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Mittwoch, 2. Mai 2012

Die Geschichte - Teil 65

Ende der 90er nahmen Media Markt und WOM die Platten wieder in den Verkauf. In den folgenden Jahren brachten die Onkelz mehrfach ihre Ablehnung gegenüber "Extremismus jeglicher Art" zum Ausdruck, nahmen an mehreren Rock-gegen-Rechts-, sowie Rock-gegen-Gewalt-Konzerten teil und engagierten sich in sozialen Projekten. Die Band bezog Position als Außenseiter die jede Art von Politik vehement ablehnt.



Die Band erwarb sich mit der Zeit eine große Fangemeinde. 1998 verkaufte sie von ihrem Album "Viva los Tioz" innerhalb der ersten 48 Stunden nach Verkaufsstart über 300 000 Exemplare, womit sie zum ersten Mal Platz 1 der deutschen Charts erreichte. Nach dem Vertrag mit dem Plattenlabel Virgin, der nach 3 Studioalben 1998 auslief, gründete die Band ihr eigenes Label "Rule 23", Virgin übernahm weiterhin den Vertrieb. Rule 23 wurde später in "Regel 23" umbenannt.

Ein Höhepunkt der Kontroverse um ihre Vergangenheit war der 8. August 2003, als die Onkelz beim Konzert auf dem EXPO-Gelände in Hannover als Vorgruppe der Rolling Stones auftraten. Ein auflagenstarkes amerikanisches Blatt schrieb : "Nazi-Punk-Band opens the Stones".



Die offizielle Bandbiographie "Danke für Nichts" wurde veröffentlicht. 1998 folgte die Single "Terpentin" und das dazugehörige Album "Viva los Tioz". Beide waren wieder mal Gassenhauer erster Klasse. Die CDs verkauften sich immer besser und die Konzerthallen wurden seit langem immer größer. Das Album konnte man getrost als durchweg positiv bezeichnen. Die Stimmung auf dem Album war ausgelassen und man hörte, dass es den Jungs tierischen spaß gemacht hatte, das Ding einzuspielen.

2000 folgte der krasse Gegensatz zu dem positiven "Viva los Tioz" - Album. "Ein Böses Märchen aus tausend finsteren Nächten", war dunkel, depressiv und melancholisch. Dies drückte sich unter anderem schon im Titel der passenden Single-Auskopplung "Dunkler Ort" aus. In eine ähnliche Kerbe schlagend wie damals ("Es ist soweit"), aber wesentlich reifer und sozial kritischer. Die Themen globaler und weitreichender. Man machte wieder mal auf Misstände aufmerksam, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

2001 gab es wieder ein Best-of-Album der Band. "Gestern war heute noch Morgen" umfasste 3 CDs. Die Onkelz wollten den Fans die Möglichkeit geben, dich ein möglichst umfangreiches Bild ihres bisherigen Schaffens machen zu können.
2002 wurde "Dopamin" veröffentlicht. Zum ersten Mal mit eigenem Plattenlabel "Rule 23" Records. "Dopamin" war wieder etwas ganz anderes. Stilistisch mehr mit Synthesizer und Keyboards und durchweg gute Laune Mukke. Bei diesem Album warf man den Onkelz vor, weicher und umgänglicher geworden zu sein, weil es doch deutlich weniger hart und rebellisch als die vielen Vorgänger-Alben war. Die Onkelz reagierten sehr ungehalten über diese Vorwürfe. Die Onkelz sagten, sie haben noch nie in erster Linie Musik für ihre Fans gemacht, sondern zu allererst mal für sich selbst. Die Stilveränderungen hielten sie für richtig und man berief sich auf die persönliche Weiterentwicklung der Musiker. Damit hatten sie ihren konsequenten Weg fortgesetzt, sich niemandem zu beugen oder zu rechtfertigen. Nicht einmal ihren eigenen Fans. Und für diese ehrliche Entschlossenheit und Konsequentheit liebten sie die Fans nochmal ein Stück mehr.

Zur gleichen Zeit, und zur Single-Auskopplung "Keine Amnestie für MTV" gab es eine Aktion der Onkelz in München, bei der demonstrativ auf einem großen Platz hunderte von Fernsehern verschrottet wurden. Es waren viele Onkelz-Fans anwesend, es war Polizei anwesend aber es war doch friedlich. Stephan wollte damit seiner Wut über den Fernsehsender Ausdruck verleihen, die in jüngster Vergangenheit erst vorgetäuscht hatten, sich objektiv mit den Onkelz auseinander zu setzen. Es wurden sogar Interviews geführt. Doch der darauf folgende Bericht bei MTV spottete jeder Beschreibung.

Dienstag, 17. April 2012

Die Geschichte - Teil 63

Wenn es der Hass gewesen war, der die Onkelz antrieb, gegen wen richtete sich dieser Hass ?
Vielleicht war es inzwischen gar nicht mehr ihr eigener Hass, vielleicht war es auch der Hass der anderen, der sie antrieb und das Gefühl, etwas Richtiges zu tun. Es sah oft so aus, als dass sie, seit sie sich zu ihrer Geschichte bekannten, den Hass erst richtig auf sich zögen.
Und wenn es Einsicht oder ein Erlösungswunsch war, der sie weitermachen ließ, Einsicht von was ? Erlösung wovon ?

An welcher Wahrheit waren sie nah dran ?

Wer belog sich selbst ?

Wieso brachten sie die Dinge auf den Punkt und sagten, was sich keiner traute ?
Was traute sich denn keiner zu sagen ?

Ich bin der nette Mann von nebenan
und jeder könnt es sein
schaut mich an, schaut mich an
ich bin das perverse Schwein . . .

Warum hatte man Angst davor, dass die Band dieses Lied vortrug ? Onkelzfans waren gewiss keine Kindermörder, die meisten waren selbst erst zwischen 15 und 25. Gingen die Anschuldigungen im Belgischen Kinderschänderskandal etwa nicht bis in die höchsten Ebenen von Politik, Polizei und Gesellschaft ? Wurde in Deutschland etwa nicht alle drei Minuten ein Kind misshandelt ? In Hannover 1996 spielten sie es trotzdem, mit folgender Ansage :
Stephan :
"Wir spielen das folgende Lied nicht, um eine scheiß Plattenfirma wie Rock´O´Rama zu unterstützen, sondern nur, weil wir glauben, dass es in einer Zeit, wo es von Päderasten und Kindermördern nur so wimmelt, aktueller ist denn je und um Euch zu zeigen, dass wir uns von niemandem etwas verbieten lassen. Der fucking nette Mann, für die Bullen !!"

Dann legten sie los, und die beiden Polizisten, die hinter der Bühne standen und als Zeugen geladen waren, für den Fall, dass die Band tatsächlich dieses Lied spielen würde, waren zufrieden. Schmunzelnd zogen sie ab, machten ihre Meldung und sorgten dafür, dass die Onkelzkasse um 40 000,- DM leichter wurde.
40 000 Eier für ein brutales Lied gegen noch brutalere Kindermörder !

Konnte es sein, dass man die Jugend nur deshalb in zwei Lager aufteilte, in links und rechts, gerade damit sie sich bekämpfte und ein unsichtbarer Dritter darüber lachte oder sich das Geld einsteckte, das dabei raussprang ? Konnte es sein, dass irgendjemand dafür sorgte, dass es immer so blieb ? Es gab eine Menge Fragen, die im Fernsehen diskutiert wurden, aber niemand stellte die richtigen. Und wenn, dann wurde er abgeblockt. Krampfhaft versuchte uns jemand zu erzählen, alles sei in Ordnung. Die Wahrheit, und das war auch die Wahrheit der Onkelz, ihrer Fans, und all derer, die wirklich nachdachten, hieß aber : Gar nichts war in Ordnung. Und das, was uns als Lösung angeboten wurde, war in Wirklichkeit nichts anderes als eine halbherzige Schadensbegrenzung. Wir waren Gefangene in unserem eigenen Fernsehknast. Die richtigen Fragen, die es zu stellen galt, waren in der Tat politischer Natur und würden darum in einer Biographie über die Onkelz keine Erwähnung finden. Nur soviel : Die Frankfurter Band versuchte, ihre Gewalt zu verarbeiten, aber die Medien brachten sie mit ihren dummen Geschichten immer wieder zurück. Nur weil die Fans angeblich den Eindruck machten, dass sie keine Interessen hatten außer Saufen, Prügeln und Onkelzmusik, hieß das nicht, das es in Wirklichkeit auch so war, hieß nicht, dass sie nicht auch Antworten haben wollten oder dass sie mit ihrer Situation zufrieden waren. Und vielleicht hatten viele der Fans dieselben Fragen. Was ging eigentlich ab ? Was wurde hier eigentlich gespielt ? Wer schürte wirklich die Gewalt und den Hass ? Hatte der Frankfurter Philosoph Adorno nicht nachgewiesen, dass das Fernsehen und die Massenmedien alle Eigenschaften einer Droge aufwiesen und die niedersten Instinkte stimulierten ? Hatte er nicht auch davor gewarnt, dass das Fernsehen ursprünglich die Realität imitiert hatte und sich dieser Vorgang irgendwann umkehren würde, so dass die Realität das Fernsehen imitierte ? Wo kam die Beeinflussung zur Gewalt wirklich her ? Jeder einzelne Onkelzfan machte eine Entwicklung mit und nur die Wahrheit konnte allen helfen. Jeder Einzelne musste getrennt beurteilt werden, und nur das "Bewusstmachen" brachte die "Erkenntnis" der Zustände mit sich. Die Wahrheit zu sagen, war ein schmutziges Geschäft. Erst ignorierte man die Band und belegte sie mit Verboten, dann diffamierte und denunzierte man sie, manipulierte die öffentliche Meinung und säte Hass. Man bekämpfte und boykottierte, und als alles nichts half, überschüttete man sie mit Geld. Wer war eigentlich "man" ?

Donnerstag, 12. April 2012

Die Geschichte - Teil 62


". . . Für mich repräsentiert die Kirche eher Machtgier, geheucheltes Machtgefühl und Geldgeilheit als Gott und Nächstenliebe. Ich rede hier nicht von Christen, die ihren Glauben wirklich leben, sondern von einem Unternehmen mit eigenem Staat. Der Papst ist der Verwalter dieser Firma, die ideologisch längst bankrott ist. Die Kirche ist womöglich die reichste und mächtigste Organisation unter unserem Himmel, doch leider sehen Bedürftige nur einen verschwindend geringen Bruchteil davon. Nur Moslems und Christen führten Glaubenskriege. Dabei ging es nicht nur darum, andere zu missionieren, sondern um Territorien und Bodenschätze, kurz um Macht. Religion ist für mich nichts anderes als eine psychologische Heilkur. Sie antwortet auf die Urängste der Menschheit. Gerade in ländlichen Gebieten wird die Einfältigkeit, der Aberglaube, die Schwäche der Menschen und ihre Angst vor dem Tod auf das Übelste ausgenutzt. Wer glaubt, dass die Kirche nur Gutes tut, hat sie nicht mehr alle. Es liegt mir fern, Gläubige mit diesen Zeilen oder meinem Text beleidigen zu wollen, aber ich wähle in den meisten Fällen solche krassen Worte, um auch deren Gehör zu erlangen, die auf einem Ohr taub bzw. auf einem Auge blind sind. Wenn alle Kirchengläubigen beginnen, vor ihrer eigenen Haustür zu kehren, ihren Glauben zu hinterfragen, anstatt blind Götzen anzubeten, fange ich an, meine Meinung zu ändern."
(Stephan Weidner über den Song "Kirche")

Die Böhse Onkelz Deutschland-Tour, im Herbst 1995, verlief sehr erfolgreich. Ausverkaufte Häuser von Kiel bis Wien. Über 100 000 Fans sahen die Band in mehr als 20 deutschen Städten. Die Polizei hielt sich im Hintergrund, und nach den Konzerten blieb den Hauptkommisaren meistens nichts anderes übrig, als Thomas Hess für die hervorragende Zusammenarbeit zu danken.
Die Rock Hard Leser wählten die Böhsen Onkelz im Frühjahr 96 mit Abstand zur "beliebtesten Band 1995" und Stephan Weidner zur "Persönlichkeit des Jahres". Der Onkelzkult war angesagter denn je. Was andere Bands an Glaubwürdigkeit vermissen ließen, die beste Stimmung, die größte Party, war nur bei den Onkelz zu finden. Es war zwar schon die ganze Zeit so gewesen, aber 1995 war das Jahr, in dem es sich überall herumsprach. "Hier sind die Onkelz" stand im Sommer 96 kurz vor der Vergoldung.

"Opium für´s Volk", die 96er Veröffentlichung der Toten Hosen, stand wochenlang auf Platz 1 der deutschen Charts. ". . . ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dorthin so schwierig ist . . ." das war genau das, was sie den Hosen übelnahmen. Diese lappenhafte Einstellung. Der Weg war schwierig und deshalb wollten sie ihn nicht gehen. Das sagte eigentlich alles über die innere Einstellung der Toten Hosen aus. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Onkelz niemals über die Toten Hosen oder andere Musiker, die ihnen feindlich entgegen kamen, gesprochen oder sich zu irgendeinem Kommentar hinreißen lassen. Weder in Interviews, noch auf der Bühne, obwohl es genug Gelegenheit und Gründe dafür gegeben hatte.

"Die Band Böhse Onkelz erregte durch ihre ausländerfeindlichen Texte Aufsehen."
(Herbert Gröhnemeyer)

"Entscheidend ist doch, dass sich diese Band in einem Bestimmten Umfeld bewegt, da ist mir auch egal wie sie selber über diese Sachen denken oder reden. Und auf einmal verkaufen sie wahnsinnig viele Platten, und da frage ich mich, ob das vielleicht alles Leute sind, die morgen die nächsten Brandbomben schmeißen. Ich habe in ein paar Stücke reingehört und finde die Musik absolut grauenhaft."
(Wolf Maahn)

"Gerade mit den Onkelz ist das so eine Sache. Ich will von denen ganz offensiv hören : Alle Rechten sind Scheiße. Und das habe ich von denen noch nicht gehört . . ."
(Die Toten Hosen)

". . . zwischen Störrkraft und den Onkelz steht  ´ne Kuschelrock LP . . ."
(Aus dem Song "Schrei nach Liebe" von den Ärzten)

Dazu kam noch eine Reihe von Hasslieder gegen die Onkelz aus der rechten Szene. Dennoch hatten sie eine Konfrontation vermeiden wollen. Die meisten Aussagen waren so dumm, dass man bei den Onkelz nur darüber lachte. Jedenfalls eine Zeitlang. 1996 aber war das Maß voll. Campinos unüberlegte Aussage im Playboy und an anderer Stelle brachte das Faß zum überlaufen. In gewohnter Weise bekamen die Toten Hosen genau das, was jeder in so einem Falle bekam. Einen Onkelzsong, einen musikalischen Gruß, eine Weidneransage.


Die Presse bauschte diese kleine Meinungsverschiedenheit gewaltig auf und sprach vom "Onkelz-Hosen-Krieg". Stephan wollte mit diesem Lied einfach nur einen Schlußstrich ziehen. Immerhin gab es bereits Anfang 93 eine Anfrage der Onkelz an das Hosenmanagement, ob man sch nicht mal zusammensetzen sollte, um über die "Dinge" zu reden. Erst als dieser Versuch einer Annäherung von Campino zurückgewiesen worden war und die Angriffe der Hosen in der Presse nicht aufhörten, entschieden sich die Onkelz zu diesem Schritt.

Montag, 2. April 2012

Die Geschichte - Teil 61

Seit März 95 waren die Onkelz bei Virgin unter Vertrag. Drei Studioalben plus eine Live-Option, bei vier Jahren Laufzeit. Udo Lange sorgte für Aufregung auf dem Markt. Im Wochenrhythmus musste der Virgin Chef Stellung beziehen, gegenüber der Presse oder im Radio, oft auch im Streitgespräch mit Onkelzgegnern aus den Reihen des Handels. Die 95er Veröffentlichung "Hier sind die Onkelz" war nach nur acht Tagen auf Platz 6 der deutschen Top Ten geklettert.

Die Fachpresse war auf Onkelzkurs. Der deutsche Musikhandel war zunehmend verwirrt.
"Die Böhsen Onkelz spalten den Handel !" schrieb der Musikmarkt im Oktober. Als die großen Ketten von WOM und Karstadt eine Umfrage in ihren Filialen durchführten, demnach sich die große Mehrheit angeblich gegen die Band aussprach, war der Kleinhandel unschlüssig. Sie hatten die Chance, sich eine Band zu schnappen, die von den großen Läden nicht geführt wurde und konnten somit Kunden in ihren Laden ziehen, setzten sich allerdings der Gefahr der Rufschädigung und der Repression durch Autonome aus. Die, die gegen die Onkelz waren, stellten sich meistens als schlecht informiert heraus. Diese Händler, die oft zu Wort kamen, im Radio oder im Fernsehen, brachten die Dinge schwer durcheinander. Jahreszahlen, Lieder, Texte und Hintergründe, alles war verschwommen, wurde mal so und mal so dargestellt. Von Fakten keine Spur.
"Die Böhsen Onkelz spalten den Handel" und da gab es Leute, die behaupteten, dass die neue Alben der Onkelz zu angepasst wären. Wenn eine Band den Handel spaltete, dann bedeutete das nichts anderes, als das sich tatsächlich etwas bewegte. Weidner, Gonzo und Udo Lange hatten die Händler zu einem Pressetermin eingeladen, wo sie auf jede Frage bereitwillig antworteten. Wie die Kamele mussten Gonzo und Stephan ihre Skinheadzeit, 3 Jahre von 15 Jahren Bandgeschichte, immer wieder durchkauen. Am Ende waren alle verwirrter als zuvor. Was die beiden sagten, stand in krassem Gegensatz zu dem, was die Händler aus der Zeitung wussten. Zudem nahmen sie kein Blatt vor den Mund und sagten ihre Meinung, gegen Politik von rechts und links, klar, laut und deutlich.

Mit der neuen LP war die Band hart an der Grenze zur breiten Akzeptanz.  "Hier sind die Onkelz" war nur sauberer, nicht weicher. "Danke für Nichts" war kein weiches Lied und "H" war das Stück, das Kevin beim Verarbeiten helfen sollte.

Kevin lebte und freute sich, wenn die Sonne schien. Mit dem Lied "H" sollte er sich verzeihen und sich selber alles Gute für die Zukunft wünschen. Was sollte daran weich oder angepasst sein ? Kevin hatte sein Leben im Griff und sah von Tag zu Tag besser aus.

Sonntag, 25. März 2012

Die Geschichte - Teil 60


1994 waren die Onkelz erneut ohne Geschäftspartner. Nach dem unerwarteten Chart-Entry 1992 und 1993 war es klar, dass das nicht lange so bleiben würde. Im Spätherbst 94 kam es zur Annäherung zwischen den Böhsen Onkelz und Virgin Records.Die Münchener Plattenfirma Virgin, seit 91 Tochter der EMI, unter der Leitung von Udo Lange, besaß so etwas wie einen Kultstatus unter den großen Labels.
Zunächst stellte man im B.O. Managementbüro eine große Kiste zusammen. Darin waren alle Tonträgerveröffentlichungen der Onkelz enthalten, Videos vom Glatzengig im Berliner Bunker, Live aus dem Alabama, Onkelz wie wir usw. Dazu gab es umfangreiches Pressematerial, von "gelogen" über "grotesk" bis hin zu "korrekt" und "gut recherchiert", Fotos, Bandbiographien, Demotapes, Fanzines . . .. Eine Kiste, deren Inhalt die komplette Bandhistorie aufzeigte. Im Hause Virgin war man vorsichtig. Die ganze Aktion sollte nicht nach außen dringen, bevor man sich nicht 100% sicher war. Nur die engsten Mitarbeiter um Udo Lange waren in dieses Unternehmen, das im Herbst 94 den Decknamen "Rainbow Projekt" trug, eingeweiht. Stephan und Gonzo fuhren mehrere Male nach München, um dem Virginvorstand immer wieder Rede und Antwort zu stehen. Anhand von Interviews aus Fanzines konnten sie hier lückenlos nachweisen, dass ihre ersten öffentlichen Distanzierungen auf Frühjahr 86 datieren, und dass "Türken Raus" tatsächlich ein Lied aus der Punkzeit war. Weiterhin war es anhand des vorliegenden Indizierungsschreibens auch leicht nachzuweisen, dass die Zensoren von der Bundesprüfstelle etliche Passagen in den Texten falsch oder gar nicht verstanden hatten. Udo Lange hatte schnell durchschaut, was hier vorlag. "Schockierende Uninformiertheit!", war die Bezeichnung, die er später oft benutzte, wenn er sich für seine Entscheidung rechtfertigen musste. Die Onkelz unterschrieben im März 95 einen Vierjahresvertrag bei Virgin.


 
Glaubte man den Onkelz, dann würden sie ihren Weg an die Spitze der deutschen Hardrockszene gehen, und würden dann, wenn sie ganz oben ständen, den Laden dicht machen. Das war die Mission von Anfang an. Dagegen sein und den Weg zu Ende gehen, als Beispiel und Vorbild der Ablehnung, ohne sich parteipolitisch missbrauchen zu lassen. Dass dieser Weg eine Strategie war, wäre gelogen gewesen. Er ergab sich mit jedem Schritt, den sie taten, er kam aus ihnen heraus, aus dem Bauch. Auf dem Höhepunkt des Erfolges, auf der Spitze des Berges anzugelangen und dann zufrieden die Koffer zu packen, war ein Versprechen, das 1995 noch nicht eingelöst war. Würden die Böhsen Onkelz eine Geschichte werden, mit Anfang, Mittelteil und Ende ?
Als die Onkelz in die Top Ten vorrückten, ließ man bei WOM zunächst das entsprechende Feld im Regal frei. Stattdessen war dort ein Schild angebracht : "Dieses Produkt wird von uns nicht geführt !" Das hatte aber den nachteiligen Effekt, dass die Kunden neugierig wurden und genau nach diesem Produkt fragten. Daraufhin entschloss sich WOM, während dieser Wochen die nachfolgenden Bands alle eine Position aufrutschen zu lassen. Die Onkelz standen, obwohl auf Platz 5 in den Top Ten, bei WOM niemals in den Longplay-Charts. Es gab auch Radiosender, die über deutsche Bands und Musiker berichteten, die den Sprung in die Top Ten geschafft hatten, ohne die Onkelz mit einem Wort zu erwähnen.


 
Die Jüngsten Onkelzalben 95/96 waren verständnisvoller, aber nicht versöhnlich, gaben Hoffnung und klagten an. Einmal mehr setzten sie sich auf ihre ureigentümlichste Weise mit ihrer Vergangenheit und mit ihrem Leben auseinander. Keine andere Band vor ihr hatte das eigene Schicksal so massiv besungen, "herbeigelabbert" und zum Schicksal aller Beteiligten gemacht. Jeder kriegte das, woran er glaubte, was immer das war.
Die Böhsen Onkelz bemühten sich, ihren Fans etwas mit auf den Weg zu geben. Um die Lieder zu verstehen, musste man sie unpolitisch, widerstandsorientiert und onkelzphilosophisch betrachten. "Lieber stehend sterben" war ein Lied über Widerstand. Und "Wir schreiben Geschichte mit unserem Blut" war wörtlich zu verstehen. Die Onkelz nahmen Schuld auf sich und bluteten stellvertretend für das Land. Die Böhsen Onkelz waren die wichtigste deutsche Band der 90er Jahre.Nicht als Exportschlager, sondern als Gegengewicht, als Auffanglager für die, die sich nicht ergeben wollten. Der letzte Ort der Ausgrenzung war eben nicht links oder rechts, sondern in der Mitte, zwischen den Fronten, außerhalb des Parteiengefüges. Dort lag die Kraft, und die Medien wussten das, besser noch, sie wussten, wo es war, aber nicht was es war. Eine interne Auseinandersetzung, die das unbewusste Ziel einer Gewaltverarbeitung verfolgte. Was die Medien eigentlich kritisierten, war die Tatsache, dass es keine bürgerliche Form der Problembewältigung war. Kein Teetrinken, kein Diskutieren, sondern augenscheinlich ein trunkenes Gegröle. Es waren Rockkonzerte, verdammt. Eine Heilung, kein Aufhetzen. Ein Austreiben des Teufels, mit allem was dazu gehörte. Man musste es nur zu deuten wissen. Über einen Zeitraum von mittlerweile 15 Jahren, hatten die Böhsen Onkelz fest an sich geglaubt. Ihre Kraft entstand durch nichts anderes, als durch ihren Glauben an sich selbst.



 Immer wieder tauchten "heilende" Metaphern und Allegorien in den Songs auf. Die Texte wimmelten nur so von Sprüchwörtern und Gleichnissen, von eigenem Antrieb und eigener Kraft, und von Trotz gegenüber jeglicher Autorität. Selbstvertrauen war das zentrale Motiv. Kein Glaube an eine Konfession, an eine Regierung oder an das Fernsehen, sondern echte Unbeirrbarkeit, Starrsinn wenn nötig.
". . . spürt die Kraft, die euch umringt . . .", seit 15 Jahren brannten sie lichterloh, und genau deshalb zog es Jugendliche aus allen Ländern zu ihren Konzerten. Punks, Skins, Hools, Rocker und Teenies, Gymnasiasten und Sonderschüler, Azubis und Studenten. Weder das Klischee der "Anarcho-Punkband", noch das der "Nazi-Skinband", noch das der "satanischen Hard Rockband" traf den Kern der Sache.
Die Onkelz waren keine Band, die ihre Fans im Stich ließ und ohne sie in den Rockhimmel abhob. Die Onkelz nahmen ihre Fans mit, wie rüpelhaft die auch sein mochten. Solange diese Leute die Entwicklung nachvollziehen konnten und auf die Musik abfuhren, solange sie keine politischen Parolen grölten, sondern zuhörten und sangen, solange zogen die Onkelz diese Gruppe von Leuten hinaus ins Licht der großen Konzerthallen.

Dienstag, 20. März 2012

Die Geschichte - Teil 59

Moses Pelham, schwarzer Rapper aus Frankfurt, wollte mit dem Rödelheim-Hartheim Projekt seine bittere Vergangenheit aufarbeiten. Den Frust und den Hass über die Musikindustrie brachte er in seiner ersten eigenen Produktion "Direkt aus Rödelheim" zum Ausdruck. Moses war schwarz, auf seinem CD-Cover klebte ein Sticker mit seinem RHP-Logo, das ein Hakenkreuz zerschmetterte und darüber das Böhse Onkelz - Zitat : "Für die Blinden und die Tauben." Um seine Loyalität zu Frankfurt und zu den Onkelz zu demonstrieren, trug er bei allen denkbaren Anlässen, sogar bei der Vorstellung seiner eigenen LP, ein Böhse Onkelz-Shirt. Heinz Cannibol von MCA, Pelhams Plattenfirma, war entsetzt. Nicht nur lief er als Farbiger  mit Glatze und Onkelz-Shirt rum, er machte auch klare Aussagen gegen Rassismus, und er sprach für die Böhsen Onkelz. Die Presse war so verwirrt, dass man überall über ihn sprach, ihn diffamierte, beschuldigte, beschimpfte und verehrte. Das RHP wuchs zu einer Formation heran, die sogar den Respekt der Onkelz genoss.

Das Konzert in München am 24.11.94 fand nicht ohne größere Probleme statt. Niemand unter 18 durfte in die Halle. Das hieß, dass bei einer ausverkauften 4000er Halle, plötzlich nur 1500 Fans eingelassen wurden. Ein strenges Alkoholverbot wurde von 500 Polizisten in Demo-Ausrüstung kontrolliert.
Die Konzerte der 94er Herbsttour verliefen fast störungsfrei, dennoch endete sie am 10.12.94 in Vilsbiburg mit einem Eklat. Thomas Hess, Chef der IH-Security, war mit seiner Böhse Onkelz Tour fast am Ende. Die Stadt Vilsbiburg machte ihm einen Auflagenkatalog, der noch vor dem Konzert zu erfüllen war. Unter anderem forderte die Stadt 40 zusätzliche Ordner an Eingang und Bühne, die sie zwar selber stellte, die aber von Thomas bezahlt werden sollten. Am Abend weigerten sich die zusätzlichen Ordner, bei der Personenkontrolle am Eingang mitzuhelfen und standen nur im Weg herum. Als der Veranstalter nach einem guten Konzert im Produktionsbüro auftauchte und die "Restgage" auszahlen wollte, die um 50 000.- DM geringer ausfiel, als vertraglich zugesichert, da flippte Thomas völlig aus. Innerhalb von Sekunden legte er dem Mann Handschellen an, kettete ihn an das Waschbecken und stellte zwei seiner breitesten Jungs als Wachen vor die Tür. Danach kassierte er die Bierstände ab und verteilte Quittungen an die aufgeregten Bierausschenker, solange bis er seine 50 000,- DM zusammen hatte. Nachdem er den Veranstalter laufen gelassen hatte, wurde er in einer filmreifen Szene vom "Riot Squad" des Vilsbiburger Police-Departments festgenommen. Es hätte nur noch gefehlt, dass sich die Bullen beim Stürmen des Büros auf dem Boden abgerollt hätten. Die Presse stand am folgenden Tag ganz im Zeichen des großen Böhse Onkelz Skandals : "Veranstalter ans Waschbecken gekettet !" Der Fall wurde aufgeklärt, der Mann musste zahlen und Thomas wurde freigesprochen.

Kevin war auf dem Weg der Besserung. Seit dem Sommer hatte er eine Wohnung im Osten der Stadt. Er stellte seine Gewohnheiten von Grund auf um. Er lebte zurückgezogen und bescheiden. Zwar war die Zeit der harten Drogen jetzt vorbei, aber an eine Integration in das normale Leben war noch lange nicht zu denken. Kevin hielt sich immer noch fern von allem und jedem. Seine Isolation war etwas, was man nicht so leicht zerschlagen konnte.

Donnerstag, 8. März 2012

Die Geschichte - Teil 58 - Kevin wird endlich clean

Die Situation um Kevin war 94 unerträglich geworden. Dänemark war schön gewesen, geholfen hatte es nicht. Sobald Kevin wieder zu Hause war, wurde er rückfällig. Moni versuchte vergeblich Kevin`s Vater einzuschalten. Wenigstens vorbeikommen sollte er und sich seinen Sohn anschauen, und ein paar Unterschriften leisten, damit sie ihn in ein Krankenhaus bringen konnten. Mitte 94 hatte sie Herrn Russell endlich soweit, dass er nach Frankfurt kam. "Der stirbt mir hier . . ." hatte sie ihm ins Ohr gebrüllt, und ". . . es geht um ihren Sohn, sie werden jetzt vorbeikommen und diese Unterschriften leisten, damit wir ihn einweisen können." Sie einigten sich auf eine Einweisung ins Elisabethenkrankenhaus, und Herr Russell leistete den Beistand, den ein Angehöriger juristisch zu leisten hatte. Die 3000,- DM, die als Kaution hinterlegt werden mussten, hatte er nicht. Von Geld war ja auch nie die Rede gewesen. Her Russell lies sich nach diesem Besuch nie wieder bei seinem Sohn blicken. Moni lieh sich das Geld schließlich von Thomas Hess aus der B.O. Management-Kasse und unternahm die Einweisung im Alleingang. Der Aufenthalt im Krankenhaus zeigte Wirkung. Frisch gebadet, rasiert und auf Methadon machte Kevin fast einen "cleanen" Eindruck. Eine Ersatzdroge war vielleicht nicht die intelligenteste aller Lösungen, aber dennoch half sie, Kevin aus dem asozialen Teufelskreis herauszuholen.

Am 21.06.1994 fanden in der Music Hall in Frankfurt drei Onkelz-Konzerte statt. Es war das erste Mal nach 14 Jahren, dass die Band in ihrer Heimatstadt auftrat. Kevin war clean und gab alles was er hatte. Er hatte seine Texte fehlerfrei drauf und sang sie wie zu den besten Zeiten. Man konnte ihm ansehen, dass er etwas gutmachen wollte. Die Fans dankten es ihm mit ausgelassener Partystimmung.

Neben all der regulären Managementarbeit hatten die Böhsen Onkelz einen eigenen Fanclub gegründet. Der "B.O.S.C.", der "Böhse Onkelz Supporters Club" war der offizielle Fanclub, der den Jugendlichen, die sich für die Band interessierten, die Infos aus erster Hand geben sollte. Ein nicht-profitorientierter Verein, der sich durch die Beiträge der Fans selber tragen sollte. Mit eigenem Fanzine, Videomaterial, T-Shirts und einer Hotline. Dani, Onkelzfreundin aus den ersten Punktagen, übernahm alle Arbeiten, die in Verbindung mit diesem Fanclub anfielen. Das hieß, dass sie in erster Linie hunderte von Briefen und tausende von Fragen zu beantworten hatte. Da schrieben hartgesottene Fans, verwirrte Eltern, begeisterte Lehrer, suizidgefährdete Teenies und auch Zwölfjährige, die gehört hatten, dass die Onkelz eine Naziband seien, und die wissen wollten, was das bedeutete. Dani leistete viel Aufklärungsarbeit, ohne dass sie den Status einer Jugend- oder Sozialarbeiterin gehabt hätte.
Die Music-Hall-Gigs, zwei Auftritte in Augsburg und Bremen verliefen friedlich. Fünf weitere Konzerte in Österreich festigten das Bild der Onkelz als Rock`n`Rollband erster Güteklasse. Größtenteils positive Resonanz aller Tageszeitungen war die Belohnung.
1994 war die Presse schon klar in zwei Lager gespalten. Alle, die tiefergehend recherchierten, kamen früher oder später zu dem Schluß, dass die Vorwürfe gegen die Band unbegründet waren.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Die Geschichte - Teil 55

Aus Stephan und Gonzo quollen die Lieder nur so hervor. Mitte 93 hatten sie so viele Ideen und Texte, dass sie genug Lieder für drei Alben gehabt hätten. Zusammen sperrten sie sich ein und brüteten über den Melodien der nächsten Veröffentlichung. Wenn es möglich sein sollte, dann würden sie sogar zwei Scheiben herausbringen. Diese Idee setzte sich bei Stephan fest. Anstatt nur einer Antwort auf den Pressezirkus und den Medienterror würden sie zu einem Doppelschlag ausholen. Alle in der Band fuhren mächtig auf die Vorstellung ab, wie dumm der Handel gucken würde, wenn er erkannte, dass die Onkelz damit durchkämen. Stephan war sich seiner Sache sicher. Er fühlte, dass diese doppelte Veröffentlichung für die Industrie wie ein erneuter Schlag ins Gesicht wirken würde.
"Schwarz/Weiß" war das Konzept. Weidners Dualität, der Zwilling, "Licht und Schatten steh´n gemeinsam vor der Tür . . ." , kam hier ein weiteres Mal zum Ausdruck. Sonne und Mond waren auf den Innenseiten zu sehen und in Blindenschrift und Zeichensprache, war der Name Böhse Onkelz zu fühlen bzw. zu lesen. ". . . für die blinden und die tauben noch ein allerletztes Mal . . ."



1993, noch lange vor der Veröffentlichung der beiden Alben, gab es zahlreiche Journalisten, die sich um eine objektiveAnnäherung bemühten. Gut 500 000 Einheiten waren von "W.h.n.l.n.g.", "Live in Vienna" und der "Heiligen Lieder" verkauft worden. Dass bei solchen Verkaufszahlen und bei Zuschauermengen, die pro Konzert mittlerweile die 4000er Grenze überschritten, nicht nur Rechtsradikale die Platte kauften oder die Konzerte besuchten, fiel jetzt auch der Presse auf. Bis zum Sommer 93 gab es viele Artikel, von Redaktionen, die sich aktiv mit der Wandlung der Böhsen Onkelz beschäftigt hatten.


Am 17. 10. gaben die Onkelz ein großes Konzert in der Bremer Stadthalle. Eine "gegen Rechts" - Veranstaltung, die den Titel "Mensch" trug. Neben einer Vielzahl von Acts gegen rechts, gab es eine Ausstellung junger internationaler Künstler, die von den Onkelz finanziell unterstützt wurde. Die Onkelz selbst waren als Headliner angekündigt, um möglichst viele Jugendliche aus allen Schichten anzusprechen. Es kam zu einem bemerkenswerten Zwischenfall : Als ein Skin vor der Bühne die Hand zum Hitlergruß hob, unterbrach Gonzo das Konzert. Das Hallenlicht wurde angeknipst, und auf der Bühne versammelte sich eine Traube von Security-Leuten, die konzentriert in die Richtung blickte, in die Gonzo zeigte. Während der Provokant kurz darauf rüde aus der Halle geworfen wurde, begleiteten ihn die Stimmen von 7000 Zuschauern, die alle "NAZIS-RAUS" riefen. Solche Lektionen waren weitaus hilfreicher, um fehlgeleiteten Fans die Richtung zu weisen, als verleumderische Hetze in der Tagespresse. Von 7000 Onkelzfans rausgeworfen zu werden, war mit Sicherheit ein einschneidendes Erlebnis für diesen Fan.
Die Stadt Bremen zeigte sich beeindruckt. Der Metal Hammer wählte das "schwarze Album" zur "Platte des Monats Dezember".

Mittwoch, 8. Februar 2012

Die Geschichte - Teil 54

Die Band war der ideale Sündenbock für die Versäumnisse der Gesellschaft. Sie waren eine Gruppe von Personen, die leicht angreifbar war, da sie im Interesse der Öffentlichkeit stand und sich auch innerhalb dieser Öffentlichkeit zwischen die Fronten wagte. 1993 wurden die Onkelz zum Repräsentanten dessen, was in der Gesellschaft schief lief. Sie waren ein Beispiel des "Sich-Bekennens" und zogen somit automatisch Ablehnung und Zustimmung auf sich. Sie holten die tief verborgenen Ängste herauf und hielten sie dem Land vor Augen. Sie und ihre Fans waren dazu bestimmt, den Hass auf sich zu ziehen. Welche andere Band hatte sich auf eine solche Art mit diesem Thema auseinandergesetzt ? Natürlich konnte man auch über Frieden und Liebe singen, aber das taten schon die anderen. Die Böhsen Onkelz entstanden aus Spaß am Punkrock. Rebellion und bedingungslose Provokation waren die Hauptmotivationen. Hass was das, was aus ihnen heraus kam und was in konsequenter Art und Weise über einen Zeitraum von mittlerweile 13 Jahren verarbeitet wurde. Der Hass, über den jetzt noch gesungen wurde, war der Hass, der von außen auf sie zu kam. Die Onkelz hatten innerhalb ihrer Fangemeinde einen Status der Glaubwürdigkeit erreicht. Eine  Dimension mit so vielen Polen, konnte man getrost Universum nennen. Dem Betrachter erschloss es sich nur, wenn er es einmal in seiner ganzen Länge durchschritt. Quereinsteiger mussten jung der sehr interessiert sein, wenn sie den Zugang zur Musik der Onkelz erlangen wollten. Jeder, der nur mal so reinhörte, um etwas über die Band zu schreiben, der begriff nichts. 1993 war der Hass längst nicht mehr so präsent wie 1984. "Der nette Mann" lag jetzt 9 Jahre zurück. Das hieß nicht, dass es keine netten Männer mehr gab. Kindesmissbrauch und Gewalt gegen Kinder waren 1993 genauso aktuell, wie immer. Der Hass, mit dem die Onkelz angeblich Geschäfte machten, war ein großes internationales Problem und war nicht den Onkelz anzulasten. Wer das nicht begriff, der war bei den Onkelz falsch, der würde in ihren Texten immer nur herauslesen, was in sein kleines Weltbild passte und der würde die Ansätze von Verständnis, die in vielen Liedern erkennbar waren, übersehen.


Am 01.05 organisierten die Onkelz ein eigenes "Rock gegen Rechts" Konzert in Geiselwind. 2000 friedliche Anhänger. Keine Ausschreitungen, keine Hitlergrüße, keine Glatzen. Die Onkelz überreichten dem Geiselwinder Bürgermeister einen Spendenscheck von 8000,- DM, ein Betrag, der für die Jugendarbeit ausgegeben werden sollte. Nach dem Konzert gab es positive Resonanz, sowohl in der Tagespresse, als auch im Fernsehen.
Es gab Frauenbands, die sich die "Lieben Tanten" oder die "Böhsen Schlampen" nannten, Fußballfanclubs, die Onkelzsprüche auf ihre Fahnen gestickt hatten. Ein Onkelz- und Opelfanclub mit dem Namen "Böhse Opels", "Böhse Onkelz MC" Motorrad Clubs, eine "Böhse Onkelt Rocker Kneipe" in Frankfurt-Sachsenhausen. Überhaupt gab es dort viele Kneipen aus dehnen Onkelzmusik dröhnte. Die Band hatte eine gewaltige Wirkung auf ihr Umfeld. Neu war, dass sich dieses Umfeld ausdehnte und dass es sowohl stahlharte Rocker, als auch Gymnasiasten und Hauptschüler, Teenies und Erwachsene ansprach, Kern-Asis, Sonderschüler und Freaks, Punks und Skins, Normalos und Fertige.
Ab 1993 wurden Onkelztexte im Sozialkundeunterricht durchgenommen. Lehrer ließen Onkelzmusik laufen, und Schulbücher befassten sich mit den beliebig interpretierbaren Texten. Oberbürgermeister verboten den Schulbüchereien Onkelzcassetten zu verleihen und Stadtväter verriegelten ihre Hallen.
Selten hatte eine Band mit ihrer Musik so viele unterschiedliche Meinungen provoziert.

Die Heiligen Lieder waren hart an der Grenze zur Vergoldung für 250 000 verkaufte Einheiten. Der Handel sträubte sich jedoch vor einer Goldverleihung. So wie der Eintritt in die Top Ten, wäre auch eine Goldene Schallplatte in diesem speziellen Fall eine Rekordleistung. "Gold trotz Boykott" musste also folgerichtig eines der nächsten Ziele der Band heißen. Nicht des Geldes wegen, sondern allein schon, um den Handel zu ärgern.
Die Onkelz machten alles im Alleingang. Bellaphon kümmerte sich längst nicht um all die Dinge, von denen sie noch vor 2 Jahren gesprochen hatten. Das komplette Management, die Konzerte, der Ordnerdienst und die Werbung wurde von dem Vier-Leute-Stamm in Frankfurt organisiert. Thomas Hess, Alphamann der krassesten Securitytruppe, die in und um Frankfurt zu buchen war, mauserte sich mehr und mehr zum Manager der Band. Unterstützt wurde er von Mo Sudmann, die für das Büro und die Diplomatie während der Verhandlungen mit Veranstaltern und Presse zuständig war. Stefan Siebert für´s Organisatorische und Stefan Stichler für die Fans und ihre T-Shirts.

Donnerstag, 19. Januar 2012

Die Geschichte Teil 52

Im Dezember kristallisierten sich endlich die Personen heraus, die in Deutschland systematisch gegen die Onkelz arbeiteten. Da war zum einen die Industrie. W. Orthmeyer von WOM, der massiv auf den Handel einwirkte und Th. Stein von BMG-Ariola, der jedem seiner Mitarbeiter mit Rausschmiss gedroht haben soll, falls dieser etwas mit den Onkelz zu tun hätte oder sich positiv über die Band äußern würde. Große Tiere bei CBS, Sony, MCA und WEA teilten diese Einstellung. Weiterhin die Mega-Konzertveranstalter M. Lieberberg und F. Rau, die immer wieder darauf hinwiesen, dass ihnen die Statements der Onkelz nicht ausreichten. alle waren sie große Verfechter der "Namensänderungstheorie". In Frankfurt kämpften D. Lieberberg, R. Scheffler und M. Friedmann von der CDU gegen die Böhsen Onkelz.
Hinzu kamen deutsche Künstler und Stars, von Campino über Lindenberg zu Gröhnemeyer und Maffay, die alle etwas über die Band zu sagen wussten.

M. Lieberberg wollte das größte und strahlendste Zeichen gegen Fremdenhass setzen, das Deutschland je gesehen hatte. Er versammelte 150 000 Stars vor der Frankfurter Festhalle ( Scorpiens, Bap, Westernhagen, Tote Hosen, die Prinzen, Klaus Lage, usw.). Alle waren da und alle waren sich einig. Für Toleranz, für Völkerverständigung, für Frieden, gegen Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit und gegen die Böhsen Onkelz.

"La Ola von der Messe bis zum Hauptbahnhof"
". . . Den Böhsen Onkelz, die mit ausländerfeindlichen Texten in der rechten Szene Anhänger gesammelt haben und aus unerfindlichen Gründen auch bei dem Konzert gegen rechts mitmachen wollten, sei freundlich aber bestimmt abgesagt worden . . ."
(Tagesblatt)

Das Festival "Rock gegen Rechts, Heute die - morgen Du", war eines der größten seiner Art. Noch im Sommer hatten die Onkelz in mehreren Zeitungen eine halbseitige Anzeige gegen Faschismus geschaltet und um eine faire Chance gebeten. Diese Absage war die kollektive Rache der Musikindustrie an der Band für den Hitparadenplatz Nr. 5 im September. Und alle waren sich einig darüber, dass sie gerade etwas Großartiges leisteten. In der FAZ war am nächsten Tag zu lesen :
"Die umstrittenen Böhsen Onkelz . . . wollten sich gern durch eine Teilnahme an dieser Aktion des guten Willens rehabilitieren. Leider wurde ihr guter Wille nicht zugelassen und damit die Chance vertan, populäre  Identifikationsfiguren von Jugendlichen, die für ausländerfeindliche Parolen anfällig sind, in die Aktion für Freiheit, Gleichheit und Menschlichkeit zu integrieren. Wenn die deutsche Rockszene nicht einmal in der Lage ist bekehrte Punk-Extremisten in die eigenen Reihen aufzunehmen, wenn hier keine Toleranzgrenzen überwunden werden können, wie sollen dann erst die internalisierten Vorurteile und Hassgefühle von Skins aufgeweicht werden ? Vielleicht hätten die Böhsen Onkelz den kommunikativen Brückenschlag zum feindlichen Lager geschafft, vielleicht wäre die Versöhnungsgeste ihrer Beteiligung als Signal von jenen Jugendlichen verstanden worden, die eben nicht nur die "guten Bap-Menschen" hören, sondern auch Rockmusik voller Gewaltsymbolik."


Freitag, 16. Dezember 2011

Die Geschichte Teil 51

Die Fortsetzung der Herbsttour war unmöglich geworden. Überall wurden Onkelzkonzerte verboten, Hallenpächter unter Druck gesetzt, Veranstalter bedroht und Ticketverkäufer angegriffen. Ein Angestellter einer Plakatierungsfirma, der die Heilige Lieder - Tourposter an die Werbefläche klebte, wurde von Autonomen mit dem Messer bedroht.
Dazu kam der Vorstoß der Musikindustrie beim Bundesverband Phono, alle rechtsradikale Musik schleunigst verbieten und die Onkelz aus den Charts ausschließen zu lassen.
Axel Merting, Platten- und CD-Ladenbesitzer in Darmstadt, der die Onkelz CD´s in seinem Laden verkaufte, bekam Drohungen per Telefon : "Haste ne gescheite Glasversicherung, weil es kann ja mal sein, dass ne Scheibe einfliegt." "Liegt dir was an deiner Gesundheit, dann hör auf mit dem Verkauf."
Auch der Vermieter der Eishalle in Darmstadt, war telefonisch schwer unter Druck gesetzt worden. Der Ticketverkauf wurde einestellt, der Erlös ging an den Ausländerbeirat der Stadt Darmstadt. Eine Entschädigung für die Fans gab es nicht.


Kevin hatte schlimme Paranoia und spülte sie mit 3 - 4 Litern Jägermeister pro Tag herunter. Russell war fast tot. Auge und Stephan holten ihn gegen Ende des Jahres aus dem Loch, in dem er lag. Kevin drückte. Jeden  Tag und jede Stunde. Dauernd musste er sich selbst verbinden, weil er sich ständig etwas aufschnitt. Füße, Arme oder Bauch. Dazu kam ein weiterer Überfall eines Dealers, der ihm das halbe Ohr abgerissen hatte. Kevin sah aus, als wenn ihn ein Panzer überfahren hätte. 60 Stiche am Kopf, strähnige, lange Haare, Vollbart bis zur Brust, die Pumpe im Arm, den Gürtel im Maul, barfuß im Winter, blutig von oben bis unten. Die totale Verwahrlosung. So sah er aus, wenn er drauf war. Wenn die Schmerzen kamen, dann wurde es schlimmer. Dann bekam er Wahnvorstellungen, brüllte und schrie. Wenn es soweit war, dann lief man am besten vor ihm davon. Dann wurde er rasend vor Hass auf sich selbst, auf die Böhsen Onkelz, auf Stephan, auf seine Mutter, die Politiker, die Rechten, die Linken, die Ausländer, auf alles. Kevin hasste das Leben mehr als jeder andere Mensch auf Gottes verfluchtem Planeten. Seit er zu drücken begonnen hatte richtete sich dieser geballte Hass nur noch gegen eine Person, und die war er selbst. Für Schlägereien war er längst zu schwach. Kevin wollte Schluss machen. Es reichte ihm so dermaßen, dass er hoffte, eines Tages nicht mehr aufzuwachen. Im Golden Sword hatte er drei Wochen im Koma gelegen und niemanden an sich herangelassen. Nicht einmal Stephan hatte noch mit ihm reden können. Zwischen jeder Flasche Jägermeister setzte er sich einen Schuß und wenn nichts mehr ging, dann kotzte er alles an die Wand. Niemand außer Stephan und Auge hatte schließlich den Mut aufbringen können, ihn aus diesem Elend herauszuholen. Der Anblick, der sich ihnen bot, war mehr, als ein normaler Mensch ertragen konnte. Das Heroin hatte ihn zu etwas gemacht, dass nichts mehr mit dem Mann zu tun hatte, der er einmal gewesen war. Er hatte eine Fixermentalität angenommen, die sich in wirrem Gerede und in wirren Gesten ausdrückte und die seine ganze Persönlichkeit verschluckt hatte. In der Obermainstrasse hatten die Onkelz eine Wohnung angemietet, wo Kevin entziehen sollte. Dort brachten sie ihn hin, aber sobald er nicht mehr unter Beobachtung stand, schälte er sich aus seinem Matratzenlager und besorgte sich neues "H". Das war auch das Ende von "Golden Sword Tattoos".


In Rendsburg, am 2. 12., wurde das Konzert eine Stunde vor dem geplanten Beginn abgesagt. Die Stadt hatte Antifa und Onkelzfans im Vorfeld gegeneinander ausgespielt, solange bis sie eine Handhabe hatte, die Show wegen "Tumultgefahr" absagen zu können. Wären die Fans gekommen, die man der Band nachsagte, so hätte es Gewalt geben müssen. Dass alles friedlich blieb, kann also nur daran gelegen haben, dass diese Fans nicht da waren. Der Fernsehbericht auf Sat 1 am selben Abend sprach für sich.
". . . vor der Diskothek empörten sich rund 200 Konzertbesucher und die sahen ganz anders aus, als man es ursprünglich erwartet hatte. Nicht die erwarteten Skins standen vor der gut gesicherten Diskothek "Walhalla", sondern normale Teenager aus Rendsburg und Umgebung. Für sie war das Verbot nicht verständlich. Sie machten ihrem Ärger Luft.
Langhaariger Metalfan : ". . . wir wollen alle nur Heavy Metal hör´n, und wir woll´n die Onkelz hör´n. Wir sind nicht rechts und wir sind nicht links . . ."
Fazit der Sendung :
Sprecher : Wären die Fans gekommen, die man der Band nachsagt, hätte Rendsburg sicherlich keinen ruhigen Abend erlebt, zumal gewalltbereite Linke auf eine Konfrontation mit rechtsradikalen Skins nur zu warten schienen. Die Stadtväter müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, durch ihr zögerliches Verhalten eine Eskalation provoziert zu haben."

Sonntag, 4. Dezember 2011

Die Geschichte Teil 50 - Talk bei Alfred Biolek

1992

Es war etwas passiert, was nach den Berechnungen und Prognosen der deutschen Musikindustrie niemals hätte passieren dürfen. Eine Band hatte mit ihrer Musik die Top Ten geknackt, ohne dass sie von oben "kontrolliert" oder "gepusht" wurde. Im Gegenteil, trotz massiven Boykotts und beispielloser Diffamierungskampagne. Seit dem Charteintritt der "Heiligen Lieder" benutzte die Presse zum ersten Mal den neuen und sehr einprägsamen Begriff "Rechtsrock". Mit dem "Rechtsrock" schuf man ein Medienphänomen von erlogener Größe und stellte die 200 000 Käufer der "Heiligen Lieder" als eine große radikale Bedrohung dar.

Am 3. Oktober hatten die Onkelz einen Gig in Kuhardt. Der örtliche Veranstalter rechnete mit 3000 Leuten. Zwei Drittel der Karten waren bereits verkauft. Der Gemeinderat hatte sich eilends zusammengefunden und den lokalen Organisator Gerd Weber zu einer Absage gedrängt.
Vor dem Konzert schrieb die Presse :
". . . beim Start der Deutschland-Tournee im schwäbischen Aalen besuchten etwa 200 - 300 Skinheads das Konzert, die sich mit Hitlergruß und ausländerfeindlichen Parolen bemerkbar machten. . . .aus Polizeikreisen verlautete, dass bei Onkelz-Konzerten immer mit Ärger zu rechnen ist . . ."
und nach dem Konzert :
". . . - Polizei verzeichnete störungsfreien Verlauf - Texte nicht zu verstehen . . . Kuhardt ist noch einmal davon gekommen . . . die Szene erinnerte mehr an einen Umtrunk im Freien, als an einen Aufmarsch gewalttätiger Skinheads . . . die zahlreichen Pickel im Gesicht verrieten, dass es sich eher um pubertierende Jugendliche, denn um gewalltbereite Rechtsradikale handelte . . ."
Im Oktober erschienen gut 60 Artikel in Illustrierten und Tageszeitungen, die sich mit dem "Rechtsrock" beschäftigten, und die Böhsen Onkelz als Aufhänger ihrer Recherche benutzten.Alle Artikel ließen sich auf die dpa-Meldungen des Septembers und Oktobers zurückführen. Viele Sätze aus dem Bericht von dpa-Korrespondent Carsten Hoffmann waren wortgleich übernommen worden.

Zeitgleich mit der Tagespresse wurde das Thema auch im TV aufgekocht. Im Herbst 92 war Stephan Weidner zu Gast bei "Boulevard Bio". "Kitsch, Kunst, Krawall - Musik in Deutschland" war das Motto der Sendung. Biolek machte zunächst auf die Musik der rechtsradikalen Szene aufmerksam, zählte die Namen der Hardcore Faschobands auf, um dann endlich beim aktuellen Erfolg der Onkelz zu landen.
Biolek : ". . . und sie werden nun, von der Presse auch, sehr stark in dieses Lager gezählt. Sie werden sogar als eine Kultband der rechtsradikalen Szene apostrophiert. Wie stehen sie dazu ?
Stephan : "Also, ich meine, da muss man wohl unsere Vergangenheit in Anbetracht ziehen, dass wir ´ne Zeit lang alle Skins gewesen sind, die ja bekanntlich einen leichten Hang zum Rechtsradikalismus haben . . .
Biolek : "Man sieht ihnen das gar nicht an . . .
Stephan : "Ja, komisch, ne ?"
Biolek : "Ja, aber Haare wachsen ja, wenn man sie nicht immer wieder schneidet . . .
Stephan : "So isses. Von daher können sie auch an der Länge meiner Haare feststellen, wie lange das schon her ist."
Stephan wiederholte zum 20. Mal, wie es zum "Türken raus"-Song gekommen war, welche Hintergründe dieser Song hatte und wie sie ihn damals empfunden hatten. Biolek wusste dann auch von der verbotenen Platte, so tief hatten "sie" schon gebohrt. Dass es dort Lieder mit nationalen Tendenzen gab, Gewaltverherrlichung und ein Lied in dem es ja eigentlich um Kindermord ging.
Langsam wurde Weidner warm : "Ich meine, es kommt immer drauf an, wie man Texte interpretiert. Wenn ich z.B. ein Lied über einen Kindermörder schreibe, heißt das längst nicht, dass ich ein Kindermörder bin. Sondern, dieses Lied wurde meines Erachtens total falsch interpretiert von der Bundesprüfstelle. Das Lied wurde zwar in der Ich-Form geschrieben, aber es sollte eigentlich nur aufzeigen, dass jeder, d.h. ihr Nachbar, mein Nachbar, rein theoretisch ein Kindermörder sein kann . . .
Irgendwann fiel dann endlich das Wort "politisch", auf das Alfred Biolek schon lange gewartet hatte.
Biolek : "Das, was man ihnen jetzt vorwirft ist hochpolitisch. Man sagt jetzt, dass sie einfach den rechtsradikalen Gruppen und zwar nicht den ganz extremen, nicht denen, die dann aus ihrem Konzert gleich losgehen und selbst ein Asylantenheim anzünden, sondern da gibt es andere Gruppen, so wie . . . die das also, äh, sehr viel perfekter, äh . . . vorbereiten. Aber man wirft ihnen vor, dadurch, dass sie sich nicht wirklich distanziert haben und dadurch, dass die neuen Texte auch sehr interpretierbar sind, dass sie sozusagen den ganzen Mitläufern, die ja dann bei den Asylbewerberheimen stehen und zumindest rufen und moralisch unterstützen, dass sie die in ihre Konzerte locken und denen auch so eine Art geistiges Umfeld geben."
Stephan : "Also, das sehe ich ein bisschen anders, ich glaube schon, dass wir uns eindeutig geäußert haben. Nur das war nicht das, was die Medien hören wollten, d.h., in Interviews, in denen wir eindeutig unsere Meinung gesagt haben, wurde uns das Wort im Mund rumgedreht. Die Medien wollten uns in diese Richtung drängen und haben uns auch ganz bewusst als Aufhänger genommen."
Biolek : "Aber wo stehen sie denn dann jetzt, eindeutig ?"
Stephan : "Ich meine, ich steh hier."
Biolek : "Erst mal stehen sie nicht, sondern sie sitzen, und sie müssen ja eine Haltung haben jetzt."
Stephan : "Selbstverständlich habe ich eine Haltung. Ich kann natürlich nicht akzeptieren, was passiert. Ich akzeptiere weder, dass Molotowcocktails in Asylantenheime geschmissen werden, wo Kinder drin wohnen etc. Ich mag weder eine rechte Bewegung, noch eine linke Bewegung, die sind mir beide zuwider. Ich mag keine politischen Extreme.
Als nächstes war der "Name" dran. Eine eindeutige Distanzierung, so fand auch A. Biolek, wäre die Änderung des Namens. Zusätzlich forderte er eine klarere Stellungnahme in den neuen Liedern. Die Texte der Heiligen Lieder, seien ja wenig festgelegt, meinte er. Natürlich kannte Biolek weder die Entstehungsgeschichte der Band, noch die eines der vielen Onkelzalben, aber er wusste, dass wenn man die Texte im Kontext mit den alten Liedern sehen würde, dann hätten sie eine eindeutige rechte Aussage. Von den Distanzierungen der Band über die vergangenen 7 Jahre hinweg, wusste er anscheinend nichts.
"Deswegen kommen immer noch so viele Rechtsradikale zu ihren Konzerten."
Stephan : "Ich meine dazu, da ist mit Sicherheit auch die Presse dran schuld. Eben so Bands wie . . ., die würde kein Arsch kennen, wenn sie die Presse nicht ständig erwähnen würde. Das ist meine Meinung. Zum  anderen : Würden sie ihren Namen ändern, nur weil sie ihrem Nachbarn mal vor die Tür geschissen haben ? . . . . Das ist ein Teil meiner Vergangenheit. Ohne dass ich durch die Scheiße gegangen bin, weiß ich nicht, was gut ist."
Dann kam´s knüppeldick. Biolek : "Aber sie wissen, dass man auch früher, als die Linksradikalen das Land erstmals in Atem gehalten haben, auch ideologische Vorwürfe, etwa an Böll gemacht hat und gesagt hat, sie haben das ideologische Feld sozusagen bereitet. Und man könnte sagen, durch das, was sie jetzt machen und ohne dass sie sich dezidiert distanzieren, bereiten sie das Feld für Dinge wie Roststock."
Stephan : "Also wir tun ganz klar auf unseren Konzerten, weil wir diese Problematik natürlich auch gesehen haben, d.h., ich habe nie die Ambition vor einem Haufen Rechtsradikaler zu spielen. Und wir reden ja auch immer von einer kleinen Gruppe, die auf Konzerten anwesend ist, die sage ich mal ein Faible für härtere Musik hat."
Biolek : "Ja, aber die Musik. Härtere Musik gibt es ja überall, auch bei Heavy Metal und so . . ."
Stephan : "Mich stört´s einfach nur, wenn wirklich . . . ich spiel vor 5000 Leuten und dann sind eben 50 Glatzen drin, und wir reden hier immer nur über die 50 Glatzen und nicht über den Rest."
Um jetzt die rauhe Atmosphäre eines Onkelzkonzertes hautnah rüberzubringen, spielte Biolek eine Sequenz aus dem "Live in Vienna" Video ein.
Biolek : "Wann war das ?"
Stephan : "War´n Haufen Glatzen da, ne ?"
Biolek : "Nö, auf diesem nicht. Auf diesem Video nicht."
Biolek konnte ihn mit fairen Mitteln nicht festnageln, also präsentierte er nun seinen Trumpf : Walter Wüllenweber, Journalist der Berliner Zeitung, der in der ersten Publikumsreihe saßund blumig seine Erfahrungen während eines Onkelzkonzertes in Kaiserslautern vor einem Monat schilderte. Aus Berlin war bis jetzt nur unqualifiziertes gekommen, wenn es um Onkelz-Berichterstattung ging. Wüllenweber hatte von Rockmusik keine Ahnung. Er gab zu Protokoll, dass er sich in den letzten Jahren auf das Thema "Rechtsextremismus" spezialisiert habe und auch aus diesem Grund auf dem Onkelzkonzert gewesen wäre. Als das Licht ausging, wollte er gesehen haben, dass das letzte hintere Drittel der Fans den Arm zum Hitlergruß hob und ihn während des gesamten Konzertes nicht mehr heruntergenommen habe. Die Band, so sagte er, habe sich nicht darum gekümmert. Höchst unwahrscheinlich, wo Stephan und Gonzo äußerst allergisch auf Hitlergrüße reagierten. Stephan beobachtete seine Zuschauer ganz genau. Es gab seit 89 immer wieder vereinzelte Skins, die sich vorgenommen hatten, Weidner zu provozieren oder die abchecken wollten, wie weit sie gehen konnten. In Kaiserslautern war es ähnlich. Genau vor Stephans Nase hatte sich eine tätowierte Glatze mit bloßem Oberkörper aufgebaut und grinsend den Arm zum Hitlergruß gestreckt. Sofort hatte Stephan seinen Bass abgeschnallt und ihn mit seinen Securityleuten rausgeschmissen. Das alles unter dem Beifall des gesamten Publikums.
Wüllenweber : ". . . Es hat z. B. eine Schlägerei gegeben, zwischen zwei Skins, . . . der Stephan hat da ein bisschen mitgemischt, die Musik ging weiter, offenbar hat das niemand als etwas Besonderes empfunden. . . Der Sänger, Kevin, hat dann von der Bühne gebrüllt, also ungefähr dem Sinn nach : "Ich sehe keine Türken, ich seh keine Neger, warum sollen wir uns gegenseitig die Köpfe einschlagen."
Stephan : "Sie sind ja wohl der größte Lügner, den ich je gesehen hab. Was erzählen sie denn für einen Scheiß. Ich hab einen von unseren Securityleuten auf einen Skin gehetzt, der den Hitlergruß gemacht hat, und deswegen war die Schlägerei. Was sie erzählen, ist ja wohl die größte Lüge, dass sie sich nicht schämen."
. . . .
Stephan zu Biolek : "Es gibt auch andere Zeugen für das Konzert, warum haben sie die nicht eingeladen ?"
Biolek : "Ich habe, äh, ein Journalist, der darüber geschrieben hat, äh, ich gehe davon aus, dass eine gewisse Sorgfaltspflicht eines Journalisten, also ich mein wenn er selbst . . .
Stephan : "Wissen sie, die Sorgfaltspflicht von Journalisten, habe ich oft genug kennengelernt. Ich habe Artikel über mich, da geht es um Ausschreitungen nach Konzerten von uns in Städten, wo wir nie gespielt haben . . .
Danach kam nicht mehr viel. Stephan bezog ein weiteres mal Stellung, ließ sich nicht festnageln und verwies erneut darauf, dass er jeder Zeit bereit sei auf einem Konzert "Rock gegen Rechts" aufzutreten, um seinen Standpunkt auch vor der Öffentlichkeit zu vertreten.
. . . .
Biolek : "Eine Frage Herr Weidner. Glauben sie nicht, dass viele heute nicht nur böse Journalisten sind, sondern, dass auch viele übersensibel sind wegen der Dinge, die passieren ?"
Stephan : "Natürlich. Das erkenne ich doch auch vollkommen an. Ich weiß auch, dass wir Fehler gemacht haben in unserer Vergangenheit. Das einzige, was ich möchte, ist einfach anzuerkennen, dass man sich verändert, dass man Erfahrungen sammelt, dass ich nicht derjenige bin, der ich vor 10 Jahren war, das sind sie auch nicht, und dass wir eine gewisse Entwicklung mitgemacht haben, Dinge erkannt haben, die Verantwortung erkannt haben.
Biolek : "Sie müssen verstehen, dassihnen das ewig . . ."
Stephan : "Warum muss ich das ? Warum können nicht ein paar Leute umdenken ?"
Spannung und Aufregung hatte Biolek versprochen. Aber eigentlich war es nur mies. Meinungsmache von vorn bis hinten. Das einzige wirkliche Highlight der Sendung war nur noch der Satz von Stephan zu Gotthilf Fischer, als er zu ihm sagte : "Bei ihren Konzerten sind wahrscheinlich mehr Rechtsradikale als bei unseren."

Sonntag, 20. November 2011

Die Geschichte Teil 49

Am 30. August 92 traten die Onkelz in der Eissporthalle in Aalen auf. Es war der Auftakt zur ersten "Böhse Onkelz-Deutschland-Tour in 12 Jahren Bandgeschichte. 4500 Fans waren gekommen. Die Zahl der Zuschauer hatte sich seit dem letzten Jahr also vervierfacht.
Anfang September erschienen die "Heiligen Lieder" auf dem deutschen Markt und waren, wie ihre Vorgänger, nur schwer erhältlich. Die großen Ladenketten, allen voran WOM, Saturn Hansa und Karstadt boykottierten die Platte verhement. Nach wie vor gab es keine Rundfunkeinsätze, keine Video- oder Fernsehbeiträge. Als Thomas Hess mit Stephan Weidner und Stefan Siebert im Sommer die Tour geplant hatten, waren sie von Zuschauerzahlen zwischen 800 - 1500 pro Show ausgegangen. Das erste Konzert in Aalen hatte bereits gezeigt, dass diese Einschätzung viel zu niedrig gewesen war. Der nächste Gig war für den 13. und 14. September in der Frankfurter Music Hall geplant, eine Disco, in der nicht mehr als 900 Leute Platz hatten. Es wäre das erste Mal seit 11 Jahren gewesen, dass die Onkelz in ihrer Heimatstadt gespielt hätten.
Die Konzertkarten waren nach ein paar Tagen ausverkauft, und die Anfragen rissen nicht ab. Als das B.O. Management das Konzert auf den 15. 9. verlegte und dazu die größere Hugenottenhalle angemietet hatte, stellte sich die Stadt quer. Aus Angst über das "gefährliche Rechts-Außen Potential", das sich angeblich zu gleichem Anlass schon in Aalen angesammelt hätte, kündigte die Stadt, unter dem Vorwand, dass die Saalmiete nicht rechtzeitig bezahlt worden wäre, den Mietvertrag. 3000 Karten waren bereits verkauft worden, und Die Bild schürte mit der Schlagzeile, "Auftrittsverbot - Neu Isenburg zittert vor den Böhsen Onkelz" noch das Feuer. Nach dem 15. 9. konnte die Presse nichts anderes berichte, als das die 500 umsonst angereisten Fans friedlich blieben. Natürlich waren viele frustriert, aber die Tatsache, dassStephan hingefahren war, sich persönlich mit den Fans unterhalten und bereitwillig Autogramme gegeben hatte, entschädigte so manchen. Dem Neu Isenburger Beispiel folgten die Städte Mainz und Erlenbach. Der Versuch dieser Städte, die geplanten Konzerte gerichtlich verbieten zu lassen, wurde jedoch in letzter Instanz abgewiesen. Kaiserslautern, Mainz und Erlenbach konnten ohne Zwischenfälle, allerdings nur unter der schweren Last einer zwiespältigen Presse durchgeführt werden.

". . . Städte zittern vor den Böhsen Onkelz
Randale in Aalen / bei Konzert in Mainz keine besonderen Vorkommnisse / Großeinsatz der Polizei . . . (Wiesbadener Kurier)

". . . Feuerzeuge kein Fackelzug . . . Böhse Onkelz und friedliche Anhänger . . ." (Mainzer Rhein Zeitung)

". . . Neudeutscher Name - Altdeutsche Gesinnung . . . Band ist neudeutsch und bedeutet Musikgruppe . Eine Formation also, die Melodisches, Klangvolles produziert. Wenn dieses Produkt dann in keinster Weise an Musik erinnert, muss sich die Band etwas anderes einfallen lassen, um mit Tonträgern und Konzertkarten Geld verdienen zu können. Die Böhsen Onkelz, die dem Erlenbacher Turnverein zwei beinahe ausverkaufte Hallen bescherten, sind Meister dieses Geschäfts . . . Die im Vorfeld geäußerten Befürchtungen bestätigten sich nicht, selbst die 200 Landes- und Bereitschaftspolizisten hatten einen ruhigen Abend . . ." (Erlenbacher Tageszeitung)

". . . Ganz normales Hard-Rock-Konzert - Befürchtungen wegen Böhse Onkelz waren unbegründet . . ." (Tageszeitung)

Ein wichtiger Aspekt zur Beurteilung der Presse, im Falle der Böhsen Onkelz, war sicher die mangelnde Kenntnis der Journalisten. Die wenigsten von ihnen besuchte regelmäßig Rockkonzerte und von den Böhsen Onkelz hatten die meisten von ihnen nie zuvor gehört. Wenn ein Journalist den Auftrag hatte über dieses Thema zu schreiben, dann schrieb schon mal der eine vom anderen ab, ohne auch nur jemals einen Song der Band gehört zu habe. Dazu kam, dass jeder, der sich als Journalist positiv über die Onkelz äußerte, damit rechnen musste, dass seine Kollegen ihn schnitten oder ebenfalls diffamierten.
Wolfgang Stach war einer der wenigen Journalisten, der die Distanzierungsversuche der Band nicht als Heuchelei darstellte, sondern Toleranz und Einsicht forderte :
". . . Eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Rockbands musste Konzerte aus Angst vor Krawallen absagen.  . . . obwohl die Gruppe auch nach Erkenntnissen des Bundesverfassungsschutzes nie rechtsradikale Lieder veröffentlichte, sich 1988 wegen zu starker Rechtstendenzen von der Skinheadszene lossagte und sich zu einer reinen Heavy-Metall-Band entwickelte, hängt ihnen die Vergangenheit immer noch nach . . . Die linke Szene machte mobil, Demonstranten drohten mit Randale und hatten Erfolg. Mehrere Konzerte wurden von den Hallenvermietern aus Angst vor Schäden abgesagt. . ."

Knappe 4 Wochen nach der Veröffentlichung hatten sich die "Heiligen Lieder" 200 000 mal verkauft. Am 29. 9. 92 standen sie auf Platz 5 der deutschen Top 100. Ein Vorgang, der, bedenkt man die Boykotte, mit denen das Album belegt wurde, in der Geschichte der deutschen Rockmusik einzigartig war.


Sonntag, 9. Oktober 2011

Die Geschichte - Teil 46


"Live in Vienna", das Doppelalbum und das Video erschienen zeitgleich im Februar 92. Die Heavy Metal Presse war von diesem Dokument schwer beeindruckt. Die Fans waren begeistert, endlich einen guten Live-Mitschnitt in die Finger zu bekommen. Rainer Funk schrieb einen positiven Bericht über das Wienkonzert für den Metal Hammer und die Tagespresse war für kurze Zeit ruhig gestellt. Wäre da nicht wieder der Spiegel gewesen. Unter der Überschrift "Proißens Gloria" - "rechtsradikale Bands, die in Westdeutschland meist in leeren Sälen spielen, finden im Osten ein begeistertes Publikum", brachte er im Mai 92 einen Einseiter, der sich mit der Bedrohung der rechtsradikalen Musik befasste. In diesem Artikel nannte der Spiegel die Böhsen Onkelz in einem Atemzug mit den übelsten Faschobands, sprach über die mangelnden Indizierungen dieser Platten und wusste zu berichten, dass es grundsätzlich zu Ausschreitungen während dieser Veranstaltungen käme und das diese Platten nur schwer zu bekommen seien.
". . . Als vor kurzem die Rechtsrocker Böhse Onkelz in Berlin gastierten, gab es vor dem Konzert eine Straßenschlacht. Aus Angst vor Autonomen und anderen Linken halten sich die Neonazibands und ihre Anhänger im Verborgenen . . . fest steht, dass die faschistischen Lieder neben Alkohol zu den wirksamsten Drogen zählen, mit denen sich die Jung-Nazis aufputschen, bevor sie Ausländer jagen oder Asylantenheime überfallen . . ."
In Verbindung mit den wirklichen Faschobands mochte der Artikel die richtige Aussage getroffen haben, nur hatten die Onkelz nichts damit zu tun. Ihre Statements waren unpolitisch, und das nicht erst seit gestern, außerdem hatten sie mehrfach darauf hingewiesen, dass sie nicht im Osten auftreten würden. Im "Animalize", einem deutschen Heavy Metal Magazin, dessen Chefredakteur Oliver Loffhagen, sich schon seit 1990 den Onkelz genähert hatte, erschien im Sommer 92 diese Anzeige :



Warum sich immer wieder alles um den alten Song "Mexico" drehte, war ein Rätsel. Bei jedem Gig brüllten die Fans nach diesem Lied. Was eigentlich als Fußball-Spaß-Sauf-Lied gedacht war, entpuppte sich immer mehr zur Onkelz-Hymne Nr.1. Zwar wurde jedes Lied, das die Onkelz spielten, mitgesungen, aber kein anderer Song wurde so massiv gefordert wie Mexico.

Montag, 19. September 2011

Die Geschichte Teil 44

Rainer Funk, zu dieser Zeit Redakteur beim Metal Hammer, war ein Onkelzfan, das war offensichtlich. Er fand, dass es an der Zeit war, die Medien endgültig aufzuklären. Er besuchte eine Pressekonferenz, die Bellaphon anlässlich der Präsentation der "Wir ham noch lange nicht genug" veranstaltete und verfasste einen Bericht, der so positiv war, dass die M.H.-Redaktion ihn ändern musste.
". . . umso erstaunter war ich über die neue Offenheit, welche endlich das nötige Licht in die eigene Vergangenheit brachte, die, so hatte es bisweilen den Anschein, der Gruppe wie ein Mühlstein um den Hals hängt . . ."
Mike Seifert vom "Rock Hard-Magazine" war auch anwesend. Er machte noch einmal den Vorschlag mit der Namensänderung, worauf Stephan und Gonzo antworteten :
" . . . Es wurde in der Presse aufgrund einer gewissen Unbedachtheit unsererseits vieles über uns einfach so dargestellt, ohne dass es umfassend recherchiert worden wäre. Das heißt, ich kann gar nicht sagen, dass ich mich von so vielem distanzieren muss, denn ich finde nicht, dass wir so viele Dinge gemacht haben, die das rechtfertigen, was letztendlich über uns gesagt wird. Ich krieg Presseberichte in die Hand, wo über Ausschreitungen nach Konzerten von uns die Rede war, wo Ausländerheime zerschlagen wurden, an Orten, wo wir niemals gespielt haben . . .
. . . es wäre ziemlich einfach und verlogen gewesen, einen anderen Namen zu wählen . . ."
Am Ende seines Artikels im Rock Hard kam Seifert zu dem Schluss :
". . . Es liegt nun an den Lesern sich ein eigenes Bild zu machen. Ich persönlich, der ich nun alles andere als ein Freund rechtsgerichteter Gesinnung bin, möchte nur soviel sagen : Mir sind Leute, die ihre eigenen Fehler einsehen lieber, als z.B. jene, die den Spruch "Fascho verrecke!" draufhaben, der nur eine Umkehr des Nazi-Slogans "Juda verrecke!" ist und somit keinen Deut besser . . ."


Wie massiv die Presse 1991 bereits polemisierte, war in zahlreichen Tageszeitungen nachzulesen. Die Fachblätter dagegen waren distanziert und kritisch, aber durchaus tolerant und gewillt, die "neue" Ausrichtung der Band zu akzeptieren. Ein Heavy-Metal-Blatt machte da allerdings eine traurige Ausnahme. Der "Metal-Star" schlug in die alte Kerbe. Er veröffentlichte die von ihm kommentierten Onkelzstatements der Pressekonferenz unter der Überschrift "Nazis - No Fun, Die Böhsen Onkelz". Im "Metal-Star" erschien dieser Bericht nur, weil auch in dieser Redaktion der Bedarf bestand, sich unbedingt zum schlimmen Thema der Ausländerfeindlichkeit zu äußern. Die Böhsen Onkelz, mit ihren hohen Verkaufszahlen und ihrem vermeintlich rechten Ruf, waren geradezu ideal für solche Vorhaben. Da sprachen Stephan und Gonzo während der Präsentation vor gut 50 Journalisten und bezogen klipp und klar Stelling. Darüber, dass sie nicht im Osten spielten, weil sie nicht vor einer Horde von Faschisten auftreten wollten, und davon, dass sie die Kirche ablehnten, weil die sich mit dem Geld der Kirchensteuer fette Tempel baute, während die Menschen in der dritten Welt verhungerten. Das waren alles Worte, die, wenn man sie von den Onkelz persönlich gehört hatte, nicht hätten angezweifelt werden müssen. Hier aber hatte der "Metal-Star", dessen Meinung über die Band schon vor der Konferenz feststand, nichts Besseres zu tun, als alles Gesagte mit einem abschließenden Satz unglaubwürdig erscheinen zu lassen : "Sind die Onkelz schleimige Lügner oder nur unheimlich doof ? (Anm. der Red.)". Damit gab das Magazin seinen Lesern sogleich den Denkanstoß in die gewünschte Richtung. Distanzierungsversuche der Band wurden auf diese Art bewusst zunichte gemacht.


13. Dezember 1991. "Böhse Onkelz live in Wien".
In Wien gingen die Meinungen über die Onkelz auseinander. Stefan Weber, Chef der Antifa-Band "Drahdiwaberl", hatte Bauchschmerzen, bei dem Gedanken an die Band und die Glatzenhorden, die auftauchen konnten. Lokaler Veranstalter Chris Bauer war dagegen voller Zuversicht und Optimismus : "Die Onkelz sind das, was die Toten Hosen und die Ärzte gerne wären, hart, dreckig, wild", so äußerte er sich im Vorfeld der Veranstaltung, der Presse gegenüber. "Drahdiwaberl" war in Wien für ihre Sex-Gemetzel-Auftritte bekannt und berüchtigt. Dass das, was während dieser Gigs an optischer Schlachterei geboten wurde, um einiges härter und blutiger war, als eine gesungene Darbietung des "netten Mannes", fiel den wenigsten auf. um die Nervosität aus dem Wochenende zu nehmen, war der Auftritt der Onkelz für Freitag, den 13. geplant, die anderen Bands sollten am Samstag spielen. Seit dem letzten Jahr verteilten die Onkelz vor ihren Konzerten Flyer, die den Fan wissen lassen sollten, dass sie nichts mit Faschismus und dämlichen Parolen zu tun haben wollten. Um diese Meinung auch persönlich vor den Fans zu vertreten, hatte Stephan es sich angewöhnt, vor jedem Konzert auf die Bühne zu gehen und eine Ansage zu machen. In Wien hatten sie diesen Wortlaut :
"OK, Leute, ich bin der Stephan von den Onkelz, ich hab euch kurz was zu sagen. Wir ham´ heut´ Lust hier  ´n guten Abend zu verbringen. Wir wollen hier keine Parolen hören. Wenn hier irgendwelche Skins nerven, hör´n wir auf oder ihr fliegt raus. Eins von beidem. Tut euch und tut uns den Gefallen. Wir können hier eine Menge Spass haben, wenn ihr euch diszipliniert verhaltet. Last uns  ´n geilen Abend haben. OK. Bis später !"
Die Zuschauerzahl belief sich auf 1500 - 2000 Leute und die Stimmung war bombastisch. Jede Strophe wurde mitgesungen, jeder Song gefeiert. Kevin war betrunken  und gab alles. Außer, dass er bei "Eine dieser Nächte" die erste Strophe vergaß, machte er keine Fehler. Sein Gesang war nicht grausamer als sonst. Im Gegenteil, der Whisky schien seiner Stimme gut zu tun. Je mehr er trank, desto brutaler konnte er singen und desto geiler fühlte er sich.
Rainer Funk vom Metal Hammer durfte die Onkelz für das "Live in Vienna" Video interviewen. Auch hier gab die Band explizite Statements über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, über die Abkehr von Gewalt und über das Beschreiten neuer psychedelischer Wege.


Die Böhsen Onkelz waren zu einer ernstzunehmenden, aufrührerischen musikalischen Kraft geworden, und das machte sie für die Medien interessant, für die Fans anbetungswürdig und für die öffentliche Meinung gefährlich.

Mittwoch, 14. September 2011

Die Geschichte Teil 43

Eine andere Frau war in Stephans Leben getreten. Er brach seine 10jährige Liebe zu Pia im August 91 ab. Die Ranch meldete Konkurs an und schloss im September ganz. Auch Gonzo und Pe kündigten ihre Jobs. Sie wollten sich jetzt voll und ganz auf die Musik konzentrieren.
Am 20. September griffen rechtsradikale Gewalttäter ein Asylbewerberheim in Hoyerswerda an. 32 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Mehrere Dutzend ähnliche Übergriffe folgten. Zeitgleich erschien im "Musikmarkt", dem Pulsmesser der deutschen Musikindustrie, ein Artikel über die Böhsen Onkelz. Dieser Bericht hatte einen durchweg positiven Tenor und kam der Wahrheit ungewohnt nahe.
. . . sie waren Skins, lange bevor die Glatze zum Symbol für rohe Gewalt wurde . . . nun haben auch Veranstalter den Bannstrahl gelöscht. Langsam öffnen sich erneut die Hallentüren für Böhse Onkelz; das Publikum kann sich wieder ein Bild dieser Formation machen . . .
Solche Worte im Musikmarkt lösten großen Protest in der Branche aus. Besonders die Berliner fühlten sich aufgerufen die Öffentlichkeit von den schlimmen "Naziüberfällen" in Neuköln zu unterrichten. Der Berliner Radio DJ und Musikkritiker Barry Graves ließ sich zu einem Leserbrief hinreißen, der auf eindrucksvolle Weise seine Unkenntnis der Thematik demonstrierte.
". . . ich selbst werde darauf hinarbeiten, dass die Sender auch generell alle Produkte der Firma Bellaphon boykottieren, bis diese sich von der Band trennt. . . Die Gruppe appelliert nun mal an die niederen Instinkte von Neonazis. Ob sie das aus Überzeugung oder aus kommerzieller Berechnung tut, ist dabei gleichgültig. Sie hat sich auch nie in eindeutiger Weise von ihrem missverständlichen Repertoire distanziert . . . bräunlich schimmerndes Image . . . ausschließlich Neonazis . . . angesichts der deutschen Geschichte unverantwortlich . . ."
Etwas, das später immer wieder auftauchte, war in diesem Leserbrief bereits deutlich herauszulesen. Die verständliche große Wut über die gewalttätigen Übergriffe und die scheinbare Ohnmacht, dagegen etwas tun zu können. Diese Ohnmacht wurde bei jeder erdenklichen Gelegenheit an den Böhsen Onkelz festgemacht. Auf diese Art und Weise konnten die Menschen in der Musikindustrie ihre lupenreine politische Gesinnung zur Schau stellen. Sie konnten sagen, und das taten sie immer wieder : "Seht her, wir tun auch etwas gegen den Rechtsradikalismus, wir verbieten Böhse Onkelz Konzerte und wir boykottieren ihre Platten, jedenfalls solange, wie sie ihren Namen beibehalten !"
Die Änderung oder die Entschärfung des Namens war für die Band indiskutabel. Würden sie ihren Namen ändern, dann würde ihnen die Presse anschließend genau das zum Vorwurf machen. Eine Namensänderung wäre ein Eingeständnis von Schuld gewesen oder auch der Versuch, die Vergangenheit in Nebel zu hüllen. Das Gegenteil war der Fall. Als die große Skinheadband, die tonangebende Formation innerhalb der Szene, die sie von 83 - 85 gewesen sind, war es mutig gewesen den Namen beizubehalten und der Szene den Rücken zuzukehren. Um als Ikone von seinem Sockel zu steigen und seinen Anhängern "Leckt mich am Arsch" zuzubrüllen, brauchten sie eine Menge Selbstbewusstsein. Nicht ein Eingeständnis von Schuld wollte man machen, sondern ein Eingeständnis von begangenen Fehlern. "Böhse Onkelz" stand von 80 - 82  für Frankfurter Hardcorepunk der reinsten Sorte, von 83 - 85 für Straßenprotest und Skinheadkult. Von 86 - 90 war nicht viel über die Band zu lesen. Erst durch den politischen Einfluss und die Kampagnen der Medien seit 1990, wurde aus dem Namen Böhse Onkelz ein Synonym für "Rechts" - oder "Faschorock". Nicht die Fans und nicht die Texte festigten das Bild der Onkelz als "rechte Band", sondern die Artikel in den Zeitungen. Was die Band selber anstrebte, war, dass der Name irgendwann für "tatsächlich mögliche positive Wandlung" stehen sollte. NOCH EINMAL : Die Böhsen Onkelz waren seit 1985/86 keine Glatzen mehr, und die rechtsradikale Szene hasste die Onkelz. Die Frankfurter Band war 1991 in diesen Kreisen seit langem als undeutsch, langhaarig und links verschrien. Die wenigen Skins, die jetzt noch zu den Konzerten kamen, waren entweder älter als 25, politisch/unpolitisch/unverbesserlich und/oder gewalltbereit, oder sie waren jung und hoffnungslos dem 87/88er Kult verfallen.
90% der Konzertbesucher und Plattenkäufer waren Headbanger, Alkoholleichen und Teenies. 

Freitag, 2. September 2011

Die Geschichte Teil 42


Kevin knallte das "Aitsch". Er war jetzt bei 2 Gramm pro Tag, das hieß, er gab ungefähr 5500 Mark im Monat für Heroin aus. Dazu kamen noch ein paat Tausender für Koks. Mit Alf hatte er sich endgültig zerstritten und schließlich ein Ladenlokal in der Albusstraße, unmittelbar neben der Cadillac Ranch, angemietet. Hier eröffnete er im Sommer 91 zusammen mit Auge seinen ersten eigenen Tattooladen, den sie "Golden Sword" nannten. Alle wussten von Kevins Heroinsucht und jeder sah wie haltlos er nach Trimmis Tod geworden war. Die Feiereien in der 28 hatten schlagartig aufgehört. Wenn Kevin alleine zu Hause war und sich zuballerte, passierte es manchmal, dass er sich etwas antat, dass er sich mit Messern malträtierte oder seine Möbel kurz und klein schlug. Kevin isolierte sich mehr und mehr von den Menschen, die nicht wie er an der Nadel hingen. Weidner war der einzige Mensch in Russells Umfeld, der ihm jedesmal die Meinung sagte. Stephan hielt Kevin gnadenlos den Spiegel vor. Ob er nicht merken würde, dass er sich den Herausforderungen des Lebens nicht wirklich stellte, dass er eigentlich nur davonlief und den Kopf in den Sand steckte ? Von Stephan bekam es Kevin knüppeldick. Oft waren sie kurz davor aufeinander loszugehen. Kevin zerbrach förmlich unter der Last, die auf ihm lag. Stephans Kritik und der bevorstehende Einstieg ins große Rockgeschäft, in Verbindung mit seiner Heroinsucht und dem Verlust des besten Freundes, die Probleme mit Moni und seiner Mutter, all das war mehr, als Kevin ertragen konnte.
Alle Lieder hatten einen konkreten Bezug zum gelebten Leben der vier Musiker, aber einige Stücke auf der neuen Platte hatte Stephan so geschrieben, dass sie aus Kevins Mund wie das Geständnis einer gewonnenen Erkenntnis klangen, so als wenn er manche Lieder nur für sich sang.


Zu einem großen Aufeinandertreffen von Onkelzfans und Onkelzgegnern kam es in der Nacht zum 25. Juli in Berlin-Neuköln. Ein Auftritt war für den 24.7. gebucht und gut 1000 Tickets waren verkauft worden. Der örtliche Veranstalter Ernie Loos wurde in den Tagen vor dem Konzert von der Presse als Nazi-Sympathisant diffamiert und abgestempelt. Überall konnte man Artikel lesen, in denen sich lokale Journalisten über den Fehltritt des Veranstalters ausließen. Vier Konzertagenturen sagten ihre künftigen Termine bei Loos ab, als sie von dem geplanten Gig der Böhsen Onkelz erfuhren. Bad Religion dürfte nicht auf der gleichen Bühne stehen wie eine "Nazi-Skin-Band". Und das obwohl Stephan einer der größten Bad Religion Fans überhaupt war und schwer auf die hochintelligenten Texte von Greg Graffin abfuhr.
Als die autonome Szene in Kreuzberg und Neuköln den Namen "Böhse Onkelz" hörte, drehte sie durch. Per Megaphon rief man den Widerstand zusammen. Etwa 100 Demonstranten machten sich schließlich auf den Weg, es den "Nazis" zu zeigen. Die Stadt Berlin hatte Ernie Loos und den Onkelz noch am selben Nachmittag eine einstweilige Verfügung reingereicht und ihnen gesagt, sie sollten das Equipment wieder einpacken, eine "Naziband" wollte man in Berlin nicht auftreten lassen. Loos verlegte den Beginn der Show einfach auf 24:00. Auf den nächsten Tag also, an dem die Verfügung nicht mehr griff und eine neue Verfügung während des Wochenendes nicht rechtzeitig beizubringen war. Was an diesem Abend passierte, war das, was später als das klassische Krawallklischee in Verbindung mit Onkelzkonzerten immer wieder Erwähnung fand. 400 Polizisten sicherten den Veranstaltungsort, während sie angegriffen wurden von Autonomen, die das Konzert verhindern wollten, von türkischen Kids, die sich hundsgemein provoziert fühlten und von Onkelzfans und Metal-Teenies, die mit ihren Tickets in die Halle drängten. Immer wieder gab es keilförmige Attacken von Jugendlichen gegen die Polizei. Die Onkelzfans bekamen reihenweise auf die Fresse. Von Autonomen und von Bullen gleichermaßen. In der Halle wurde durchgesagt, dass das Konzert es um 24:00 Uhr beginnen könnte, was den 200-300 Leuten, die schon drinnen waren, genug Zeit ließ, sich übel zuzurichten. Alle paar Minuten öffneten sich die Türen und jubelnde Fans kamen herein, die froh waren, dass sie es endlich geschafft hatten. Über Stacheldrahtzäune, durch Hintertüren, von allen Seiten, drängten versprengte Trupps vor die Bühne. Kaum einer, der nicht humpelte oder zerrissene Klamotten trug. Viele bluteten aus Nase oder Lippe. Irgendwann zog Auge sein Onkelz-T-Shirt aus und ging mit der Kamera vor die Tür. Unglaubliche Szenen spielten sich dort ab. Demonstranten rüttelten an Bullenwagen. Überall flogen Steine und brüllten Leute. Bullen prügelten auf Jugendliche ein, auch auf Mädchen. Brutal waren auch die Reaktionen der Presse. Die TAZ wusste am nächsten Morgen sofort den Schuldigen :
Die Böhsen Onkelz spielten rechte Lieder
. . . nach Polizeiangaben griffen rund 100 Demonstranten gegen 20:00 Uhr Polizeibeamte an, die zum Schutz der etwa 400 rechten Besucher aufgezogen waren . . .
. . . ein Polizist soll leichte Verletzungen erlitten haben . . .
. . . ein Skinhead soll mit einer Machete bewaffnet gewesen sein . . .
. . . die Rockgruppe Böhse Onkelz war vor Jahren durch neonazistische Texte bekannt geworden, von denen sie sich inzwischen angeblich distanziert haben. Axel Schulz : "Für mich ist eine Band solange eine Neonazi-Band, solange sie für Neonazis spielt . . ."
Skinheads waren dort gewesen, von denen einige vorläufig festgenommen wurden und nur wenige bis in die Halle gelangt waren. Von einem Nazipublikum und einer Naziband zu sprechen, erfüllte den Tatbestand von Rufmord.


"Wir ham noch lange nicht genug" erschien im August 91 und enthielt im Booklet folgende Nachricht an die Fans :
"Da uns die Öffentlichkeit und die Medien nicht die Möglichkeit geben, nur Teilwahrheiten verbreiten oder uns das Wort im Mund rumdrehen, wollen wir die Gelegenheit wahrnehmen, um Euch einiges über uns und den Verlauf unserer Karriere zu erzählen.
Waisenknaben sind wir bestimmt nicht, und wir sind uns bewusst, Dinge gesagt und getan zu haben, die starke Kontroversen hervorgerufen haben. Darunter auch Äußerungen, die wir so nicht mehr nachvollziehen können. Die Reaktion der Medien steht aber in keinem Verhältnis zu dem, was wirklich war. Wir haben uns zu keinem Zeitpunkt als faschistische Band gefühlt, obwohl uns dies bis heute unterstellt wird. Der einzig positive Aspekt an dem Widerstand, der uns bis heute entgegen gebracht wird, ist der, dass unsere Freundschaft und der Zusammenhalt in der Band verstärkt wurde. Genauso gefestigt hat sich, in unseren Augen auch der Zusammenhalt zwischen Euch und uns. Wir wissen von den Schwierigkeiten, die ihr habt, wenn ihr Euch zu uns bekennt. Wir sind uns aber sicher, dass wir eines Tages diesen vorgefertigten Meinungen und Lügen über uns die Kraft nehmen.
Danke für Eure Unterstützung." - August 91
Stephan - Pe - Gonzo - Kevin