Die Zusammenfassung des Lebens und der Musiklaufbahn der Böhsen Onkelz soll euch helfen zu verstehen,warum wir,die Fans,sie so vergöttern und Andere sie so hassen und verdammen.Jeder kennt die Onkelz oder hat schon mal von ihnen gehört.Das Feindbild der Nation, die Götter für die Fans.Von der Band geht eine Faszination aus,die nicht in Worte zu fassen ist.Und nur die Fans werden diese Tatsache verstehen können. Meine Zusammenfassung stammt aus dem Buch "danke für nichts" von Edmund Hartsch
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Sonntag, 26. August 2012
Mittwoch, 25. April 2012
Die Geschichte - Teil 64
In die ausverkaufte Hamburger Sporthalle am 23.10.96 kamen sichtbar viele Fans aus verschiedenen Lagern. Härteste Punks standen neben krassesten Skins. Dazwischen zappelten Teenies mit bunten Haaren, Leute mit Dreadlocks, Härtner, Langhaarige, Normalos, Baseballkappen, Wollmützen und auch ausländische Jugendliche. 8000 Leute sangen "Wieder mal nen Tag verschenkt", keine Gewalt, keine Schlägereien, nicht ein einziger Hitlergruß. Auch wenn sich nach dem Konzert, vereinzelte Grüppchen von Punks und Skins gegenseitig in den Arsch getreten haben sollen, gab es hier die ersten Anzeichen einer friedlichen Annäherung. Hamburg war keine Ausnahme, aber dort fiel es auf. So wie in Bremen, Hannover, München, Ulm, Frankfurt, Düsseldorf. Konzerte, die es in solcher Form in Deutschland noch nie gegeben hatte.
Ende September erschien das neue Album "E.I.N.S.". Zwei Tage nach der Veröffentlichung stand die CD auf Platz 4 der deutschen Longplay-Charts. E.I.N.S. war die Versiegelung der Freundschaft wischen der Band und ihren Fans.
Die Menschen, die sich die Onkelzscheiben kauften, waren die Menschen, die die Onkelz unterstützt hatten, und das war etwas, was die Band ihren Fans niemals vergessen würde.
"Freundschaft gibt uns Kraft, die uns stark macht in der Not. Einigkeit heißt die Devise, wir sitzen alle im selben Boot!"
Eine Einsicht,die Stephan während seiner Skinheadphase gehabt hatte und die er durchaus auf die heutige Zeit übertragen konnte. Sie hatte auch heute noch Gültigkeit, wobei die Band in langjähriger Kleinarbeit ihr eigenes Weltbild und das der Fans entscheidend geprägt und erweitert hat. Die gemeinsame Verarbeitung des Lebens sollte mit E.I.N.S. zementiert werden. ". . . mit dieser Band hast du nicht viele Freunde, doch die die du hast, teilen alles mit dir . . ."
Jugendliche aus allen Lagern, wohlgemerkt. Wer konnte denn wissen, wieviele dieser Leute ihre Hoffnung an die Onkelz hingen oder wieviele durch die Lieder inspiriert wurden, wieviele daraus lernten oder Kraft schöpften ?
E.I.N.S. hatte etwas mit Glauben zu tun. Nicht mit Glaube, wie ihn die Kirche predigte, sondern mit einer Kraft, die von innen kam.
Für alle die 1996 immer noch keinen Plan hatten :
Was man den Onkelz in Wirklichkeit übelnahm, war, dass sie sich niemals irgendwo angebiedert hatten. Weder bei den Redaktionen, noch bei irgendwelchen Plattenfirmen, weder bei Viva noch bei MTV.
Für lange Zeit hatte es so ausgesehen, als wenn sich die Jugend nie wieder vereinigen würde. Weder in Deutschland noch sonst wo. In Osteuropa blühte der Skinheadkult. Glatzenexperten schätzten ihre Zahl auf 300 - 350 000, mit eigenen Konzerten und eigenen Bands. Wie konnte es sein, dass zu den Onkelzkonzerten seit dem Frühjahr 86 nie mehr als 50 - 80 Skins gekommen waren ? Und wie konnte es sein, dass die Hitlergrüße seit 89 weitgehend ausblieben ? Einer hier, zwei dort, und immer war das Konzert unterbrochen worden oder der Übeltäter war unter dem Jubel der anderen Zuschauer hinausgeworfen worden. Solche Sachen sprachen sich herum. Vielleicht waren die wenigen Glatzen, die noch zu den Onkelzkonzerten kamen, auch die, die sich weiterentwickelten und sich nicht vor den Karren einer rechten Partei spannen ließen. Das gleiche galt vielleicht auch für die Hardcore-Punks, die nun wieder öfter bei Onkelzkonzerten auftauchten.
Nicht die Onkelz haben die Gewalt in die Herzen der Jugendlichen gepflanzt und auch nicht nur die "netten Männer", die Väter, Pfarrer, Politiker oder Nachbarn. Gewalt war in uns. Sie brach hervor oder wurde unterdrückt. Bei den Konzerten konnten die Fans, wer auch immer diese Leute waren, die Gewalt heraussingen. Das, und nichts anderes, machte das Faszinosum "Böhse Onkelz" aus.
Immer, wenn sich die Böhsen Onkelz trafen entfaltete sich augenblicklich diese typische Magie. Jeder, der die Band auf der 96er Tour gesehen hatte, konnte das bestätigen.
Die Seele der Band, das war klar, und das hatte sich auf der 96er Tour deutlich sichtbar bestätigt, war Kevin. Seit 96 genoss er wieder großen Respekt in der Band. Kevin war clean und hochmotiviert, das konnte man sehen.
Nichts ist für die Ewigkeit,
nichts bleibt wie es war
nur vier Jungs aus Frankfurt sind schon lange, lange da.
Die Welt hat uns verlangt, sie hat nichts besseres verdient,
habt ihr noch nicht erkannt . . . warum es Böhse Onkelz gibt.
Donnerstag, 8. März 2012
Die Geschichte - Teil 58 - Kevin wird endlich clean
Die Situation um Kevin war 94 unerträglich geworden. Dänemark war schön gewesen, geholfen hatte es nicht. Sobald Kevin wieder zu Hause war, wurde er rückfällig. Moni versuchte vergeblich Kevin`s Vater einzuschalten. Wenigstens vorbeikommen sollte er und sich seinen Sohn anschauen, und ein paar Unterschriften leisten, damit sie ihn in ein Krankenhaus bringen konnten. Mitte 94 hatte sie Herrn Russell endlich soweit, dass er nach Frankfurt kam. "Der stirbt mir hier . . ." hatte sie ihm ins Ohr gebrüllt, und ". . . es geht um ihren Sohn, sie werden jetzt vorbeikommen und diese Unterschriften leisten, damit wir ihn einweisen können." Sie einigten sich auf eine Einweisung ins Elisabethenkrankenhaus, und Herr Russell leistete den Beistand, den ein Angehöriger juristisch zu leisten hatte. Die 3000,- DM, die als Kaution hinterlegt werden mussten, hatte er nicht. Von Geld war ja auch nie die Rede gewesen. Her Russell lies sich nach diesem Besuch nie wieder bei seinem Sohn blicken. Moni lieh sich das Geld schließlich von Thomas Hess aus der B.O. Management-Kasse und unternahm die Einweisung im Alleingang. Der Aufenthalt im Krankenhaus zeigte Wirkung. Frisch gebadet, rasiert und auf Methadon machte Kevin fast einen "cleanen" Eindruck. Eine Ersatzdroge war vielleicht nicht die intelligenteste aller Lösungen, aber dennoch half sie, Kevin aus dem asozialen Teufelskreis herauszuholen.
Am 21.06.1994 fanden in der Music Hall in Frankfurt drei Onkelz-Konzerte statt. Es war das erste Mal nach 14 Jahren, dass die Band in ihrer Heimatstadt auftrat. Kevin war clean und gab alles was er hatte. Er hatte seine Texte fehlerfrei drauf und sang sie wie zu den besten Zeiten. Man konnte ihm ansehen, dass er etwas gutmachen wollte. Die Fans dankten es ihm mit ausgelassener Partystimmung.
Neben all der regulären Managementarbeit hatten die Böhsen Onkelz einen eigenen Fanclub gegründet. Der "B.O.S.C.", der "Böhse Onkelz Supporters Club" war der offizielle Fanclub, der den Jugendlichen, die sich für die Band interessierten, die Infos aus erster Hand geben sollte. Ein nicht-profitorientierter Verein, der sich durch die Beiträge der Fans selber tragen sollte. Mit eigenem Fanzine, Videomaterial, T-Shirts und einer Hotline. Dani, Onkelzfreundin aus den ersten Punktagen, übernahm alle Arbeiten, die in Verbindung mit diesem Fanclub anfielen. Das hieß, dass sie in erster Linie hunderte von Briefen und tausende von Fragen zu beantworten hatte. Da schrieben hartgesottene Fans, verwirrte Eltern, begeisterte Lehrer, suizidgefährdete Teenies und auch Zwölfjährige, die gehört hatten, dass die Onkelz eine Naziband seien, und die wissen wollten, was das bedeutete. Dani leistete viel Aufklärungsarbeit, ohne dass sie den Status einer Jugend- oder Sozialarbeiterin gehabt hätte.
Die Music-Hall-Gigs, zwei Auftritte in Augsburg und Bremen verliefen friedlich. Fünf weitere Konzerte in Österreich festigten das Bild der Onkelz als Rock`n`Rollband erster Güteklasse. Größtenteils positive Resonanz aller Tageszeitungen war die Belohnung.
1994 war die Presse schon klar in zwei Lager gespalten. Alle, die tiefergehend recherchierten, kamen früher oder später zu dem Schluß, dass die Vorwürfe gegen die Band unbegründet waren.
Mittwoch, 15. Februar 2012
Die Geschichte - Teil 55
Aus Stephan und Gonzo quollen die Lieder nur so hervor. Mitte 93 hatten sie so viele Ideen und Texte, dass sie genug Lieder für drei Alben gehabt hätten. Zusammen sperrten sie sich ein und brüteten über den Melodien der nächsten Veröffentlichung. Wenn es möglich sein sollte, dann würden sie sogar zwei Scheiben herausbringen. Diese Idee setzte sich bei Stephan fest. Anstatt nur einer Antwort auf den Pressezirkus und den Medienterror würden sie zu einem Doppelschlag ausholen. Alle in der Band fuhren mächtig auf die Vorstellung ab, wie dumm der Handel gucken würde, wenn er erkannte, dass die Onkelz damit durchkämen. Stephan war sich seiner Sache sicher. Er fühlte, dass diese doppelte Veröffentlichung für die Industrie wie ein erneuter Schlag ins Gesicht wirken würde.
"Schwarz/Weiß" war das Konzept. Weidners Dualität, der Zwilling, "Licht und Schatten steh´n gemeinsam vor der Tür . . ." , kam hier ein weiteres Mal zum Ausdruck. Sonne und Mond waren auf den Innenseiten zu sehen und in Blindenschrift und Zeichensprache, war der Name Böhse Onkelz zu fühlen bzw. zu lesen. ". . . für die blinden und die tauben noch ein allerletztes Mal . . ."
1993, noch lange vor der Veröffentlichung der beiden Alben, gab es zahlreiche Journalisten, die sich um eine objektiveAnnäherung bemühten. Gut 500 000 Einheiten waren von "W.h.n.l.n.g.", "Live in Vienna" und der "Heiligen Lieder" verkauft worden. Dass bei solchen Verkaufszahlen und bei Zuschauermengen, die pro Konzert mittlerweile die 4000er Grenze überschritten, nicht nur Rechtsradikale die Platte kauften oder die Konzerte besuchten, fiel jetzt auch der Presse auf. Bis zum Sommer 93 gab es viele Artikel, von Redaktionen, die sich aktiv mit der Wandlung der Böhsen Onkelz beschäftigt hatten.
Am 17. 10. gaben die Onkelz ein großes Konzert in der Bremer Stadthalle. Eine "gegen Rechts" - Veranstaltung, die den Titel "Mensch" trug. Neben einer Vielzahl von Acts gegen rechts, gab es eine Ausstellung junger internationaler Künstler, die von den Onkelz finanziell unterstützt wurde. Die Onkelz selbst waren als Headliner angekündigt, um möglichst viele Jugendliche aus allen Schichten anzusprechen. Es kam zu einem bemerkenswerten Zwischenfall : Als ein Skin vor der Bühne die Hand zum Hitlergruß hob, unterbrach Gonzo das Konzert. Das Hallenlicht wurde angeknipst, und auf der Bühne versammelte sich eine Traube von Security-Leuten, die konzentriert in die Richtung blickte, in die Gonzo zeigte. Während der Provokant kurz darauf rüde aus der Halle geworfen wurde, begleiteten ihn die Stimmen von 7000 Zuschauern, die alle "NAZIS-RAUS" riefen. Solche Lektionen waren weitaus hilfreicher, um fehlgeleiteten Fans die Richtung zu weisen, als verleumderische Hetze in der Tagespresse. Von 7000 Onkelzfans rausgeworfen zu werden, war mit Sicherheit ein einschneidendes Erlebnis für diesen Fan.
Die Stadt Bremen zeigte sich beeindruckt. Der Metal Hammer wählte das "schwarze Album" zur "Platte des Monats Dezember".
Am 17. 10. gaben die Onkelz ein großes Konzert in der Bremer Stadthalle. Eine "gegen Rechts" - Veranstaltung, die den Titel "Mensch" trug. Neben einer Vielzahl von Acts gegen rechts, gab es eine Ausstellung junger internationaler Künstler, die von den Onkelz finanziell unterstützt wurde. Die Onkelz selbst waren als Headliner angekündigt, um möglichst viele Jugendliche aus allen Schichten anzusprechen. Es kam zu einem bemerkenswerten Zwischenfall : Als ein Skin vor der Bühne die Hand zum Hitlergruß hob, unterbrach Gonzo das Konzert. Das Hallenlicht wurde angeknipst, und auf der Bühne versammelte sich eine Traube von Security-Leuten, die konzentriert in die Richtung blickte, in die Gonzo zeigte. Während der Provokant kurz darauf rüde aus der Halle geworfen wurde, begleiteten ihn die Stimmen von 7000 Zuschauern, die alle "NAZIS-RAUS" riefen. Solche Lektionen waren weitaus hilfreicher, um fehlgeleiteten Fans die Richtung zu weisen, als verleumderische Hetze in der Tagespresse. Von 7000 Onkelzfans rausgeworfen zu werden, war mit Sicherheit ein einschneidendes Erlebnis für diesen Fan.
Die Stadt Bremen zeigte sich beeindruckt. Der Metal Hammer wählte das "schwarze Album" zur "Platte des Monats Dezember".
Mittwoch, 8. Februar 2012
Die Geschichte - Teil 54
Die Band war der ideale Sündenbock für die Versäumnisse der Gesellschaft. Sie waren eine Gruppe von Personen, die leicht angreifbar war, da sie im Interesse der Öffentlichkeit stand und sich auch innerhalb dieser Öffentlichkeit zwischen die Fronten wagte. 1993 wurden die Onkelz zum Repräsentanten dessen, was in der Gesellschaft schief lief. Sie waren ein Beispiel des "Sich-Bekennens" und zogen somit automatisch Ablehnung und Zustimmung auf sich. Sie holten die tief verborgenen Ängste herauf und hielten sie dem Land vor Augen. Sie und ihre Fans waren dazu bestimmt, den Hass auf sich zu ziehen. Welche andere Band hatte sich auf eine solche Art mit diesem Thema auseinandergesetzt ? Natürlich konnte man auch über Frieden und Liebe singen, aber das taten schon die anderen. Die Böhsen Onkelz entstanden aus Spaß am Punkrock. Rebellion und bedingungslose Provokation waren die Hauptmotivationen. Hass was das, was aus ihnen heraus kam und was in konsequenter Art und Weise über einen Zeitraum von mittlerweile 13 Jahren verarbeitet wurde. Der Hass, über den jetzt noch gesungen wurde, war der Hass, der von außen auf sie zu kam. Die Onkelz hatten innerhalb ihrer Fangemeinde einen Status der Glaubwürdigkeit erreicht. Eine Dimension mit so vielen Polen, konnte man getrost Universum nennen. Dem Betrachter erschloss es sich nur, wenn er es einmal in seiner ganzen Länge durchschritt. Quereinsteiger mussten jung der sehr interessiert sein, wenn sie den Zugang zur Musik der Onkelz erlangen wollten. Jeder, der nur mal so reinhörte, um etwas über die Band zu schreiben, der begriff nichts. 1993 war der Hass längst nicht mehr so präsent wie 1984. "Der nette Mann" lag jetzt 9 Jahre zurück. Das hieß nicht, dass es keine netten Männer mehr gab. Kindesmissbrauch und Gewalt gegen Kinder waren 1993 genauso aktuell, wie immer. Der Hass, mit dem die Onkelz angeblich Geschäfte machten, war ein großes internationales Problem und war nicht den Onkelz anzulasten. Wer das nicht begriff, der war bei den Onkelz falsch, der würde in ihren Texten immer nur herauslesen, was in sein kleines Weltbild passte und der würde die Ansätze von Verständnis, die in vielen Liedern erkennbar waren, übersehen.
Am 01.05 organisierten die Onkelz ein eigenes "Rock gegen Rechts" Konzert in Geiselwind. 2000 friedliche Anhänger. Keine Ausschreitungen, keine Hitlergrüße, keine Glatzen. Die Onkelz überreichten dem Geiselwinder Bürgermeister einen Spendenscheck von 8000,- DM, ein Betrag, der für die Jugendarbeit ausgegeben werden sollte. Nach dem Konzert gab es positive Resonanz, sowohl in der Tagespresse, als auch im Fernsehen.
Es gab Frauenbands, die sich die "Lieben Tanten" oder die "Böhsen Schlampen" nannten, Fußballfanclubs, die Onkelzsprüche auf ihre Fahnen gestickt hatten. Ein Onkelz- und Opelfanclub mit dem Namen "Böhse Opels", "Böhse Onkelz MC" Motorrad Clubs, eine "Böhse Onkelt Rocker Kneipe" in Frankfurt-Sachsenhausen. Überhaupt gab es dort viele Kneipen aus dehnen Onkelzmusik dröhnte. Die Band hatte eine gewaltige Wirkung auf ihr Umfeld. Neu war, dass sich dieses Umfeld ausdehnte und dass es sowohl stahlharte Rocker, als auch Gymnasiasten und Hauptschüler, Teenies und Erwachsene ansprach, Kern-Asis, Sonderschüler und Freaks, Punks und Skins, Normalos und Fertige.
Ab 1993 wurden Onkelztexte im Sozialkundeunterricht durchgenommen. Lehrer ließen Onkelzmusik laufen, und Schulbücher befassten sich mit den beliebig interpretierbaren Texten. Oberbürgermeister verboten den Schulbüchereien Onkelzcassetten zu verleihen und Stadtväter verriegelten ihre Hallen.
Selten hatte eine Band mit ihrer Musik so viele unterschiedliche Meinungen provoziert.
Die Heiligen Lieder waren hart an der Grenze zur Vergoldung für 250 000 verkaufte Einheiten. Der Handel sträubte sich jedoch vor einer Goldverleihung. So wie der Eintritt in die Top Ten, wäre auch eine Goldene Schallplatte in diesem speziellen Fall eine Rekordleistung. "Gold trotz Boykott" musste also folgerichtig eines der nächsten Ziele der Band heißen. Nicht des Geldes wegen, sondern allein schon, um den Handel zu ärgern.
Die Onkelz machten alles im Alleingang. Bellaphon kümmerte sich längst nicht um all die Dinge, von denen sie noch vor 2 Jahren gesprochen hatten. Das komplette Management, die Konzerte, der Ordnerdienst und die Werbung wurde von dem Vier-Leute-Stamm in Frankfurt organisiert. Thomas Hess, Alphamann der krassesten Securitytruppe, die in und um Frankfurt zu buchen war, mauserte sich mehr und mehr zum Manager der Band. Unterstützt wurde er von Mo Sudmann, die für das Büro und die Diplomatie während der Verhandlungen mit Veranstaltern und Presse zuständig war. Stefan Siebert für´s Organisatorische und Stefan Stichler für die Fans und ihre T-Shirts.
Freitag, 16. Dezember 2011
Die Geschichte Teil 51
Die Fortsetzung der Herbsttour war unmöglich geworden. Überall wurden Onkelzkonzerte verboten, Hallenpächter unter Druck gesetzt, Veranstalter bedroht und Ticketverkäufer angegriffen. Ein Angestellter einer Plakatierungsfirma, der die Heilige Lieder - Tourposter an die Werbefläche klebte, wurde von Autonomen mit dem Messer bedroht.
Dazu kam der Vorstoß der Musikindustrie beim Bundesverband Phono, alle rechtsradikale Musik schleunigst verbieten und die Onkelz aus den Charts ausschließen zu lassen.
Axel Merting, Platten- und CD-Ladenbesitzer in Darmstadt, der die Onkelz CD´s in seinem Laden verkaufte, bekam Drohungen per Telefon : "Haste ne gescheite Glasversicherung, weil es kann ja mal sein, dass ne Scheibe einfliegt." "Liegt dir was an deiner Gesundheit, dann hör auf mit dem Verkauf."
Auch der Vermieter der Eishalle in Darmstadt, war telefonisch schwer unter Druck gesetzt worden. Der Ticketverkauf wurde einestellt, der Erlös ging an den Ausländerbeirat der Stadt Darmstadt. Eine Entschädigung für die Fans gab es nicht.
Kevin hatte schlimme Paranoia und spülte sie mit 3 - 4 Litern Jägermeister pro Tag herunter. Russell war fast tot. Auge und Stephan holten ihn gegen Ende des Jahres aus dem Loch, in dem er lag. Kevin drückte. Jeden Tag und jede Stunde. Dauernd musste er sich selbst verbinden, weil er sich ständig etwas aufschnitt. Füße, Arme oder Bauch. Dazu kam ein weiterer Überfall eines Dealers, der ihm das halbe Ohr abgerissen hatte. Kevin sah aus, als wenn ihn ein Panzer überfahren hätte. 60 Stiche am Kopf, strähnige, lange Haare, Vollbart bis zur Brust, die Pumpe im Arm, den Gürtel im Maul, barfuß im Winter, blutig von oben bis unten. Die totale Verwahrlosung. So sah er aus, wenn er drauf war. Wenn die Schmerzen kamen, dann wurde es schlimmer. Dann bekam er Wahnvorstellungen, brüllte und schrie. Wenn es soweit war, dann lief man am besten vor ihm davon. Dann wurde er rasend vor Hass auf sich selbst, auf die Böhsen Onkelz, auf Stephan, auf seine Mutter, die Politiker, die Rechten, die Linken, die Ausländer, auf alles. Kevin hasste das Leben mehr als jeder andere Mensch auf Gottes verfluchtem Planeten. Seit er zu drücken begonnen hatte richtete sich dieser geballte Hass nur noch gegen eine Person, und die war er selbst. Für Schlägereien war er längst zu schwach. Kevin wollte Schluss machen. Es reichte ihm so dermaßen, dass er hoffte, eines Tages nicht mehr aufzuwachen. Im Golden Sword hatte er drei Wochen im Koma gelegen und niemanden an sich herangelassen. Nicht einmal Stephan hatte noch mit ihm reden können. Zwischen jeder Flasche Jägermeister setzte er sich einen Schuß und wenn nichts mehr ging, dann kotzte er alles an die Wand. Niemand außer Stephan und Auge hatte schließlich den Mut aufbringen können, ihn aus diesem Elend herauszuholen. Der Anblick, der sich ihnen bot, war mehr, als ein normaler Mensch ertragen konnte. Das Heroin hatte ihn zu etwas gemacht, dass nichts mehr mit dem Mann zu tun hatte, der er einmal gewesen war. Er hatte eine Fixermentalität angenommen, die sich in wirrem Gerede und in wirren Gesten ausdrückte und die seine ganze Persönlichkeit verschluckt hatte. In der Obermainstrasse hatten die Onkelz eine Wohnung angemietet, wo Kevin entziehen sollte. Dort brachten sie ihn hin, aber sobald er nicht mehr unter Beobachtung stand, schälte er sich aus seinem Matratzenlager und besorgte sich neues "H". Das war auch das Ende von "Golden Sword Tattoos".
In Rendsburg, am 2. 12., wurde das Konzert eine Stunde vor dem geplanten Beginn abgesagt. Die Stadt hatte Antifa und Onkelzfans im Vorfeld gegeneinander ausgespielt, solange bis sie eine Handhabe hatte, die Show wegen "Tumultgefahr" absagen zu können. Wären die Fans gekommen, die man der Band nachsagte, so hätte es Gewalt geben müssen. Dass alles friedlich blieb, kann also nur daran gelegen haben, dass diese Fans nicht da waren. Der Fernsehbericht auf Sat 1 am selben Abend sprach für sich.
". . . vor der Diskothek empörten sich rund 200 Konzertbesucher und die sahen ganz anders aus, als man es ursprünglich erwartet hatte. Nicht die erwarteten Skins standen vor der gut gesicherten Diskothek "Walhalla", sondern normale Teenager aus Rendsburg und Umgebung. Für sie war das Verbot nicht verständlich. Sie machten ihrem Ärger Luft.
Langhaariger Metalfan : ". . . wir wollen alle nur Heavy Metal hör´n, und wir woll´n die Onkelz hör´n. Wir sind nicht rechts und wir sind nicht links . . ."
Fazit der Sendung :
Sprecher : Wären die Fans gekommen, die man der Band nachsagt, hätte Rendsburg sicherlich keinen ruhigen Abend erlebt, zumal gewalltbereite Linke auf eine Konfrontation mit rechtsradikalen Skins nur zu warten schienen. Die Stadtväter müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, durch ihr zögerliches Verhalten eine Eskalation provoziert zu haben."
Freitag, 2. September 2011
Die Geschichte Teil 42
Kevin knallte das "Aitsch". Er war jetzt bei 2 Gramm pro Tag, das hieß, er gab ungefähr 5500 Mark im Monat für Heroin aus. Dazu kamen noch ein paat Tausender für Koks. Mit Alf hatte er sich endgültig zerstritten und schließlich ein Ladenlokal in der Albusstraße, unmittelbar neben der Cadillac Ranch, angemietet. Hier eröffnete er im Sommer 91 zusammen mit Auge seinen ersten eigenen Tattooladen, den sie "Golden Sword" nannten. Alle wussten von Kevins Heroinsucht und jeder sah wie haltlos er nach Trimmis Tod geworden war. Die Feiereien in der 28 hatten schlagartig aufgehört. Wenn Kevin alleine zu Hause war und sich zuballerte, passierte es manchmal, dass er sich etwas antat, dass er sich mit Messern malträtierte oder seine Möbel kurz und klein schlug. Kevin isolierte sich mehr und mehr von den Menschen, die nicht wie er an der Nadel hingen. Weidner war der einzige Mensch in Russells Umfeld, der ihm jedesmal die Meinung sagte. Stephan hielt Kevin gnadenlos den Spiegel vor. Ob er nicht merken würde, dass er sich den Herausforderungen des Lebens nicht wirklich stellte, dass er eigentlich nur davonlief und den Kopf in den Sand steckte ? Von Stephan bekam es Kevin knüppeldick. Oft waren sie kurz davor aufeinander loszugehen. Kevin zerbrach förmlich unter der Last, die auf ihm lag. Stephans Kritik und der bevorstehende Einstieg ins große Rockgeschäft, in Verbindung mit seiner Heroinsucht und dem Verlust des besten Freundes, die Probleme mit Moni und seiner Mutter, all das war mehr, als Kevin ertragen konnte.
Alle Lieder hatten einen konkreten Bezug zum gelebten Leben der vier Musiker, aber einige Stücke auf der neuen Platte hatte Stephan so geschrieben, dass sie aus Kevins Mund wie das Geständnis einer gewonnenen Erkenntnis klangen, so als wenn er manche Lieder nur für sich sang.
Zu einem großen Aufeinandertreffen von Onkelzfans und Onkelzgegnern kam es in der Nacht zum 25. Juli in Berlin-Neuköln. Ein Auftritt war für den 24.7. gebucht und gut 1000 Tickets waren verkauft worden. Der örtliche Veranstalter Ernie Loos wurde in den Tagen vor dem Konzert von der Presse als Nazi-Sympathisant diffamiert und abgestempelt. Überall konnte man Artikel lesen, in denen sich lokale Journalisten über den Fehltritt des Veranstalters ausließen. Vier Konzertagenturen sagten ihre künftigen Termine bei Loos ab, als sie von dem geplanten Gig der Böhsen Onkelz erfuhren. Bad Religion dürfte nicht auf der gleichen Bühne stehen wie eine "Nazi-Skin-Band". Und das obwohl Stephan einer der größten Bad Religion Fans überhaupt war und schwer auf die hochintelligenten Texte von Greg Graffin abfuhr.
Als die autonome Szene in Kreuzberg und Neuköln den Namen "Böhse Onkelz" hörte, drehte sie durch. Per Megaphon rief man den Widerstand zusammen. Etwa 100 Demonstranten machten sich schließlich auf den Weg, es den "Nazis" zu zeigen. Die Stadt Berlin hatte Ernie Loos und den Onkelz noch am selben Nachmittag eine einstweilige Verfügung reingereicht und ihnen gesagt, sie sollten das Equipment wieder einpacken, eine "Naziband" wollte man in Berlin nicht auftreten lassen. Loos verlegte den Beginn der Show einfach auf 24:00. Auf den nächsten Tag also, an dem die Verfügung nicht mehr griff und eine neue Verfügung während des Wochenendes nicht rechtzeitig beizubringen war. Was an diesem Abend passierte, war das, was später als das klassische Krawallklischee in Verbindung mit Onkelzkonzerten immer wieder Erwähnung fand. 400 Polizisten sicherten den Veranstaltungsort, während sie angegriffen wurden von Autonomen, die das Konzert verhindern wollten, von türkischen Kids, die sich hundsgemein provoziert fühlten und von Onkelzfans und Metal-Teenies, die mit ihren Tickets in die Halle drängten. Immer wieder gab es keilförmige Attacken von Jugendlichen gegen die Polizei. Die Onkelzfans bekamen reihenweise auf die Fresse. Von Autonomen und von Bullen gleichermaßen. In der Halle wurde durchgesagt, dass das Konzert es um 24:00 Uhr beginnen könnte, was den 200-300 Leuten, die schon drinnen waren, genug Zeit ließ, sich übel zuzurichten. Alle paar Minuten öffneten sich die Türen und jubelnde Fans kamen herein, die froh waren, dass sie es endlich geschafft hatten. Über Stacheldrahtzäune, durch Hintertüren, von allen Seiten, drängten versprengte Trupps vor die Bühne. Kaum einer, der nicht humpelte oder zerrissene Klamotten trug. Viele bluteten aus Nase oder Lippe. Irgendwann zog Auge sein Onkelz-T-Shirt aus und ging mit der Kamera vor die Tür. Unglaubliche Szenen spielten sich dort ab. Demonstranten rüttelten an Bullenwagen. Überall flogen Steine und brüllten Leute. Bullen prügelten auf Jugendliche ein, auch auf Mädchen. Brutal waren auch die Reaktionen der Presse. Die TAZ wusste am nächsten Morgen sofort den Schuldigen :
Die Böhsen Onkelz spielten rechte Lieder
. . . nach Polizeiangaben griffen rund 100 Demonstranten gegen 20:00 Uhr Polizeibeamte an, die zum Schutz der etwa 400 rechten Besucher aufgezogen waren . . .
. . . ein Polizist soll leichte Verletzungen erlitten haben . . .
. . . ein Skinhead soll mit einer Machete bewaffnet gewesen sein . . .
. . . die Rockgruppe Böhse Onkelz war vor Jahren durch neonazistische Texte bekannt geworden, von denen sie sich inzwischen angeblich distanziert haben. Axel Schulz : "Für mich ist eine Band solange eine Neonazi-Band, solange sie für Neonazis spielt . . ."
Skinheads waren dort gewesen, von denen einige vorläufig festgenommen wurden und nur wenige bis in die Halle gelangt waren. Von einem Nazipublikum und einer Naziband zu sprechen, erfüllte den Tatbestand von Rufmord.
"Wir ham noch lange nicht genug" erschien im August 91 und enthielt im Booklet folgende Nachricht an die Fans :
"Da uns die Öffentlichkeit und die Medien nicht die Möglichkeit geben, nur Teilwahrheiten verbreiten oder uns das Wort im Mund rumdrehen, wollen wir die Gelegenheit wahrnehmen, um Euch einiges über uns und den Verlauf unserer Karriere zu erzählen.
Waisenknaben sind wir bestimmt nicht, und wir sind uns bewusst, Dinge gesagt und getan zu haben, die starke Kontroversen hervorgerufen haben. Darunter auch Äußerungen, die wir so nicht mehr nachvollziehen können. Die Reaktion der Medien steht aber in keinem Verhältnis zu dem, was wirklich war. Wir haben uns zu keinem Zeitpunkt als faschistische Band gefühlt, obwohl uns dies bis heute unterstellt wird. Der einzig positive Aspekt an dem Widerstand, der uns bis heute entgegen gebracht wird, ist der, dass unsere Freundschaft und der Zusammenhalt in der Band verstärkt wurde. Genauso gefestigt hat sich, in unseren Augen auch der Zusammenhalt zwischen Euch und uns. Wir wissen von den Schwierigkeiten, die ihr habt, wenn ihr Euch zu uns bekennt. Wir sind uns aber sicher, dass wir eines Tages diesen vorgefertigten Meinungen und Lügen über uns die Kraft nehmen.
Danke für Eure Unterstützung." - August 91
Stephan - Pe - Gonzo - Kevin
Montag, 29. August 2011
Die Geschichte Teil 40
1991
89 - 91 war eine Zeit, in der die Onkelz häufiger Ansagen von der Bühne herab machen mussten. Immer wieder tauchten Glatzen auf, von denen einige meinten, durch das Vortragen von rechten Parolen, auf sich aufmerksam machen zu müssen. Die Skinheadszene West/Ost war inzwischen zu großen Teilen nach Rechts abgewandert. Der Hass auf Ausländer wuchs.Das viele der gewalttätigen Übergriffe gegen Ausländer von Jugendlichen angezettelt wurden, die in ihrer Freizeit unter anderem auch Onkelzmusik hörten, dürfte bei einer deutschen Hard-Rock-Formation, die 60-100 000 Einheiten verkaufte, nicht überraschen. Gaben sich diese Leute jedoch auf Konzerten zu erkennen, dann war die Band in jedem Falle dazu aufgerufen, klipp und klar Stellung zu beziehen. Ein wichtiger Punkt im Zuge der Beurteilung an der Mitschuld der Onkelz an ausländerfeindlichen Übergriffen war daher die gewissenhafte Überprüfung ihres Verhaltens auf der Bühne, ihrer Auftritte, deren Anzahl und deren Besucher. Nur 3 Gigs hatten sie als Skinheadband von 83 - 85 gegeben. Einen davon vor einer größeren Crowd von 600-700 Leuten in der Nähe von Lübeck im August 85. Von Anfang 86 bis Anfang 89 hatte es keine Konzerte der Band gegeben. Von 89 bis zum Januar 91 waren es Sieben Gigs in vier Städten. Auf dreien dieser Konzerte, die im Schnitt vor 500 Zuschauern stattfanden, tauchten Skinheads auf, deren Anzahl sich auf je 30-40 Personen belief, und die sich durch das Rufen von ausländerfeindlichen Parolen und durch Hitlergrüße unbeliebt machten. Jedesmal hatte großen Protest der übrigen Fans gegeben. Alle drei Konzerte verliefen nach einer entsprechenden Ansage der Band
friedlich und ohne Gewalt. Ausschreitungen gab es keine, wohl aber kleinere Handgemenge zwischen Autonomen und Onkelzfans. Die Polizei, die während jeder Show in großer Zahl anwesend war, hatte bisher niemals einschreiten müssen. Niemals wieder, seit Lübeck 85 wurden Böhse Onkelz Konzerte von Scheitelträgern oder Parteiangehörigen aus dem rechten Lager aufgesucht. Bereits seit den ersten Konzerten 89 war die Security von der Band angewiesen worden, solche Leute schon am Eingang abzuweisen.
Anfragen von rechten Parteien nach einem Auftritt der Band während einer Parteiversammlung oder einer Kundgebung, waren jedesmal unter lautem Gelächter abgesagt worden.
Am 11. und 12.1.91 gab es im in Offenbach zwei Onkelzkonzerte. Beide Abende verliefen friedlich und ohne Zwischenfälle. Um den Veranstaltungsort herum, kam es jedoch immer wieder zu Pöbeleien von Skinheads gegenüber Anwohnern.Die Frankfurter Rundschau schrieb am nächsten Tag :
"Böhse Onkelz sorgten für böses Blut"
. . . diese Gruppe findet ihre Fans vornehmlich unter Hooligans und Skinheads. Sie gilt aufgrund der nazi- gewaltverherrlichenden Texte auf ihren ersten Platten als faschistisch . . .
Weder gab es "nazigewaltverherrlichende Texte" auf den ersten Platten, noch waren die Fans überwiegend Hooligans oder Skinheads. Es war eine kleine Gruppe und nicht der Großteil der Fans, die 89 - 91 die Konzerte störte.
Montag, 15. August 2011
Die Geschichte Teil 34
Am 6. Mai war das nächste Onkelz-Konzert im Bootshaus des Offenbacher Ruderclubs "Wiking". Ein Management vor Ort, geschweige denn ein Management überhaupt, gab es nicht. Nowotny kümmerte sich weder um die Band, noch um die Konzerte, und eine professionelle Security konnte er auch nicht besorgen. Stephan wurde immer wütender auf ihn. Wenn die Band irgendwo auftreten wollte, dann musste sie alles selbst organisieren. Vom Ticketverkauf, über die Ordner bis zum Bierstand. Um die Buchungen mussten sie sich selber kümmern, was sich meistens als größte Hürde herausstellte, weil niemand die Band irgendwo auftreten lassen wollte. Eine Plakatierung oder eine Ankündigung der Konzerte gab es nur selten. Die Sicherheit während der Gigs wurde ab 89 durch Auge, Trimmi, Bomber und ein paar Rüsselsheimer gewährleistet, durch Freunde und Rocker.
In Offenbach war die Stimmung schon um 18:00, als sich die Türen öffneten, gewaltgeladen. Das Bootshaus füllte sich schnell mit großen Teilen der härteren Rocker- und Metallerfraktion, die sich an einem Binding-Stand aufhielten, während vor der Bühne bis zu 50 Glatzen auszumachen waren. Nach dem 4. Lied ertönten lautstarke "Deutschland den Deutschen - Ausländer raus" Rufe, die sich von einem kleinen Zentrum in der Mitte des Saales ausbreiteten und ca. 40-50 Leute erfassten. Diese Parolen griffen zwar nicht weiter um sich, ertönten aber nach einigen Sekunden erschreckend synchron. Ein Pfeifkonzert von einigen hundert anderen Fans, hielt augenblicklich dagegen. Nur 50 von ca. 400 Zuschauern, aber für die Onkelz waren es 50 zuviel. Überall dort, wo gebrüllt wurde, reckten sich auch die rechten Arme zum Hitlergruß. Man konnte wohl von einer kompakten, geschlossenen Minderheit sprechen, nicht aber von 100% aller Fans, die an diesem Abend kamen. Stephan unterbrach das Konzert sofort. Auge und seine Leute zogen ihre Stabtaschenlampen und bauten sich vor der Bühne auf. Ein Eingreifen war nicht nötig. Nach fünf Minuten war der Spuk zu Ende. Stephan hatte den kurzhaarigsten unter seinen Zuschauern durch das Mikro unmissverständlich klar gemacht, dass sie hier nicht erwünscht waren und sich verpissen sollten, und er hatte es so ernst und so deutlich gesagt, dass sofort Ruhe einkehrte. Nach der Ansage war Ruhe. Die Onkelz spielten ihr Set mehr oder weniger lustlos runter und verließen den Saal ohne Zugabe. Die Glatzen verzogen sich nach dem Konzert mitsamt ihren Deutschlandfahnen friedlich. Auch vor der Halle brach keine Gewalt aus.
Sonntag, 14. August 2011
Die Geschichte Teil 33
Wiesbaden, April 89.
Drei Jahre und zwei Monate lang hatten sie kein Konzert mehr gegeben. In der Presse wurden die Böhsen Onkelz und ihr Austritt aus der Glatzenszene nicht etwa nur totgeschwiegen, sondern man musste davon ausgehen, dass die Presse überhaupt nichts von den Onkelz wusste. Obwohl es interessant gewesen wäre, zu erfahren, wie es einer Skinheadband ergangen war, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolges die Szene verlassen hatte, wurde über dieses erste Konzert nach der Neuorientierung nirgendwo berichtet.
Am 3. und 4. April 89 gab die Band zwei Konzerte im "ZickZack", einer Wiesbadener Disco. Für die meisten der neueren Onkelzfans war dies ihre erste Chance, die Band live spielen zu sehen. Das ZickZack war an beiden Abenden mit gut 800 Leuten ausverkauft. Was das Publikum anging, konnte man von einer Mischung sprechen, die sich sowohl am Freitag, als auch am Samstag aus folgenden Gruppen zusammensetzte. Glatzen waren mit einem kleinen Aufgebot von 20-30 Mann erschienen, von denen die meisten älter als 20 waren und sich friedlich verhielten. Punks waren mit einer noch kleineren Delegation von etwa 10-20 Exemplaren vertreten. Den größten Anteil an Zuschauern machte ein unentwirrbarer Haufen von Langhaarigen, Fußballasis, Metal-Schüttlern und Crossover-Rockern aus. Von einem Nazi-Skin-Aufmarsch konnte keine Rede sein.
Versteckt unter einer Glocke aus Hass und Ablehnung, bewaffnet mit einer Aura höchster Explosivität und mit Augen, die beseelt waren von bedingungsloser Provokation, stellte Kevin mehr den je die große magnetische Figur des Schreckens dar. Es war deutlich spürbar an diesem Abend, dass von ihm die größte Anziehungskraft ausging und dass er derjenige war, der diese Kraft auf die Zuschauer übertrug und sie zu binden verstand. Als Gonzo die Noten von "28" anschlug, wurde diese Kraft entfesselt. Stephan hackte auf seinen Bass ein und wurde sich im selben Moment darüber klar, dass es ganz genau das war, was er schon lange wieder einmal tun wollte. Auf der Bühne stehen und Musik machen. Stephan drehte durch. Selbstgeschriebene Songs durch die Verstärker zu jagen, das war so großartig und ein so merkwürdiges Gefühl von Stolz, Bestätigung und Euphorie, dass es ihm kalt den Rücken runterlief. Hier zog der Geist der "28" deutlich sichtbar in rauchigen Schwaden über die Bühne. um Ende des Stückes betrat Kevin den Raum.. Er stellte sich vor die Fans, riss die Arme hoch und ließ sich ein paar Sekunden feiern. Seine schulterlangen Haare waren glatt nach hinten gekämmt. Er lächelte. Dass dieser freundliche Eindruck täuschte, wusste jeder Konzertbesucher spätestens in dem Moment als Kevin sich das Mikro schnappte und "Guten Abend" rief.Wer so "Guten Abend" sagen konnte, der machte sich auch nicht de Mühe, Türen mit der Hand zu öffnen. Tief, heiser und nicht den geringsten Widerspruch duldend, fing Kevin an zu singen. "Guten Tag, erkennt ihr mich, wisst ihr nicht wer ich bin ? Seht ihr den Hass in meinem Gesicht, ich nehm dem Leben jeden Sinn . . ." Kevin wuchs über sich hinaus. die Bühne war der einzige Ort, wo er mit der Außenwelt in Kontakt trat.Die Gefühle anderer Menschen waren in ihrer Vereinnahmung für Kevin eine Bedrohung, von der er sich im täglichen Leben zu isolieren versuchte. Er selbst stellte sich unter sein eigenes Leitbild, und dieses Bild verkaufte er den anderen als "Kevin Russell". Das war das Idol oder die Vorstellung des "Härtesten". Wie ein Priester im Indianerstamm missionierte er seine Fans, um sich wenigstens auf eine Quasi-Art am äußeren Leben zu beteiligen. Diese seelischen Blockaden waren tragisch und trieben ihn oft bis an den rand des Wahnsinns. Jeder seiner Freunde wusste von Kevins schlimmen Alpträumen, die ihn schon seit seiner Kindheit plagten und die sich in seinen Horrorgeschichten ausdrückten, die er permanent zum besten gab. Diese traurigen Blockaden waren aber gleichzeitig auch der Quell seiner Kreativität und seiner Begabung. Kevins Tattookunst war zweifelsfrei professionell und trug seine ganz persönliche Handschrift. Genau so waren seine Qualitäten als Sänger beim Publikum hoch geschätzt. Wer konnte besser über Hass singen, als jemand, der so zu hassen in der Lage war wie Kevin ? Russell war sicher keine Nachtigall, aber er wusste genau, was seine Fans wollten und er konnte es ihnen geben. So wie es Stephan mit seinen derben Texten darauf anlegte, die Fans mitten ins Herz zu treffen und die Öffentlichkeit bis aufs Äußerste zu reizen, so sorgte Kevin mit seiner magischen Autorität und seiner brutalen Stimme dafür, dass um die Band herum ein Auffangbecken entstand, in dem sich bald viele orientierungslose Gleichgesinnte tummelten. Meistens waren es Jugendliche, die vom Leben nicht mehr viel zu erwarten hatten. Jungs mit schlecht bezahlten Jobs oder abgebrochener Lehre. Hauptschüler, Sonderschüler und Freaks, denen ihre Erfahrungen des Scheiterns und der Resignation auf der Stirn geschrieben standen. Dass rechte Parteien unter diesen Leuten gerne den Hass schürten und mitunter erfolgreich neuen Nachwuchs rekrutierten, traf zu. Es traf aber auch zu, dass diese Jugendlichen nicht den geringsten Plan von irgendetwas hatten und gerne nach jedem Strohhalm griffen, den man ihnen hinhielt. So wie die betrogenen Jugendlichen nach dem Strohhalm griffen, genauso griffen die Fans nach den Liedern der Onkelz.Die Identifikation mit der Band spielte bei ihren Anhängern von Anfang an eine große Rolle. Dass es hier und dort Schnittmengen gab, war nur logisch. Bereits in Wiesbaden im Frühjahr 89 wurden alle Lieder mitgesungenund somit ein Zusammenhalt zementiert, der weit bis in die 90er Jahre hineinreichen sollte. Das hatte viel mit Widerstand und Auflehnung zu tun, mit Provokation und auch mit Trotz, nicht aber mit Politik. Onkelzkonzerte, dass wurde jetzt immer deutlicher, waren eher so etwas wie eine gemeinsame, interne Verarbeitung von Aggressionen. Unzugänglich und undurchsichtig für Beobachter aus einem anderen Milieu.
In Wiesbaden hielten sich die Onkelz nicht zurück, und Kevin, wenn er einmal dort oben stand, drehte am Rad, bis seine Tattoos glühten. Am Ende konnte er nur noch röcheln. Seinen ganzen Hass und sein ganzes Chaos spuckte er ihnen vor die Füße. De Fans schluckten diesen Schmodder begierig und brüllten ihn aus 800 Kehlen synchron zurück, so dass sich alle Aggros gemeinsam entluden. Das Singen und die erleichterte Stimmung, die dabei aufkam, war das, was ein Onkelzkonzert ausmachte.
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