnung abspielen sollten.

Gonzo und Stephan prügelten sich weniger. Sie hörten allmählich damit auf, in jedem Menschen einen potentiellen Feind zu sehen. Ihre sozialen Kontakte verschoben sich ebenfalls. Kuchen und die anderen Skins verschwanden aus dem Bekanntenkreis und die Kneipen änderten ihre Namen. Hanim´s Pinte hatte als Treffpunkt ausgedient. An seine Stelle traten Kneipen in Sachsenhausen, das "Schöppchen" und das "Speak Easy".
In einer dieser Kneipen traf Kevin auf Andreas Trimborn. Dieser Typ war der witzigste Mensch, dem Kevin je begegnet war. 19 Jahre alt, langhaarig und gut gelaunt. Seine Freunde, von denen er unzählige zu haben schien, nannten ihn entweder Andi oder Trimmi. Er arbeitete bei Elektro-Fuchs und sogar sein Chef und seine Kollegen liebten ihn. Trimmi war so unbeschreiblich komisch, dass Kevin ihn gern haben musste. Wenn Trimmi loslegte, dann lispelte er irgendetwas total Trockenes in tiefstem hessisch daher und war dabei so liebenswürdig und freundlich, dass er grundsätzlich eine kleine Gruppe von Lachern und Fans um sich herum stehen hatte. Als Trimmi schließlich auf Stephan und Gonzo traf, waren die schon vorgewarnt gewesen. Kevin hatte ihnen mehr als einmal von ihm erzählt. Die persönliche Begegnung übertraf ihre Erwartungen jedoch bei weitem. Stundenlang hatten sie mit Trimmi im Park gesessen, Bier getrunken und sich vor Lachen fast übergeben. Trimmi war einer von den Menschen, die man sofort in sein Herz schloß. Trimmi wurde schnell zum besten Freund der Onkelz, und war ab 1986 Kevins ständiger Begleiter.

Montag, 25. Juli 2011

Die Geschichte Teil 19 - Live aus dem Alabama

Im August 85 rief der Bayerische Rundfunk bei Stephan an. Für den 9. September war eine Fernsehausstrahlung aus der Reihe "Live aus dem Alabama" geplant. Das Thema der Sendung hieß "Ausländerfeindlichkeit", und die B.O. wollte man als Deutschlands bekannteste Skinheadband dabei haben. Stolz war in eine schnelle Pogoversion umgeschrieben worden, und jeder in der Band war total ausgeflippt, als sie darüber sprachen zum ersten Mal im Fernsehen aufzutreten und den Leuten vor dem Bildschirm ihre Art von Stolz um die Ohren hauen zu können. Erst am Nachmittag vor der Sendung wurden die Onkelz von der Aufnahmeleitung in München darauf hingewiesen, dass sie sich an der Diskussion beteiligen sollten und als Studio-Talkgäste fest eingeplant waren. Für Stephan und Kevin bedeutete das in erster Linie, dass sie gezwungen waren, Stellung zu beziehen, und dass ihnen ein Kampf bevorstand. Der Auftritt, das war jetzt auch der Band klar, war nur der Aufmacher und der Einstieg in die Diskussion über Ausländerfeindlichkeit. Als die Band ihren Song spielte, lief der Text über den unteren Bildschirmrand. bereits hier hatten sich die ersten Recherchefehler eingeschlichen. Dort wo es im "Stolz"- Song hieß : ". . . Shermans, Braces, Jeans und Boots . . .", hatten die Fernsehleute ". . . Jeans und Blut . . . " verstanden. Aus "Deutschlandfahne" wurde "Deutschland vorne" und die Zeile mit ". . . Du hörst Onkelz wenn du zu hause bist . . ." wurde ganz vergessen.
Dann ging es los. Stephan wurde als Kleintransportunternehmer von 22 Jahren und Kevin als Ex-Matrose von 21 vorgestellt. Gonzo und Pe durften nicht teilnehmen, damit es kein Übergewicht in der Runde gab.
Stephan und Kevin wurden schnell als Musterbeispiele des deutschen Proletarismus hingestellt, noch schneller, als klar wurde, wer ihre beiden ausländischen Gesprächspartner waren. Efkan, ein 22jähriger Türke, der seit 21 Jahren in Deutschland lebte und Irini, eine griechische Abiturientin von 22 Jahren, die schon in Deutschland geboren war. Gebildet, voll integriert und fotogen hatten die beiden nur wenig gemeinsam mit den Ausländern, von denen Stephan und Kevin redeten. Kevin und Stephan mussten herhalten als Ausländerfeinde.

Im Herbst saßen die Onkelz wieder im MTV-Studio und diskutierten mit Lotzi über ihre Zukunft. Wenn sie schon eine letzte Platte für Egoldt machen mussten, dann höchstens eine Mini - LP mit 6 Stücken und danach musste dringend eine neue Plattenfirma gefunden werden. Mit Egoldt waren sie fertig. Bis jetzt hatte er sie nur über den Tisch gezogen. Während der Aufnahmen tauchte Ingo Nowotny auf, der war der Inhaber des "Metal Enterprice" - Label, auf dem er mit schlechten und superschlechten Heavy - Metal - Bands den deutschen Markt belästigte. Nowotny kaufte alle Rechte an den Bandübernahme-Vereinbarungen und versprach, im nächsten Jahr eine Managerfunktion zu übernehmen. Jetzt musste aber erst noch die 3. LP für den verhassten Egoldt fertig gestellt werden. Zwei neue Songs erzählten von Sex und Suff. Das Titelstück des 3. Albums "Mexico" war ein Stadion-Knaller. Ein Lied, das sich hervorragend zum Mitgrölen eignete und das Stephan für die Fußball-WM im nächsten Jahr geschrieben hatte. Die Lust auf Fußballrandale war ihm jedoch vergangen. Seit dem Sommer 85 stand Stephan in einem anderen Block oder saß mit einem Bier und ein paar Freunden auf der Gegentribüne des Waldstadions. "Mexico" war als reines Spaßlied gedacht, und von der Brutalität der frühen Fußballsongs fehlte hier jede Spur.

Sonntag, 17. Juli 2011

Die Geschichte Teil 18 - Böse Menschen-böse Lieder

1985
Neun Monate nach dem "netten Mann", im Februar 85, waren die Onkelz wieder im MTV-Studio gebucht. Egoldt hatte angerufen und die Produktion der zweiten LP angeleiert. Obwohl die B.O. noch kein Geld für die erste Platte bekommen hatten, waren sie begeistert. Eine eigene Platte in den Händen zu halten, war das Größte, eine zweite Platte zu machen das Allergrößte. Bis auf Kevin hatten sie sich die Haare ein Stück wachsen lassen und die Hosenträger abgelegt. Fred Perry Hemden waren out und ihre Docs trugen sie nur noch ab und zu. Die starren Regeln innerhalb der Skinheadszene, in Verbindung mit dem dümmlichen Faschogeschwätz einiger Hamburger und Berliner, kotzten sie an. Vorschriften, ob es nun um Klamotten  oder politische Ansichten ging, waren für Stephan, Gonzo und Pe inzwischen unannehmbar geworden. Kevin konnte seine Skinheadidentität nicht einfach abschütteln. Der Kult war für ihn die einzige Möglichkeit, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Der Ex-Matrose lebte auf einer Insel, in einem Gefühlsreservat. Seinem düsteren Elterntrauma, den Abweisungserlebnissen während seiner Kindheit und der daraus resultierenden Blockierung stand der Zwang zum Ausgleich gegenüber. Das drückte sich in seiner Tattoobesessenheit und seiner Neigung zu Gewalt gegenüber Anderen aus. Kevin neigte zu schlimmen Ausschweifungen, das wurde immer deutlicher. Wenn er sich prügelte, dann blutig und extatisch und ohne Erbarmen. Wenn er soff oder schnüffelte, dann so, als wollte er sich umbringen.
"Böse Menschen - böse Lieder", die zweite Produktion der Onkelz sollte beim "netten Mann" anknüpfen. Die Themen waren mehr oder weniger diegleichen. Allerdings waren der anfängliche Patriotismus und die Euphorie für das Vaterland schnell verpufft. Stephan war inzwischen der Meinung, dass es sich nicht lohnte auf ein Land stolz zu sein, das die Probleme seiner Jugend nicht ernst nahm. Auf dem 2. Album der Onkelz gab es kein Lied mehr, das sich mit dem Thema "Deutschland" beschäftigte.

"Signum des Verrats" hatten sie für Mitläufer aller Art geschrieben und für diejenigen, die ihre Ideale und ihren Stolz an die Politik oder an irgendjemand anderen verkauften. In den Fußballstadien, den Kneipen und an den Treffpunkten der Skins tauchten immer wieder Scheitelträger auf, verteilten rechtes Propagandamaterial und versuchten sich beliebt zu machen. Ebenso ließen sich Journalisten vom Stern, Spiegel und der Bildzeitung blicken und stellten Fragen über Politik und Rassismus. Gerne legten sie den Jugendlichen die Worte in den Mund oder sie spekulierten sich ihre Artikel zusammen. Die B.O. hatten sich weder von links, noch vom Kommerzpunk oder der neuen deutschen Welle einfangen lassen. Nun erneut mitansehen zu müssen, wie das, was man mitaufgebaut hatte nach rechts abglitt, war schmerzhaft. Es gab einige Angebote von rechtsradikalen Parteien und Verbänden an die B.O. Sie wurden mehrmals gebeten, gegen eine angemessene Gage auf Grillfesten und Kundgebungen zu spielen, aber jedesmal lehnte die Band dies Anfragen einstimmig ab. Niemals würden sie mit Linken, Rechten oder Scheitelträgern gemeinsame Sache machen und sich vor den Karren einer Partei spannen lassen. In einer Zeit, als ihnen die deutsche Skinheadszene zu Füßen lag und ihr Einfluß auf die Glatzen groß war, weigerten sie sich, für rechte Parteien auch nur eine Note anzuschlagen. Auch das sprach sich herum. Den Medien, die alle Skins immer wieder in einen Topf warfen und von nichts eine Ahnung hatten, widmete die Band das Lied "Hässlich, brutal und gewalttätig.
Im August 85 fand ein großes Skinhead Open-Air Festival in der Nähe von Lübeck statt. Open-Air bedeutete in diesem Fall, dass sich eine Menge von rund 600 Glatzen mit Anhang vor einer winzigen Bühne zusammendrängte. Für die Onkelz war es die 2. Show, seit sie im vorletzten Jahr in Berlin waren. Ihr Ruf als angesagte Skinheadband, hatte sich im Laufe der letzten Monate noch gefestigt. "Böse Menschen - böse Lieder" war seit Mai im Handel. "Der nette Mann" war zum Meilenstein in der Szene geworden und die Erwartungen des Publikums waren entsprechend hoch.
Mit seinem Motörhead T-Shirt und seinen Turnschuhen verstieß Gonzo am brutalsten gegen die strengen Klamottenregeln der Skins. Gonzo, der noch vor einem Jahr mit Haut und Haarendem Kult anhing, hatte keine langen Erklärungen gebraucht. Er hatte selber gemerkt, in welche Richtung die Skinheadszene marschierte. Die Grundlage seiner Musik aber war stark und vielschichtig. Gonzo beherrschte sein Instrument auf jede erdenkliche Art.Stephan war ein scharfer Beobachter und durchaus in der Lage, das, was er sah, in prägnanten Versen zu beschreiben. Vorgetragen von Kevin, entfesselten diese Reime erst ihre Kraft.Kevin verkörperte den Onkel par exellence. Tätowiert bis zu den Schultern, glatzköpfig und mit ungebremster Energie sprang er herum.Schnell und hart röhrte er die Worte in das Mikro. Kevin gab jedem Zuschauer, das wofür er gekommen war. "Fußball und Gewalt", "Signum des Verrats", "Heute trinken wir richtig", "Hass", "Stolz", "Deutschland", "Der nette Mann" und das neue Stück :

Wenn einer ein Tier sein und darüber singen konnte, so war es Kevin. Er war fähig, das wilde Monster aus sich herauszuholen. Seine ganze erschreckende Brutalität legte er in diese eineinhalb Stunden und gewährte den Skins einen kurzen Einblick in sein inneres Durcheinander, seine ganz persönliche Hölle. Die Kombination von Stephans Intellekt, von Kevins Vortrag, Gonzos Virtuosität und Pe`s Schlagzeugspiel ergaben eine einzigartige  und explosive  Mischung. Das Konzert verlief friedlich. Die Onkelz wurden nach diesem Konzert in einigen Skinheadfanzines, die die Band vorher in den Himmel gehoben hatten, als uncool und zu "Heavy Metal" bezeichnet.
Die eigene Szene begann die Band in den Schmutz zu ziehen.